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Jürgen Herres: Köln in preußischer Zeit, 1815-1871

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Wie Köln zur modernen Großstadt wurde

Die sechs Jahrzehnte der Kölner Stadtgeschichte von 1815 bis 1871 waren eine Art Gründerzeitalter. Zwischen Biedermeier und Reichsgründung entwickelte sich die uns bekannte Welt der Industrie. Eine Zeit zivilgesellschaftlichen Bürgersinns und kapitalistischen Unternehmergeistes. Die Dampfschifffahrt auf dem Rhein nahm 1825 in Köln ihren Anfang. Es entstanden erste Aktiengesellschaften. Und 1835 nahm in Köln die rheinischbelgische Eisenbahn ihren Ausgang. Als Handels, Banken und Verkehrsmetropole wurde die Rhein und Domstadt, seit 1855 mit mehr als 100 000 Einwohnern, zu einem wichtigen regionalen Schwerpunkt in einer sich industrialisierenden Nation. Kölner Banken trugen wesentlich zur Finanzierung der Industrialisierung bei.

Als Mittelpunkt eines den größten Teil der nördlichen Rheinprovinz umfassenden katholischen Erzbistums stellte Köln seit 1825 ein Zentrum des deutschen Katholizismus dar. Die Modernisierung des rheinischen Karnevals nahm in Köln ihren Ausgang. Am 10. Februar 1823, vor 190 Jahren, zog zum ersten Mal ein Rosenmontagzug durch die Straßen der Stadt. Der „König Carneval“ musste jedoch schon bald – auf Druck der preußischen Behörden – in „Held Carneval“ umbenannt werden. Kölner Ereignisse, wie insbesondere die zum Begriff gewordene Verhaftung des Kölner Erzbischofs Droste zu Vischering am 20. November 1837, erschütterten Deutschland.

Der Autor hat eine Vielzahl neuer Quellen erschlossen. Kölner Archive genauso wie die erst seit einigen Jahren wieder vollständig zugänglichen Akten der preußischen Monarchen und der preußischen Ministerien in Berlin (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz). Dadurch kann der Autor das Verhältnis von Köln und Berlin tatsächlich als rheinischpreußische Beziehungsgeschichte erzählen, in ihren Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten zwischen Konfrontation und Kooperation. Der Autor hat als einer der letzten Historiker die Aktenbestände des Kölner Stadtarchivs für das 19. Jahrhundert ausgewertet; davon zeugen auch eine Reihe von Illustrationen im Band, Fotos des Autors von nun verlorenen oder schwer beschädigten Akten.

Im Dialog mit den zeitgenössischen Quellen werden private Briefe, Zeitungskorrespondenzen und Flugblätter genauso wie interne Aktenvermerke herangezogen. Die zahlreichen Zeitgenossen, die zu Wort kommen, eröffnen eine Vielzahl von spannenden Perspektiven. Es ist eine Darstellung, die in allen historischen Bereichen – Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion – neues Wissen über diese so wichtige Ära der Kölner Stadtgeschichte darbietet.

Es ist eine Geschichte des städtischen Raumes und der Kölnerinnen und Kölner, aber auch eine Beziehungsgeschichte, eine Geschichte der schwierigen rheinischpreußischen Beziehung. Nachdem die ehemalige Reichsstadt Köln, 1794 bis 1814 französische Bezirksstadt, vom Wiener Kongress am 8. Februar 1815 zu Preußen geschlagen wurde, entwickelte sie sich als selbstbewusstes Zentrum von Gewerbe, Handel und Banken zu einem politischen Gegenpol zu Berlin. Heute, in einer Ära der europäischen Vereinigung, verdient diese staatliche Integrationsgeschichte mit ihren Krisen und Spannungen neue Aufmerksamkeit. Zugleich war Köln, im 19. Jahrhundert die drittgrößte preußische und fünftgrößte deutsche Stadt nach Berlin, München, Hamburg und Breslau, auch eine wichtige preußische Festung. Eine der stärksten Festungen des preußischen Westens. August Bebel, der Begründer der SPD, wurde als Sohn eines Unteroffiziers in den Deutzer Kasematten geboren.

Es ist eine Geschichte der städtischen Gesamtgesellschaft, nicht nur des Bürgertums oder der Arbeiter. Von den französischen Revolutionstruppen und von Napoleon in den modernen Kapitalismus katapultiert, sahen sich die Kölnerinnen und Kölner mit grundlegenden Fragen der Gerechtigkeit, der Gleichbehandlung und der Gleichberechtigung konfrontiert. Der Autor zeigt, wie sie versuchten, in einer sich industrialisierenden Gesellschaft die Freiheit des Einzelnen und die Ansprüche von Gesellschaft und Staat in ein neues Verhältnis zu bringen. Und wie sich aus der Stadtgesellschaft heraus wichtige zivilgesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Initiativen und Aufbrüche entwickelten. So wird die große Bedeutung der Kölner „Handelsfrauen“ veranschaulicht.

Deutlich wird, wie die Fabrikarbeiter in Bayenthal oder die Kinder in den Stecknadelfabriken lebten, wie die vielen einfachen Menschen sich mit Schlauheit, Kraft und Zähigkeit behaupteten und zum „urbanen Versprechen“ der Stadt beitrugen. In konfliktträchtigen Prozessen stadtgesellschaftlicher Selbstfindung und Selbstdefinition gelang es den Bewohnern Kölns, neue Solidaritäten zu entwickeln und zügellosem Profitdenken neue Verantwortung für das Gemeinwesen gegenüberzustellen.

Nach der Besitzergreifung durch die Hohenzollern entwickelte sich am Rhein in einem Prozess, den der Autor als nachholende Identitätsbildung beschreibt, die politische Perspektive einer selbstbestimmten Organisation der Gesellschaft. Dabei beriefen sich die „Rheinländer“ auf das französische Erbe, die französischen Wirtschafts und vor allem die napoleonischen Rechtsreformen. In Abgrenzung zu den Regulierungsansprüchen des autoritären preußischen Staates, der von einer Adelselite dominiert wurde, betonten sie die Überzeugung, wie dies 1845 der Kölner Unternehmer Gustav Mevissen formulierte, dass „freie Institutionen der Haupthebel der Industrie“ seien.

Köln wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts Mittelpunkt eines rheinischen Liberalismus, eines rheinischen Radikalismus (Karl Marx) und auch eines rheinischen Katholizismus. In Preußen, dem Staat der zwei Hälften, wurde das Rheinland zu einem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gegenentwurf, einem Alternativmodell. Noch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts waren sprachliche Distanzierungen Alltag. Die Kölner nannten „fast Alles im Osten des Rheins ‘Berlinisch’“. Die rechte Rheinseite war für sie „die Berliner Seite“ oder „AltPreußen“.

Handels und Brückenstadt an einer der wichtigsten Binnenwasserstraßen Europas, wurde Köln im 19. Jahrhundert zum Verkehrsknotenpunkt Westdeutschlands, aber auch zu einer Industriestadt von beträchtlichem Gewicht. Als Finanzplatz erlangte Köln eine Bedeutung, die weit über den rheinischwestfälischen Raum hinauswies. Und die Bevölkerung der Gesamtagglomeration – Köln und nähere links und rechtsrheinische Umgebung – vervierfachte sich auf über 200.000 Einwohner.

Gerade am Kölner Dom lässt sich dieser spannende Aufbruch nachvollziehen. Nachdem die Bauarbeiten im Mittelalter eingestellt worden waren, war er mehr als ein Viertel Jahrtausend nicht mehr als ein halbfertiger Torso, der von den französischen Revolutionstruppen sogar als Pferdestall benutzt worden war. Zum Wahrzeichen der Stadt wurde der langarmige Baukran auf dem Südturm des Doms, der auf vielen Zeichnungen, Gemälden und auf den ersten Fotografien zu sehen war. 1842 machten Bürgerschaft, preußischer Staat und katholische Kirche dem jahrhundertelangen Baustopp ein Ende. Obwohl längst morsch und fast gebrauchsunfähig, wurde der Kran nun zum Symbol der Entschlossenheit, die gotische Kathedrale nach den mittelalterlichen Plänen fertig zu stellen. Demonstrativ wurde am 4. September 1842 mit dem Tretradkran noch einmal ein mächtiger Steinquader in die Höhe befördert.

