Koeln Deutz, rechtsrheinisches Stadtviertel mit Koeln-Messe und Bahnhof

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Gestern Kastell, heute Kölnarena

Der Messeturm gehörte zum alten Messegelände

Deutz hat mehr zu bieten als einen Bahnhof

Markus Schnitzler

Deutz diente den Römern einst als Festung. In der Neuzeit entwickelte sich das lange Zeit selbstständige Gebiet auf der rechten Seite des Rheins zum Verkehrsknotenpunkt und wirtschaftlichem Zentrum der Metropole. Allerdings kann man sich auf der „schäl Sick“ auch gut erholen.

Der Kölner Sänger Ludwig Sebus ermunterte die Menschen in seinem wohl bekanntesten Lied zu einem besonderen Blick auf die Heimat. „Luur ens von Düx noh Kölle, vum Staune bes de platt. Em Dunkele, em Helle, wie schön es doch uns Stadt!“ („Schau von Deutz nach Köln, da staunst Du und bist platt. Im Dunklen, im Hellen, wie schön ist doch unsere Stadt.) Die rund 16.000 Einwohner von Deutz brauchen heute nicht mehr über den Rhein hinüber zum Dom zu schauen, um sich wohl zu fühlen. Denn ihr Stadtteil, der erst seit 1888 zu Köln gehört, beherbergt einige der wichtigsten Gebäude und Einrichtungen der rheinischen Großstadt.

Von hier oben hat man einen schönen Blick über den Rhein

Ein heftig diskutiertes Hochhaus

Wer heute die Aussicht auf Köln genießen will, begibt sich auf die Plattform im KölnTriangle. Das Hochhaus ist mit seinen 29 Etagen auf 103,2 Metern das höchste Gebäude auf der „schäl Sick“, wie die Kölner das rechtsrheinische Gebiet nennen. Während der Ende 2004 abgeschlossenen Bauphase war das Gebäude noch als LVR-Turm bekannt, weil der Landschaftsverband Rheinland als einer der Hauptmieter gehandelt wurde. Doch vor der Eröffnung mischte sich die UNESCO in die Planungen ein. Die Organisation drohte damit, dem Kölner Dom den Status als Weltkulturerbe abzuerkennen, weil der Turm am anderen Ufer eine zu große Konkurrenz darstelle. Nachdem das Problem auf kölsche Art gelöst war („et hät noch immer jotjejange“), erhielt das Hochhaus seinen heutigen Namen und die Luftsicherheitsbehörde EASA bezog ihre Büros. Jüngeren Lesern dürfte es durch die Castings der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt sein.

Der Rheinpark: Wochenendziel für viele Kölner und Ort für Kulturveranstaltungen aller Art wie im Tanzbrunnenoder dem Theater (unten)

Entspannung im Rheinpark

Wer lieber die Ruhe genießen will, kann dies im Rheinpark tun. Die Grünanlage entstand, als Kaiser Wilhelm II. genau 25 Jahre auf dem Thron saß. Anlässlich der Bundesgartenschau 1957 wurde der Park auf eine Fläche von 480.000 m² erweitert. Indem Architekt Schönbohm Trümmerschutt mit Pflanzen überdeckte, schuf er mehrere kleine Hügel. Ebenfalls seit 1957 bietet der Tanzbrunnen eine Freilichtbühne für Konzerte und ähnliche Veranstaltungen. Am Rande des Parks findet man außerdem die Bäder der Claudius-Therme und das städtische Jugendzentrum „Jugendpark“. 20 Jahre später fand die Bundesgartenschau erneut auf der größten Grünfläche in Deutz statt, die 2007 als Deutschlands schönster Park ausgezeichnet wurde. Besucher, die nicht zu Fuß gehen wollen, können die Schmalspur-Eisenbahn nutzen, die auf einer zwei Kilometer langen Strecke durch den Rheinpark fährt. Anschließend kann man in einer Gondel der Kölner Seilbahn den Rhein überqueren.

