Französische Reformer und preußische Planer

Anzeige

Französische Reformer und preußische Planer

Revolutionäres Savoir-vivre verbindet sich mit strategischem Schaffensdrang

Die französischen Freidenker schneiten herein, schnitten alte Zöpfe ab, vermittelten wichtige Grundsätze und bereiteten den Boden für die Zukunftsvisionen preußischer Reißbrettspezialisten. Und das alles umwehte der Duft frisch gebackenen Weißbrots.

„Vive la France!“ Zur allgemeinen Überraschung erschienen 1794 die siegreichen französischen Revolutionstruppen plötzlich vor dem Hahnentor. Rat und Bürgermeister behielten jedoch den Überblick und öffneten in realistischer Einschätzung der Kräfteverhältnisse freiwillig die bis dahin unbezwungenen Tore Kölns.

Zunächst beherrschten die Revolutionstruppen, dann Napoleon die vormals freie Stadt. In dieser Zeit wurden zwar alle Stifte und Klöster säkularisiert – wobei so mancher Kirchenschatz verschwand – ,aber es wurden auch viele überalterte Strukturen beseitigt. Die alten Zünfte wurden aufgelöst, was neuen Industrien und aufstrebenden Handwerkern Raum zur Entfaltung gab. Mit dem „Code Civil“ wurde 1800 in den rheinischen Départements ein klares, fortschrittliches, noch lange nach der Franzosenzeit (bis 1899) gültiges bürgerliches Gesetzeswerk eingeführt. Durch andere Maßnahmen, wie etwa die Einrichtung des Friedhofs Melaten weit außerhalb der damaligen Stadtgrenzen, verbesserten sich die hygienischen Verhältnisse in Köln und die Gesundheit der Bevölkerung. Auch auf die geistige Gesundheit wurde geachtet: Die reaktionäre Universität wurde 1798 kurzerhand geschlossen und sollte erst 1919 ihren Dornröschenschlaf beenden.

1798 sorgten die Franzosen auch dafür, dass Minderheiten wieder friedlich im Stadtgebiet siedeln durften. Die Juden kehrten zurück, und 1802 eröffneten die Protestanten mit der Antoniterkirche ihr erstes Gotteshaus in Köln. Beide Gruppen brachten als Unternehmer, Bankiers und Kaufleute frischen Wind in das städtische Wirtschaftsleben. Seit 1801 gehörte das Rheinland zum französischen Staatsgebiet, und alle Kölner Bürger erhielten automatisch die französische Staatsbürgerschaft. 1803 ordnete Napoleon dann die Errichtung von Handelskammern in ganz Frankreich an. Die erste Kammer, die so auf „deutschem“ Boden gegründet wurde, war der „Chambre de Commerce“ in Köln. Nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig war es jedoch 1814 mit Napoleons Gastspiel vorbei, und die Franzosen rückten ab.

Das berühmte „Eau de Cologne" stammt übrigens nicht aus der Zeit der französischen Besatzung. Der italienische Parfumeur Johann (Giovanni) Maria Farina (1685–1766) entwickelte als Nachfahre berühmter italienischer Aromateure schon 1721 das älteste Kölnisch Wasser. Das Destillat wurde unter Verwendung italienischer Limetten, Bergamotte, Neroli, Petitgrain, Orangen, Zitronen, Grapefruit und Cedrat hergestellt und machte Köln weltweit bekannt. Die von Farinas Vater 1709 gegründete Kölner Parfümfabrik gilt als die älteste der Welt. Erst 70 Jahre nach Farina begann Mülhens das Kölnisch Wasser zu produzieren, das nach der französischen Hausnummer seines Ladens später „4711“ genannt wurde.

Die Preußen im Baufieber
Auf dem Wiener Kongress 1815 waren die rheinischen Gebiete den Preußen zugesprochen worden. Als neue Herren führten sie viele der französischen Reformen weiter, und Köln erlebte seine dritte große Blüte: die Umwandlung zur modernen Industrie- und Dienstleistungsstadt. Um 1800 lebten hier 40.000 Menschen, 1888 waren es schon 200.000. 1914 hatte Köln 650.000 Einwohner, und seit Mitte der siebziger Jahre liegt die Zahl konstant um die Millionengrenze.

Im Hinblick auf die stark anwachsende Bevölkerung betrieb man eine durchdachte Stadtplanung, was im 19. Jahrhundert noch eine Seltenheit war. Die nördlich und westlich der alten Stadtmauern gelegene Neustadt wurde mit großen, geraden Ausfallstraßen konzipiert. Radial um den alten Kern wurden Ringstraßen geführt und ein dichtes Netz kleinerer Verbindungen und Plätze angelegt. Allerdings schmerzt es noch heute, dass ein weltweit einmaliges Monument sang- und klanglos der Wirtschaft geopfert wurde: Ab dem 11. Juni 1881 wurden die riesigen mittelalterlichen Stadtmauern bis auf wenige Reste abgerissen, um einer neuen Geschäftsstraße, den Ringen, zu weichen. Parallel zur gestalterischen Stadterweiterung kam es 1888, 1910 und 1914 zu links- und rechtsrheinischen Eingemeindungen, die die Einwohnerzahl enorm steigen ließen. Allein 1914 betraf dies 13 Orte.

