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Heinrich Böll

Kölner Literat und kritischer Mahner(1917 - 1985)

Heinrich Böll, einer der berühmtesten Autoren der westdeutschen Nachkriegszeit, kam am 21. Dezember 1917 in der Teutoburger Str. 26 in der Kölner Südstadt zur Welt. Er war das achte Kind von Victor Böll und seiner zweiten Frau Maria. Später schrieb er, er sei dort geboren, "wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt; wo weltliche Macht nie so recht ernst genommen worden ist, geistliche Macht weniger ernst, als man gemeinhin in deutschen Landen glaubt..."

Seine Kindheit hatte er in guter Erinnerung. Heinrich besuchte die Katholische Volksschule und dann das humanistische Kaiser-Wilhelm-Gymnasium. Seine frühe Jugend verbrachte er in einem Köln, das er liebte, von dem er auch später immer gerne sprach.

Nach dem Abitur begann er eine Buchhändlerlehre, wurde dann zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und 1939 in die Wehrmacht einberufen. Bis 1945 kämpfte er an der Ost- und Westfront und wurde mehrmals verwundet. Als er nach Köln zurückkam, war die Stadt ein Trümmerhaufen und Heinrich Böll am Beginn einer glänzenden literarischen Karriere.

Politisches Engagement

Autoren beschreiben Städte, prägen sie, machen sie berühmt. James Joyce tat das mit Dublin, Manuel Vázquez Montalbán mit Barcelona, Alfred Döblin mit Berlin und Thomas Mann mit Lübeck. Für Böll stand Köln dagegen schriftstellerisch nie sehr im Mittelpunkt. Er blickte weit über den Kölner Tellerrand Hinaus. Sein literarisches Werk ging einher mit seinem politischen Engagement, unter anderem für die Rechte der Armen in Bolivien, Ecuador und Südafrika. Er schrieb vor allem über die Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und die westdeutsche Nachkriegszeit, war politisch aktiv, mischte sich ein. Er kämpfte gegen die umstrittenen Notstandsgesetze, beherbergte sowjetische Dissidenten wie Lew Kopolew und plädierte im „Spiegel“ für einen menschlichen Umgang mit RAF-Gefangenen. Das war damals ein Skandal, es kam zu einer Hausdurchsuchung.

Konservative Kreise empfanden Böll als hochgefährlich. Sie beschimpften den merkwürdigen „Linkskatholiken“ vom Rhein als Brandstifter und geistigen Sympathisanten des Terrors, was ihn zutiefst verletzte. Später nahm er an Demonstrationen gegen die atomare Bedrohung und 1983 an einer Blockade des Raketenstützpunkts Mutlangen teil, Die einen hielten ihn – ganz unabhängig von seinem literarischen Werk – für einen verbrämten Gutmenschen und Querulanten, die anderen für einen Kämpfer für die gute Sache. Lew Kopolew sah in ihm einen „hilfsbereiten, warmherzigen Menschen“, Willy Brandt einen, der „ dem Spießertum in die Parade“ fährt und BAP-Sänger Wolfgang Niedecken „einen Freund“.

Böll war ein Politikum, vor allem die Springer-Presse schoss sich auf ihn ein. Als er 1972 als erster Autor der Bundesrepublik den Literaturnobelpreis bekam (Hermann Hesse und Nelly Sachs waren beim Erhalt des Preises nicht mehr deutsche Staatsbürger), war das eine große Genugtuung für einen Künstler, der sich zwischenzeitlich seiner geistigen Heimat beraubt sah.

Der Literat und die Domstadt

Böll bekam die hohe Auszeichnung damals als Autor aus Köln, weniger als Kölner Autor. Er rieb sich an seiner Stadt. Er ging zwar gerne spazieren, durch vom Krieg verschonte Gassen und vorbei an romantischen Kirchen, zog aber auch gerne scharf über sie her. Man hätte den Literaturnobelpreisträger mit Kusshand für kölsche Publicity vereinnahmt. Stattdessen ertrug mancher Lokalpatriot nur schwer, wenn Böll gegen den uniformierten Karneval polemisierte, gegen die stinkende „Autostadt Köln“, gegen Bausünden und Klüngelexzesse. Auch vor dem Dom machte er nicht halt, auf den der Kölner an sich ja nichts kommen lässt. So stellte er sich folgendes Szenario vor:

„ Die Türme des Kölner Doms werden nun doch abgetragen. Beuys – als Bildungsbeauftragter des Landes NRW zuständig – beteiligt daran die Kölner Bevölkerung. Er lässt, von Brueghels Turmbau zu Babel inspiriert, stabile, spiralenförmige Rampen bauen, auf denen man ungefährdet bis zu den Turmspitzen vordringen, mit je zwei Steinbrocken hinuntersteigen kann. Einen Steinbrocken darf jeder als Andenken behalten. Der zweite dient zum Aufbau eines freikatholischen Seminars zur Ergänzung der Theologie und der Abschaffung der Dogmen…“

Im Fokus seines literarischen Interesses standen zunehmend die sozialen und menschlichen Wirrungen der Wohlstandsgesellschaft und die Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Katholizismus. Romane wie „Haus ohne Hüter“ (1954), „Billard um halb zehn“ (1959) und „Ansichten eines Clowns“ (1963) machten ihn weltberühmt. 1974 erschien „ Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, verfilmt von Rainer Werner Fassbinder und übersetzt in über 30 Sprachen.

Doch auch ein Repräsentant Westdeutschlands wollte er nicht sein und wehrte sich gegen das Image als Vorzeige-Intellektueller und Gewissen der Nation. „Ich will kein Image haben und keins sein. Deutschland braucht keine Präzeptoren, es braucht kritische, aufmerksame Bürger, die nicht unbedingt Autoren sein müssen.“

1970 wurde Heinrich Böll Präsident des PEN-Clubs Deutschland (bis 1972), 1983 machten ihn die Kölner trotz, oder gerade wegen seiner kritischen Haltung, zum Ehrenbürger der Stadt. Zwei Jahre später verstarb Böll. Die letzte Zeit seines Lebens hat er in Langenbroich in der Eifel gelebt.

Über seinen innersten Antrieb befragt, sagte der Literat einmal: „Ich bin auf der Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land.“

Tobias Büscher

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