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Die freie Reichsstadt

Krankheit, Kriege, (Glaubens-)Krisen – wer folgt wem?

Schwere Zeiten für Köln: Die Ankunft der Pest führte zur Vertreibung der Juden. Die Zünfte und die Patrizier lagen sich jahrzehntelang in den Haaren. Konvertierende Bischöfe erschütterten die Grundfesten der Kirche. Sogar der Dombau musste eingestellt werden. All dies hatte auch die Gründung der Universität und die Präsenz vieler kluger Köpfe nicht verhindern können. Und dann übernahm ein kleiner Kaufmann die Stadt.

Kölns Mauern blieben unbezwingbar und die Patrizier frei, der Handel blühte. 1334 ließ sich der Kartäuserorden in der Stadt nieder und entwickelte bald eine ungeheure Aktivität. Einige Jahre zuvor hatte bereits der Chor des Domes geweiht werden können. Alles schien bestens – doch dann kam die Pest.

1349 verheerte die Seuche die Stadt, und die Bürger suchten einen Sündenbock. In der „Bartolomäusnacht“ vom 23. auf den 24. August entlud sich ihre Angst und Verzweiflung in einem furchtbaren Judenpogrom. 1404 wurde dann eine „Judenordnung“ erlassen, die ihnen starke Einschränkungen auferlegte. Der im Oktober 1424 auslaufende Aufenthaltsvertrag mit der Stadt wurde nicht verlängert. Nach der Vertreibung siedelten sich die Juden in Deutz an, wo sie unter dem Schutz des Erzbischofs Dietrich von Moers eine Gemeinde bildeten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Juden in Köln über 1100 Jahre lang eine traditionsreiche und hoch angesehene Gemeinde unterhalten.

Auch zwischen anderen Gruppierungen innerhalb der Stadt gärte es im 14. Jahrhundert: In den Jahren 1364, 1370 und 1391 fanden regelrechte, kleine Bürgerkriege statt. Das Aufleben des Konflikts zwischen Zünften und Patriziern endete mit dem Sieg der Zünfte. Der „Verbundbrief“ – die erste Stadtverfassung – vom 14. September 1396 stellte einen tragbaren Kompromiss der Machtinteressen der verschiedenen Bürger- und Handwerkergruppen dar: Die Verfassung sollte viele Jahrhunderte überdauern. Wie bereits in vielen italienischen Städten repräsentierten jetzt auch in Köln zwei Bürgermeister die Stadt und teilten sich das Amt.

Kultur und Bildung – ein Schritt nach vorn
Am 22. Dezember 1388 wurde die Universität zu Köln gegründet. Sie entsprang einer Initiative der Bürger, auch wenn diese sich noch die päpstliche Erlaubnis Urbans VI. für diesen Schritt einholen mussten. Die Kölner Universität ist die älteste bürgerliche (d.h. nicht durch einen Kaiser oder den Papst gegründete) Hochschule der Welt. Zudem ist sie eine der ältesten Universitäten Europas und die zweitälteste auf bundesdeutschem Boden. Wie erhofft, brachten die Studenten und ihre Professoren noch mehr Geld nach Köln, allerdings auch mehr Trubel – und dies nicht immer zur Freude der Stadtherren.

1447 war mit dem Gürzenich ein Festsaal vollendet worden, der bald hohen Besuch sah. Zwischen 1474 und 1494 verweilte Kaiser Friedrich III. fünfmal in Köln, 1505 und 1512 fanden hier sogar zwei Reichstage statt. Soweit sich dies bei den umherziehenden Kaisern überhaupt sagen ließ, wurde Köln in jener Zeit praktisch zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Das auffälligste Symbol der städtischen Macht war der Rathausturm, der an Pracht alle Kirchen und Adelssitze der Umgebung übertraf: Ein deutliches Zeichen der Bürger der selbstbewussten Handelsstadt an die Bischöfe und Adligen. 1475 garantierte Friedrich III. der Stadt sogar das „Privileg der Reichsunmittelbarkeit“ – nun stand kein Lehnsherr und kein Geistlicher mehr zwischen Kaiser und Stadt. Ein Freibrief für Köln.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts machte die Metropole dann ihre ersten zaghaften Schritte als „Medienstadt“. So druckte Hermann Bungert 1509 ein Messbuch, dessen Qualität noch heute überzeugt. Freiherr Michael von Aitzing druckte ab 1581 in Köln ein periodisch erscheinendes Nachrichtenblatt. Und später druckte die Familie Hirtzhorn u.a. auch luthersche Schriften, was im Oktober 1554 mit einer Gefängnisstrafe geahndet wurde.

... zwei Schritte zurück
Mit dem 16. Jahrhundert brachen für die Kölner allerdings schlechte Zeiten an. Sowohl 1507 als auch 1512 wurden die beiden Bürgermeister im Verlauf innenpolitischer Auseinandersetzungen ermordet. 1520 wurden die Schriften Martin Luthers offiziell verbrannt. 1525/26 erschütterten Ausläufer des großen Bauernkrieges in Süddeutschland die Stadt.