Die Wege werden kürzer
Auch der Fernverkehr wurde durch verschiedene Maßnahmen vorangetrieben. Ab 1825 verkehrte der erste Dampfer auf der Linie Köln – Rotterdam – Antwerpen. Zwei Jahre später wurde eine bewegliche Schiffsbrücke über den Rhein gespannt – der erste halbwegs solide Übergang seit anderthalb Jahrtausenden. 1839 fauchte dann die erste Eisenbahn durch Köln. Zwanzig Jahre später entstand der „Centralbahnhof“ im Schatten des Domes, zusammen mit einer festen Brücke, die die Züge auf die andere Rheinseite beförderte. Doch schon 1890 musste mit dem Bau eines neuen, stark erweiterten Hauptbahnhofs begonnen werden, der 1894 eröffnet wurde. Auch eine belastbarere Brücke, die Hohenzollernbrücke, wurde errichtet.

Bereits 1820 war in der Südstadt eine Badeinsel zum Hafen umfunktioniert worden. Als die einsetzende Dampfschifffahrt und der Eisenbahnbau zu einem höheren Handelsaufkommen führten, musste ein neuer Hafen her. So entstand das „Becken am Bayen“, dem mittelalterlichen Bayenturm. 1892 war die Befestigung des Hafens abgeschlossen, und dieser wurde in „Rheinauhafen“ umbenannt. In den Jahren 1909/10 wurde er weiter ausgebaut.

1839 war übrigens nicht nur der Beginn der Kölner Eisenbahn: Damals gründete Franz Stollwerck seine erste Kölner Firma, aus der 1860 seine weltberühmte Schokoladenfabrik hervorging. 1993 erfüllte sich der Kölner Hans Imhoff hier im Rheinauhafen einen Traum und ließ das Kölner Schokoladenmuseum errichten – er hatte seine Kindheit im Duft der nahe gelegenen Stollwerck-Fabrik verbracht und das Werk später sogar übernommen.

Durch die 1910 fertiggestellte Südbrücke wurde der Eisenbahnverkehr zusätzlich stimuliert. Der übrige Verkehr nutzte die 1915 entstandene Hindenburgbrücke. Auch die Automobilindustrie profitierte von Köln: 1862–76 entwickelte der Kölner Nikolaus August Otto den nach ihm benannten Verbrennungsmotor, der in seinem örtlichen Motorenwerk hergestellt wurde. Die 1898–1901 erbaute Wuppertaler Schwebebahn war ebenfalls ein kölsches Kind: Der Kölner Eugen Langen entwickelte und testete die Bahn ausgiebig auf einer Probeanlage in Köln-Deutz.

Köln – ein revolutionäres Pflaster?
Auf politischer Ebene ging die rasche Industrialisierung längst nicht so glatt über die Bühne. Karl Marx lebte 1842/43 in Köln und schrieb für die radikale „Rheinische Zeitung“, bis diese 1843 von den Preußen verboten wurde. Fünf Jahre später kehrte Marx mit Friedrich Engels nach Köln zurück, um mit ihm die „Neue Rheinische Zeitung“ herauszugeben. Wiederholt rief Marx 1848/49 zum Klassenkampf auf. Die revolutionären Aktivitäten in Köln scheiterten jedoch kläglich, endeten aber glücklicherweise unblutig – wohl nicht zuletzt aufgrund des allgegenwärtigen preußischen Militärs. Der umstürzlerische, demokratische Elan löste sich in Nichts auf, und ein konservativer, politischer Katholizismus behielt in Köln bis 1933 die Oberhand. Auch Bismarcks Kulturkampf wenige Jahre nach der Reichsgründung bewirkte eher das Gegenteil: Der Erzbischof und die Stadt rückten enger zusammen als je zuvor.

In der Kulturpolitik hingegen tat sich so manches: 1823 fand der erste, vom eigens gegründeten „Festordnenden Comitee“ organisierte Rosenmontagszug statt, der seitdem nur 33 mal aus gewichtigen Gründen abgesagt wurde. Ein neues Stadttheater wurde erbaut, Denkmäler errichtet und größere Grünanlagen angelegt. Im Hausbau herrschte der Klassizismus vor, bei den neuen Kirchen der neogotische oder neoromanische Stil.

Doch der Bau des Domes überstrahlte alle anderen Bautätigkeiten: 1842 waren die Arbeiten in einer Welle nationaler Begeisterung wieder aufgenommen worden, und am 23. Juli 1880 war mit der Fertigstellung des Nordturms der Dom das höchste Bauwerk der Welt. Die schon seit Februar für Mitte August geplante Einweihungsfeier platzte als Kaiser Wilhelm I. im August beschloss, den Termin auf den Geburtstag seines Bruders im Oktober zu verlegen. Das Domkapitel wurde in die Planung nicht mit einbezogen. Das große städtische Dombaufest mit historischem Festzug wurde ganz auf den Kaiser ausgerichtet und fand leider ohne den Kölner Erzbischof und das brüskierte Domkapitel statt.

Wer die Feier boykottieren wollte, hätte sich übrigens im Kölner Zoo amüsieren können. Der drittälteste zoologische Garten Deutschlands war bereits 1860 in Riehl eröffnet worden und genießt heute internationales Renommee.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben