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Ne halve Hahn für et Meiers Kätche

Die Stadt Köln ist stolz auf ihren Dialekt ©Inge Decker, Stadt Köln

In Köln bleibt der Dialekt trotz zunehmender Globalisierung äußerst lebendig

Kölsch ist nicht nur während der Karnevalszeit ein wesentliches Element der Kölner Kultur. Der Dialekt, der sich durch diverse Eigenheiten vom Hochdeutschen abgrenzt, verbindet alle Menschen der Stadt, obwohl die sprachlichen Regeln nicht genau definiert sind.

In Heft 23 des Jahres 1983 stellte das Magazin „stern“ bereits fest: „Hochdeutsch ist hässlich. Kölsch ist schön.“ Knapp 25 Jahre später besitzt diese Aussage für die meisten Einwohner der rheinischen Metropole immer noch einen hohen Wahrheitsgehalt. Denn Kölsch ist nicht nur die offizielle Sprache des Karnevals. Der Dialekt durchdringt alle Bereiche des Lebens und prägt die Mentalität der Kölner. Selbst Zugezogene können sich dieser sprachlichen Dominanz nicht entziehen. Wer bei der beliebten Aufforderung „Sag ens Blootwoosch!“1(Übersetzungen ins Hochdeutsche klick Fußnote oder Kölscher Dialekt ins Hochdeutsche) etwas anderes als „Flönz“2 antwortet, entlarvt sich sofort als Imi3. Bei einem „halven Hahn“4, an dem kein bisschen Fleisch zu finden ist, oder „Himmel un Ääd“ drohen ahnungslosen Besuchern in der Kölner Gastronomie überraschende Erkenntnisse, wenn sie beim Köbes5 mehr als nur ein frisch gezapftes Kölsch bestellen. Die imitierenden Kölschen sind auch schnell verwirrt, wenn sie mit einem Satz wie „Sag, hür ens, häste dat jesin?“6 konfrontiert werden. Da kann einem schnell Hören und Sehen vergehen.

Rheinische Demokratie ohne Sprachverwirrung

Kölsch ist – ebenso wie andere Dialekte – kein schlechtes Deutsch, sondern eine gleichberechtigte Variante der bundesrepublikanischen Standardsprache mit eigenen Gesetzen. Die in einigen Familien zu beobachtenden Bestrebungen, den Kindern durch Verzicht auf die Mundart „richtiges“ Deutsch beizubringen („mit den Kindern kein Platt“), sind deshalb Unsinn. Einige Schulen versuchen, diesen pädagogischen Fehler zu korrigieren und bieten Kölsch als freiwilliges Schulfach an. Denn der Dialekt ist gerade in Köln besonders wichtig für das Selbstverständnis der Menschen und fördert den Zusammenhalt der Gruppe. In der „rheinischen Demokratie“ kann jeder mit jedem reden, und zwar am liebsten so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dass es in den 84 Stadtteilen trotzdem nicht zur babylonischen Sprachverwirrung kommt, ist dem ausgeprägten Sprachgefühl der Kölner zu verdanken, die je nach Situation und Gesprächspartner mühelos zwischen Kölsch und Hochdeutsch wechseln.

Kölsche Sprachwissenschaft

Adam Wrede war einer der ersten und bekanntesten Forscher, der versuchte, die kölsche Mundart schriftlich zu dokumentieren und darin Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Sein 1956 veröffentlichter „Neuer Kölnischer Sprachschatz“ ist bis heute eines der wichtigsten Wörterbücher. Die Nachfolger des 1960 verstorbenen Professors, der zusätzlich eine Abhandlung über das Altkölnische verfasste, arbeiten in der „Akademie för uns kölsche Sproch“ an einer vollständigen Analyse des gegenwärtigen Dialekts. Eine Sammlung von Alltagsgeschichten, die Christa Bhatt und Markus Lindlar zur „Dokumentation der aktuellen Stadtsprache in Köln“ nutzten, dient der Akademie dabei als Grundlage. Nachdem Helmut Lausberg sich auf Daten aus dem benachbarten Erftstadt (Erp-Projekt) gestützt hatte, ermittelten die „Akademiker“ ihre Variablen im Gespräch mit Bewohnern der Stadt Köln.

Wenn man sich einige Zeit mit Kölschsprechern unterhalten hat, erkennt man jedoch auch ohne wissenschaftliche Forschung einige grundlegende Unterschiede zum Hochdeutschen. Die vielleicht bekannteste Regel lautet: „Im Kölsche jit et kei G.“7  Außerdem ersetzen die Kölner in vielen Fällen ein b durch ein v und lassen einige Endungen einfach weg. Schließlich halten sie sich an Artikel 6 des Rheinischen Grundgesetzes: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.“8  Entbehrlich erscheinen ihnen auch einheitliche Schreibregeln. Während man in der Bundesrepublik immer wieder über Rechtschreibreformen diskutiert, hat sich die kölsche Sprachgemeinschaft bisher nicht besonders intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man all die Wörter und Sätze schriftlich festhält. Die Akademie versuchte es mit der „Rheinischen Dokumenta“, die zwar einfacher ist als das wissenschaftliche IPA (das Internationale Phonetische Alphabet), sich aber nicht durchsetzen konnte. Die Autoren der kölschen Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia haben sich wegen der allgemeinen Unklarheit darauf geeinigt, dass jeder so schreiben soll wie er will. Menschen, die ihre sprachlichen Fähigkeiten erweitern wollen, können sich im Internet informieren. Autoren wie Reinhard Kaaden helfen mit Online-Wörterbüchern; der Bonner Karnevalsclub „Die Jecken Goten“ arbeitet sogar an einer automatischen Übersetzungshilfe. Die Betreiber von koeln-altstadt.de bieten einen umfassenden Service mit einer großen „Anzahl von Wörtern, Kraftausdrücken, Sprichwörtern und Redewendungen“.

Dem Kölsche sing Grammatik

Gehören Sie zu den Eltern, die ihr Kind ermahnen, wenn es Sätze sagt wie: „Ich bin am essen“? Dann leben Sie wahrscheinlich außer Sichtweite des Doms. In der kölschen Grammatik ist eine solche Konstruktion, die andere Deutsche als schädlichen Einfluss der englischen Sprache ansehen, nämlich zulässig. Die rheinische Verlaufsform ist nicht die einzige kuriose Erscheinung im sprachlichen Regelwerk der Stadt Köln. Den Genitiv, den Kolumnist Bastian Sick in seinen populären Büchern zu Grabe trägt, hat man am Ufer des Rheins schon längst beerdigt. Allerdings nur den deutschen Genitiv. Schließlich verfügt man in der Stadt des Klüngels über ein hohes Maß an Kreativität und hat eine völlig neue Form entwickelt – den so genannten Wemsing-Genitiv. Die Band „Höhner“ besingt beispielsweise „dem Rievkoochebudebesitzer sing Frau ihre Blues“9. Einen weiteren Spezialfall der Grammatik erkennen wir im Bläck-Fööss-Klassiker über die erste Freundin. Die große Liebe war nämlich „et Meiers Kätche“. Das Prinzip, den Nachnamen im Genitiv vor den Vornamen zu stellen, ist ebenfalls typisch Kölsch, nicht nur für Frauen. Mit Pitter, Jupp oder Schäng funktioniert das genauso. Den Namen wird im Kölschen übrigens eine so große Sonderstellung zuerkannt, dass man von ihnen sogar andere Wörter ableitet. Als Kardinal Joseph Frings in einer Silvesteransprache kurz nach Kriegsende den Diebstahl im Rahmen des Eigenbedarfs legalisierte, wurde sein Name zum Synonym für Mundraub: „fringsen“.

Ripuarisch und französisch

Ein halbes Jahrtausend vor dem Auftritt des Kardinals gab es in Köln ein Schreinsbuch. Der Vorläufer heutiger Grundbücher aus dem Jahre 1395 gilt als ältestes Dokument, das in Ripuarisch verfasst wurde, wie Sprachwissenschaftler die Dialektgruppe nennen. Vereinzelte Belege für deren bekanntesten Vertreter, der sich aus dem Niederfränkischen entwickelte, gibt es bereits aus dem 12. Jahrhundert. Das Kölsche konserviert teilweise eine ursprüngliche Form der Sprache. Einige der bereits erwähnten lautlichen Unterschiede zeigen den Zustand vor und nach der so genannten zweiten Lautverschiebung. Wörter wie „Huus“10  weisen große Ähnlichkeiten zum Mittelhochdeutschen auf.