Stars in der Kölnarena

Viele echte Stars konnten die Kölner bereits in ihrer größten Veranstaltungshalle erleben. Um endlich eine Halle zu bekommen, die dem großen Selbstbewusstsein der Stadt entspricht, entschloss man sich Mitte der 90er Jahre zum Bau der Kölnarena. Die Arbeiten nach einem Entwurf der skandalumwitterten Philipp Holzmann AG verschlangen in 26 Monaten Bauzeit rund 300 Millionen DM. Einen Monat nach der Eröffnung der multifunktionalen Arena im Oktober 1998 fand das erste Konzert mit Elton John statt. Seitdem standen und stehen hier zahlreiche internationale und deutsche Musiker auf der Bühne. Die kölschen Bands Bläck Fööss und Höhner verbreiten nicht nur im Karneval, wenn die Düxer Clowns und all die anderen Jecken die Kölnarena als Nachfolger der Lachenden Sporthalle nutzen, gute Stimmung. Außerdem ist das 76 Meter hohe „Henkelmännchen“ mit dem markanten Bogen Schauplatz für sportliche Großereignisse. Die deutschen Handballer lieferten bei der WM 2007 in der Heimstätte des VfL Gummersbach mit dem Titelgewinn die Antwort auf die Frage „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Die Eishockey-Weltmeisterschaft wird 2010 schon zum zweiten Mal in der Kölnarena stattfinden, wo auch der lokale Eishockey-Verein Kölner Haie seine Heimspiele austrägt.

Ankunft am Deutzer Bahnhof


Wesentlich mehr Passagiere befördern die Züge, die täglich auf dem Bahnhof Köln Messe / Deutz ein- und ausfahren. Die Geschichte des Eisenbahnverkehrs in Deutz begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Bergisch-Märkische Gesellschaft einen Bahndamm errichtete. Die erste Strecke führte 1845 nach Düsseldorf. Wenige Jahre später erhielt Deutz den Anschluss an die andere Rheinseite und das Hotel Bellevue wurde zum Bahnhofsgebäude umfunktioniert. Der Deutzer Bahnhof in seiner heutigen Form wurde 1913 ausgerechnet am jecken Datum, dem 11. November eröffnet, kurz bevor der erste Weltkrieg Deutschland heimsuchte. Heute gliedert sich der Turmbahnhof in zwei Teile: Auf der oberen Ebene fahren die Züge in Ost-West-Richtung, unten auf der Nord-Süd-Achse. Im zweitwichtigsten Bahnhof der Stadt, der seit 1996 ein ICE-Terminal ist und 2007 wegen Umbauarbeiten vorübergehend geschlossen war, halten fast alle Züge, die auch im Hauptbahnhof vorbeikommen. Seit Ende 2004 trägt der Bahnhof den Namen Köln Messe / Deutz.

Der Deutzer Bahnhof ist einer der zentralen Verkehrsknotenpunkte Kölns

Händler auf der Kölnmesse


Verantwortlich für die Umbenennung war die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Kölnmesse. Auf dem Messegelände finden jährlich siebzig Fachmessen sowie 2000 Kongresse statt. Zu den Fachmessen, von denen 25 in ihrem Wirtschaftszweig führend sind, gehören unter anderem die Lebensmittelmesse Anuga, die Kunstausstellung Art Cologne und das Fotografen-Treffen photokina. 42.000 Unternehmer aus 120 Staaten nutzen die elf Hallen mit insgesamt 284.000 m² sowie die 100.000 m² Freifläche, um ihre Produkte anzubieten. Die Geschichte der Kölnmesse begann nach einer Initiative des damaligen Kölner Oberbürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Am 11. Mai 1924 eröffnete Reichspräsident Friedrich Ebert die erste Messe. 2005 verließ die Kölnmesse ihren bisherigen Standort in den Rheinhallen, die zukünftig vom Fernsehsender RTL genutzt werden. Der Neubau der Messe-Nordhallen, die im Januar 2006 ihre Tore öffneten, wurde vom für Außenstehende völlig unverständlichen kölschen Klüngel begleitet, der in einem Steuerskandal gipfelte.

Die Messe besuchen jährlich Tausende Aussteller aus aller Welt
Auch Deutz hat einen imposanten Sakralbau vorzuweisen: St. Heribert

Der Dom auf dem Tempelhof


Eine klare Regelung hinterließ hingegen Mechtildis Neuhoff. In ihrem Testament vererbte sie das Gelände des Tempelhofs 1881 an die Gemeinde, verlangte aber, dass auf dem Gelände an der Deutzer Freiheit spätestens zehn Jahre nach ihrem Tod mit dem Bau einer Kirche begonnen werden müsse. Die neuromanische Kirche St. Heribert wurde 1896 fertiggestellt. Der „Düxer Dom“, wie er im Volksmund heißt, steht auf einem Gelände, das einst von der Benediktiner-Abtei St. Pantaleon in die Hände des in viele Legenden verstrickten Templerordens gelangte, bevor es 1312 in den Besitz der Johanniter überging. Der zentrale Blickfang der dreischiffigen Pfeilerbasilika, deren Grundstein vom Jerusalemer Ölberg stammt, ist der Schrein mit den Reliquien Heriberts. Der ehemalige Erzbischof gründete nach einer Schenkung Ottos III. im Jahre 1003 die Benediktiner-Abtei Deutz.