Drei Jahre später wurden auf der Hinrichtungsstätte Melaten die Protestanten Peter Fliesteden und Adolf Clarenbach verbrannt. Der Kölner Erzbischof Hermann V. von Wied, der dieser Hinrichtung und später auch der Verbrennung lutherscher Schriften auf dem Domhof noch tatenlos zugesehen hatte, versuchte ab 1540 selbst die Reformation durchzusetzen.

Ignatius von Loyola, Gründer des der Gegenreformation verpflichteten Jesuitenordens, schickte 1542 den Savoyarden Petrus Faber nach Deutschland. Dieser gründete mit elf Kölner Studenten die erste Jesuitengemeinschaft auf deutschem Boden.

1547 trat der konvertierte Erzbischof Herrmann zurück, um ein Blutvergießen seiner Anhängerschaft zu vermeiden. Erzbischof Gebhard II. erging es später ähnlich: 1582 konvertierte er und verkündete die Religionsfreiheit. Nachdem das Domkapitel einen Jesuiten zum Gegen-Erzbischof ernannt hatte, kam es 1583–88 zum Kölner Krieg, den Gebhard verlor.

Den traurigen Tiefpunkt des Jahrhunderts für die Stadt bildete jedoch die Kapitulation vor der ganz großen Aufgabe: 1560 wurden die Arbeiten am Torso des Domes eingestellt – ein klares Zeichen, dass in Köln der Anspruch und die wirkliche Größe immer weniger zusammenpassten. Und das, obwohl im Vertrauen auf den Handel 1553 die Kölner Börse gegründet worden war; eine der ältesten Börsen der Welt. Der unvollendete Südturm des Domes mit seinem weithin sichtbaren Baukran prägte nun fast drei Jahrhunderte das Stadtbild.

„Es hätt noch immer jot jejange ...“
In der Folgezeit gab es einige Anstrengungen, um die Stadt wieder aus der Talsohle herauszuführen: Die Rathauslaube, der Spanische Bau und das Zeughaus dokumentierten die noch immer vorhandene architektonische Potenz. Auch die niederländische Renaissance übte einen spürbaren Einfluss aus. Nachdem die Niederlande sich 1581 von Spanien losgesagt hatten, verbesserten sich ihre Beziehungen zu Köln ganz deutlich. Als starke Handelsnation entsandten die Niederlande einen Legaten nach Paris und einen nach Köln (1591). Der englische Adlige Thomas Coryates, der den Kontinent 1608 bereiste, war voll des Lobes für die Stadt Köln. Seine Beschreibungen in der „Venedig- und Rheinfahrt 1608“ zeichnen ein lebhaftes Bild dieser Zeit.

Auch der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) erwies sich, so makaber es klingen mag, als Glücksfall für Köln. Die Stadt blieb neutral und handelte kräftig mit allen beteiligten Parteien. Kölner Kanonen waren äußerst begehrt – die schwersten und besten Exemplare behielten die Kölner jedoch sicherheitshalber dem eigenen Arsenal vor. Lediglich dem überregionalen Handel war die Neutralität der Stadt abträglich.

1660 wurde in Köln eine Gruppe von Stadtsoldaten als Schutztruppe aufgestellt. Sie waren für die Zollkontrolle zuständig, überprüften die Passierscheine und bewachten die Zugänge der Stadt. Wegen ihrer leuchtend roten Uniformen, die man auch im Dunkeln gut erkennen konnte, bezeichnete man sie als „Funken“. (Die heutigen „Funken“ im Kölner Karneval stellen eine Persiflage auf die Stadtsoldaten dar. Weil diese nicht für militärische Bravourleistungen bekannt waren, tragen die Funken im Karneval Blumen in den Gewehrläufen. Auch das Werfen von „Kamelle“ steht für ungefährliche Schüsse.)

Ab 1678 stellten die Barockbauten noch einmal den Reichtum und die Pracht der Stadt unter Beweis, z.B. mit der Jesuitenkirche St. Mariä Himmelfahrt. Allerdings mussten für die Projekte diesmal viele auswärtige Künstler und Handwerker herangeholt werden, weil das eigene Potenzial schlicht nicht mehr ausreichte.

Klüngel und Korruption
1680 rüttelte Nikolaus Gülich, ein gescheiterter Kaufmann, die Stadt dann gründlich wach. Er war ein begabter Agitator und versprach, die Korruption und Vetternwirtschaft der reichen Patrizier aufzudecken und die Stadt selbst besser zu führen. Seine Anhänger waren meist kleine Bürger, die unter den schlechten wirtschaftlichen Bedingungen litten. Aus Mangel an politischem Organisationstalent gelang es ihm jedoch nicht, die Macht zu nutzen, die er sich erkämpft hatte. 1686 wurde er angeklagt und hingerichtet. Ein Bronzeabbild seines abgetrennten Kopfes, das über hundert Jahre lang eine „Schandsäule“ in Rathausnähe zierte, warnte die Bevölkerung vor ähnlichen Aktivitäten.

1797 wurde die Säule dann von Leuten entfernt, die die Stadt von Grund auf umkrempeln sollten.

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