Eine wesentliche Bereicherung wurde der kölschen Sprache durch Napoleon beschert, der 1794 ins Rheinland einmarschierte. Obwohl sich die Rheinländer mit aller Macht gegen die französischen Besatzer wehrten und sie 1814 vertrieben, hinterließen die Menschen aus dem Nachbarland deutliche Spuren. Wenn ein Kölner etwas „us d’r Lamäng“ vorträgt, hat der Franzose ebenso seine Hand (la main) im Spiel wie bei der Bajasch (Gepäck, frz. bagage) oder dem Malörche (Mißgeschick). Vielleicht hat er ja „leever en Mösch (frz. mouche) en d’r Hand als en Duuv op däm Daach“11. Die Geschichte mit dem Fisematente12 ist hingegen eher eine Anekdote mit Lagerfeuer-Romantik. Das Kölsche hat seine Vielfalt aber nicht nur Napoleon zu verdanken. So sind die alltäglichen Begriffe „trecke“ (trahere ziehen) und „Pooz“ (porta = Tür) beispielsweise lateinischen Ursprungs. Der Kölner Eigelstein wurde nach dem Adler (aquila) benannt, den die römischen Legionen als Wappen trugen. Fußball-Fans erkennen hingegen beim kölschen „bovve“ (oben) die Parallele zum niederländischen Schlachtruf „oranje boven“.

Kölner Dialekt

Wo mir sin is Kölle – und Kölsch

Angesichts der zunehmenden Verdrängung der Dialekte befürchten Pessimisten, dass das Kölsche bald aussterben könnte oder zumindest verflacht. Die Eigenheiten, mit denen sich die Sprache rund um den Dom von Bonn oder der Eifel abgrenzt, sollen demnach bald nicht mehr zu erkennen sein. Hier stimmt wohl das kölsche Motto: „Et hät noch immer jotjejange.“13 Man kann die Kölner zwar in Gruppen einteilen, die den Dialekt mehr oder weniger intensiv benutzen, aber letztlich kann sich niemand dem Kölschen völlig entziehen. Es ist im Leben dieser Stadt zu fest verankert und allgegenwärtig. Während der fünften Jahreszeit – der Karnevalszeit – spricht man ausschließlich Kölsch, und bei den kölschen Liedern singt bekanntlich sogar der Herrgott mit. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch Messen auf Kölsch gelesen werden.

Die kölsche Musik gehört zur Kultur der Stadt wie das Hännesche- oder Millowitsch-Theater. Dieser Dialekt eignet sich besonders gut als Sprache für Lieder. Die lautlichen und grammatischen Eigenheiten sorgen für eine ausgeprägte Satzmelodie. Durch Verschmelzungen wie „hamer“ und „jomer“ ergibt sich schon beim Sprechen ein gewisser „Singsang“, den man leicht mit Noten verbinden kann. Neben den karnevalistischen Interpreten, die in ihrem Dialekt die Einzigartigkeit der Stadt mit den gastfreundlichen Menschen, den „lecker Mädche“, dem Dom und dem Bier preisen, hat vor allem die Band BAP das Image der Kölner Musik geprägt. Sie zeigt, dass man mit kölschen Texten wie „Verdamp lang her“ auch jenseits des Rheinlands erfolgreich auftreten kann. Einen ähnlichen Erfolg feierten in den letzten Jahren die „Höhner“. Nachdem sie ihrer Musik zunächst etwas internationales Flair verpasst hatten, sorgten sie mit „Viva Colonia“ dafür, dass die Menschen beim Oktoberfest und am Ballermann ein Loblied auf Köln singen.

Markus Schnitzler

Quellen / weitere Informationen

Wikipedia-Artikel „Kölsch (Sprache)“
http://de.wikipedia.org/wiki/Kölsch

Kölsche Wikipedia
http://ksh.wikipedia.org/wiki/Houpsigk

Akademie för uns kölsche Sproch
http://www.koelsch-akademie.de/

Köln-Altstadt.de
http://www.koeln-altstadt.de/koelsch/koelschsprechen/index.html

Bhatt, Christa und Markus Lindlar. 1998. Alles Kölsch. Eine Dokumentation der aktuellen Stadtsprache in Köln. Bouvier : Bonn.

Kommentare

Ihr NameR. Hausmann, 22.03.2014 18:30:
En Schleverbrett es en jröössere Truffel, die weed met zwei Häng jepack, öm domet de Zemmerdeck zo veputze. Dat Denge bruch de Pütze open Bau. Föher woor manch Schleverbrett zemmlich jruuss, domet se schneller wigger koome,weejen dem Akkood, den se mießtens hatte. Denne sen dann oowens de Ärme affjefalle.
Dann jingense op de Eck eene schnappe. Dat däät jood!
P.Blissenbach, 22.05.2013 22:10:
Hallo Herr Brogsitter,

Für Lebenskünstler fallen mir lauer Leute ein, die gewisse Anteile von einem Lebenskünstler an sich haben: ene Schmecklecker, ne Lauschäpper udder en Kötterin, ne Schtrunz, ene Loßmeschjonn, ne Wunneproppe, e Leevje, ne Minschefründ, ne Kütt-joot-dorsch, ... usw.