Römer, Franken und Schweden kommen

Die Geschichte von Deutz begann allerdings bereits in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung. Nach zwei fränkischen Invasionen ließ Konstantin der Große ab 310 das römische Kastell Divitia errichten. Die 141 Meter lange Verteidigungsanlage mit vierzehn Türmen und einer drei Meter hohen Mauer sollte die strategisch wertvolle Rheinbrücke sichern. Überreste der Porta praetoria aus dem vierten Jahrhundert nach Christus sind heute noch im Osten der Kirche St. Urban zu sehen. Ab 430 ließen sich fränkische Bauern in dem Kastell nieder und gründeten die Gemeinde Divitia civitas. Knapp 600 Jahre später trat dann der bereits erwähnte Heribert auf. Als einer der bekanntesten Äbte leitete 1121 bis 1129 der Theologe Rupert von Deutz das Kloster. Seit Erzbischof Heinrich I. Deutz 1230 zur Stadt erklärte, stritten sich die mächtigen Herren aus Köln und der Umgebung immer wieder um dieses Gebiet, das im Kölner Krieg 1583 völlig zerstört wurde. Die Schweden marschierten 1632 auch mal in Deutz ein und sorgten mit einer Sprengung in der Kirche St. Urban für Aufregung. Der Frieden von Nimwegen brachte 1678 vorerst Ruhe und die Festung verschwand.

Die Preußen und das Vergnügungsviertel

Für die Wiederbelebung der Garnisonsstadt waren 1816 die Preußen verantwortlich, die Deutz nach der napoleonischen Besatzung vom Großherzogtum Berg übernommen hatten. Sechs Jahre später verband der Vorgänger der 1915 eingeweihten Deutzer Brücke die Stadt zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten wieder mit Köln. Die Schiffsbrücke löste die Gierponte (fliegende Brücke) aus dem Mittelalter ab. 1857 teilte sich die Bürgermeisterei in die Stadt Deutz und Deutz-Land (später Kalk) auf. Im Laufe des 19. Jahrhunderts regierten drei Bürgermeister in der selbstständigen Stadt, die sich gerne vom großen Köln abgrenzte. Während das Glücksspiel jenseits des Rheins verboten war, durften die Menschen hier das Schicksal herausfordern, was Deutz den Ruf eines Vergnügungsviertels einbrachte. Ein Dutzend Gasthäuser siedelte sich an der Deutzer Freiheit an. Diese Straße ist heute noch eine beliebte Einkaufsmeile mit vielen Gaststätten. In der parallel verlaufenden Siegesstraße vergnügten sich die Kölner bis vor wenigen Jahren in der kölschen Kneipe Lommerzheim, besser bekannt als „Lommi“.

Bauarbeiten im Stadtteil

1888 konnte sich Deutz dem Einfluss des großen Nachbarn nicht mehr entziehen und wurde als neuer Stadtteil eingemeindet. Das 20. Jahrhundert war von umfangreichen Bauarbeiten wie z.B. auf den Ringstraßen geprägt. Der 1907 eröffnete Rheinhafen ermöglichte einen industriellen Aufschwung. Es verging kaum ein Jahr, in dem nicht irgendwo im „Veedel“ ein neues Gebäude oder ein Platz entstand. Das Gymnasium (1912), das Deutz-Kalker Bad (1914) und das Eduardus-Krankenhaus (damals politisch unkorrekt „Krüppelhaus“ genannt) sind nur einige Beispiele. Von den katastrophalen Folgen des Zweiten Weltkriegs blieb auch Deutz nicht verschont. Die Juden fuhren vom Bahnhof Deutz aus in den Tod; ihre Gemeinde, die sich um die 1786 an der Deutzer Freiheit erneuerte Synagoge versammelte, wurde vernichtet. Die verbliebenen Einwohner bauten ihre zerstörte Infrastruktur wieder auf. Heute leben rund 16.000 Menschen in dem seit 1975 zum Bezirk Innenstadt gehörenden Stadtteil. Wenn sie – wie ihr berühmter Mitbürger Willi Ostermann – an ihre Heimat denken, können sie stolz sein. Deutz ist zu einem bezeichnenden Stadtteil Kölns geworden.

Quellen / weitere Informationen:

Wikipedia-Artikel „Köln-Deutz“
http://de.wikipedia.org/wiki/Köln-Deutz

Informationen der Kölner Stadtverwaltung
http://www.stadt-koeln.de/bezirke/innenstadt/stadtteile/deutz/

Schäl Sick online
http://www.schael-sick-online.de/

Historische Informationen bei Livius.org
http://www.livius.org/cn-cs/cologne/deutz.html

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