Ende 1868 baute man diesen hölzernen Kran ab und ersetzte ihn durch eine Dampf¬maschine. Den alten Baukran verewigte man noch einmal in eindrucksvollen Fotos, nicht jedoch die neue Apparatur. Dampfmaschinen waren längst alltäglich geworden. Trotz heftiger Konflikte und großer technischer und finanzieller Schwierigkeiten konnte der Dom noch vor der Reichsgründung von 1871 – bis auf die Türme – fertig gestellt werden. Es war ein ungeheures Unternehmen, das nur von der beginnenden Industrialisierung in den Schatten gestellt wurde.

Als Mittelpunkt eines den größten Teil der nördlichen Rheinprovinz umfassenden katholischen Erzbistums stellte Köln seit 1825 ein Zentrum des deutschen Katholizismus dar, der sich erneuerte und nach Rom orientierte. Zu Unrecht gilt das 19. Jahrhundert als ein säkularisiertes Jahrhundert, das durch Entkirchlichung und Glaubensschwund geprägt war. Es gab auch die Erneuerung religiöser Überzeugungen, konfessioneller Identitäten und kirchlicher Bindungen, und zwar in allen Konfessionen und religiösen Bekenntnissen.

Diese Erneuerung von Religion und Kirche löste politische Konflikte aus. Vor 175 Jahren, am 20. November 1837, kam es mit der Verhaftung des Kölner Erzbischofs zum ersten preußischen Kulturkampf. Das „Kölner Ereignis“ war ein wichtiges europäisches (keineswegs nur preußisches) Ereignis, das das Verhältnis von Politik und Religion im 19. Jahrhundert dauerhaft veränderte. Es betraf elementare Bereiche des gesellschaftlichen und individuellen Lebens, mit weitreichenden Folgen.

Köln war im 19. Jahrhundert eine wichtige Gerichtsstadt. Sitz eines der bedeutendsten Gerichtshöfe in Deutschland, des Rheinischen Appellationsgerichtshofs, an den heute noch eine Straßenbezeichnung erinnert. Auch nach der preußischen Besitzergreifung von 1815 am Rhein bestand das französische Rechts und Gerichtswesen fort. Alle Versuche einer Rechtsvereinheitlichung scheiterten am Widerstand der Rheinländer. Und Preußen war gezwungen hinzunehmen, dass nebeneinander zwei Rechtssysteme existierten, das Allgemeine preußische Landrecht und das französische Recht.

In der von Frankreich übernommenen Rechts und Gerichtsordnung sahen die „Rheinländer“ eine Art rechtlicher Grundlegung staatsbürgerlicher Gleichheit und Freiheit. Am Rhein wurde Recht von mit Laien besetzten Geschworenengerichten gesprochen, statt von Gerichten, die ausschließlich mit beamteten Richtern besetzt waren. Durch ihre Öffentlichkeit konnten Geschworenenprozesse immer wieder eine besondere, auch politische Dynamik entwickeln, vor allem im vormärzlichen Preußen, einem spätabsolutistischen Obrigkeitsstaat ohne Verfassung, der die Öffentlichkeit durch Polizei und Zensur zu reglementieren versuchte. Gerade den Kölnern wurde ein „kaufmännischjuristischer Charakter“ attestiert. Große Prozesse – wie der Kölner Kommunistenprozess von 1852 – erregten immer wieder die deutsche Öffentlichkeit. 1824 fand die erste öffentliche Hinrichtung mit der Guillotine in preußischer Zeit in Köln statt.

Foto: Greven Verlag Köln

Der Autor:

Dr. Jürgen Herres, geb. 1955 in Trier. Historiker. Mitarbeiter der BerlinBrandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Akademienvorhaben MarxEngelsGesamtausgabe (MEGA).

Jürgen Herres
Köln in preußischer Zeit
1815–1871
(Geschichte der Stadt Köln, Band 9)
Greven Verlag Köln, 2012
520 Seiten mit 126 Abbildungen
Leinen mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-77430-452-9
EUR 60,00

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Koeln-Magazin.info berichtet in Stadtgeschichte-Spezial über "Bewegte Zeiten: 2000 Jahre Köln". Französische Reformer und preußische Planer - Revolutionäres Savoir-vivre verbindet sich mit strategischem Schaffensdrang heißt der Beitrag auf Koeln-Magazin.info passend zum vorgestellten Buch.

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