Zusammenfassend: ne Levvenskünßler.
Redaktion, 13.03.2013 15:05:
Lieber "AlKo",

wir freuen uns, dass Sie uns auf den Fehler mit den "imitierten Kölschen" aufmerksam gemacht haben. Natürlich haben Sie Recht: es muss "imitierenden Kölschen" heißen.

Den fehlerhaften Sinnzusammenhang haben wir daher nun berichtigt.

Freundliche Grüße,
Ihr Redaktionsteam
AlKo, 12.03.2013 23:36:
... ich mag es sehr: Kölsch

Ärgerlich finde ich allerdings immer wieder, wenn in Berichten Fehler rund um die Imis zu finden sind:

Imis (also die Leute, die das Kölschsein imitieren) sind nicht zu verwechseln mit den Immis (also den Leute, die au dem Umland nach Köln immigriert sind).

Wenn das Ganze dann nicht bloß nur sprachlich falsch, sondern auch noch im Hochdeutschen grammatikalisch sinnentstellend benutzt wird, kommen mir immer Zweifel an der Qualifkation der veröffentlichenden Seite auf. Beispiel:
"Die imitierten Kölschen sind auch schnell verwirrt, wenn sie mit einem Satz wie „Sag, hür ens, häste dat jesin?“"

Ob nun Imis oder Immis gemeint sind, ist in dem Zusammenhang vernachlässigenswert, da ausgeschrieben von "imitierten Kölschen" gesprochen wird.
Trotzdem ist der Satz grob falsch:
Nicht die "imitierten Kölschen" (also die diejenigen, die imitiert werden), sondern die "imitierenden Kölschen" (diejenigen, welche die echten Kölschen nachahmen") sind wohl irritiert, denn die echten Kölschen verstehen den Satz wohl ohne darüber nachdenken zu müssen.

In diesem Sinne hoffe ich auf
a) Überarbeitung des o.g. Passus
b) künftig erfreulicher lektorierte Veröffentlichungen


mit bestem Gruß

AK
KRey, 10.01.2011 20:38:
Kleiner Fehler bei fußnote 11


der ausdruck mit der mösch kommt nicht vom Französischen Mouche was soviel heißt wie mücke sondern bedeutet Meise


Übersetzt heißt der satz ja auch nicht :
Lieber eine Mücke in der Hand als ne Taube auf dem Dach
otten, 29.04.2010 14:38:
Ich suche den Ursprung des Wortes,

sich zum Stänzje suchen,

kann mir da einer helfen ??
Webmaster, 13.11.2009 15:08:
Wer Lust hat, schaut einfach mal bei dialektatlas.com , die Community für Land u. Leute, Dialekt u. Mundart.
Helly Wittersheim, 25.09.2009 17:18:
Tach zesamme,

ich darf ens zitiere:

" dem Rievkoochebudebesitzer sing Frau ihre Blues“

da handelt es sich wohl eher um den Blues, d.h. um die momentane körperliche, geistige und seelische Verfassung der Frau des Reibekuchenbudenbesitzers... die Ahl hät d´r Blues ...

und nicht um die Bluse der besagten Dame, so schön oder so voll diese auch sein mag.
Karl Brogsitter, 09.08.2009 21:53:
Ich bin ein Sinziger( 76 J.) und
dem Dialekt zugetan. So habe ich zum 10ten mal eine Einladung zum Mund= artvortrag erhalten. Ferner ausser
Zeitung und Regional Tv wurden einige Beiträge veröffendlich und gesendet. Da unser Dialekt dem Kölner ändelt ist mir nicht möglich
trotz Suche keine Übersetzung für
das Wort Lebenskünstler in Dialekt zu finden Ich würde mich freuen wenn Sie mir weiterhelfen könnten Danke.
Gerd Benz, 22.07.2009 14:33:
Mein Großvater stammte vom Altermarkt.
Er wäre jetzt 110 Jahre alt.
Er lebte in der Straße rechts neben dem Rathaus. Bäckerei Mirgel. Er nannte einen Schwaatlappen oder “alles-wigger-verzeller“ ein “schleiverbrett“ Zumindest klang das so. Den Ausdruck kann ich in keinem der Kölsch-Lexika finden. Gibt es diesen Ausdruck überhaupt in Kölsch.

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