lit.Cologne 2008

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Bild: lit.Cologne GmbH

Köln – das Woodstock der Literatur

Das Festival lit.Cologne fasziniert dank ungewöhnlicher Angebote

Mehrere Themenabende und eine große Gala bilden Höhepunkte unter den zahlreichen Veranstaltungen, mit denen sich Köln als Metropole der Literatur etabliert hat. Künstler aus aller Welt zeigen jedes Jahr, wie lebendig das geschriebene Wort sein kann.


Die komplette Enzyklopädie des Brockhaus’ wird ab Mitte April kostenlos im Internet verfügbar sein, weil die gedruckte Ausgabe des berühmten Nachschlagewerks dem Verlag zuletzt große Verluste brachte. Wenn in den letzten Jahren hingegen ein neuer Roman mit den Abenteuern des Zauberers Harry Potter erschien, wurden die Buchhandlungen jedes Mal von Lesern belagert. Diese gegensätzlichen Beispiele offenbaren die Probleme und die Faszination der Buchwelt. Bücher bleiben auch im Zeitalter der elektronischen Medien ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Lebens. Voraussetzung für den Erfolg ist allerdings, dass sie interessant gestaltet und präsentiert werden. Als Vorbild kann dabei die lit.Cologne dienen. Das Kölner Literaturfestival findet 2008 zum achten Mal in Folge statt und beweist, dass ein Buch mehr ist als ein paar gebundene Blätter Papier.

Autorin und Moderatorin Elke Heidenreich präsentiert in diesem Jahr "Lauter Lyrik"

Vielfalt an ungewöhnlichen Orten
Wer das Programmheft der lit.Cologne 2008 durchblättert, erkennt schnell die Vielfalt, die den Besuchern geboten wird. Insgesamt stehen vom 29. Februar bis 9. März 149 Veranstaltungen zur Auswahl. Schon der Auftakt geht weit über die übliche Lesung hinaus: Am Tanzbrunnen im Rheinpark trifft sich der Autor und Moderator Roger Willemsen mit den beiden Comedians Anke Engelke und Cordula Stratmann sowie dem umstrittenen Journalisten Matthias Brückers zu einem Themenabend mit dem schlichten Titel „23“. Die Zahl ist Bestandteil einiger geheimnisumwitterter Verschwörungstheorien und um solche rätselhaften Konstrukte geht es in der Diskussion.

Parallel dazu beschäftigt sich der Musiker und Moderator Götz Alsmann mit einem Klassiker der Detektivgeschichte – dem „Hund von Baskerville“. Ungewöhnlich ist der Ort, an dem diese Lesung stattfindet. Während die Gäste sich der Literatur widmen, fahren sie mit einem Schiff über den Rhein. Eine klassische Veranstaltung hingegen bietet die TV-Literaturkritikerin Elke Heidenreich, die in der Oper „Lauter Lyrik“ präsentiert. Mehr Action gibt es beim WDR Poetry Slam, dessen Teilnehmer in kurzer Zeit selbst verfasste Texte zum Besten geben. Einen Vortrag des italienischen Aufklärers Beppo Grill oder ein Streitgespräch über die neue Moschee in Köln mit dem investigativen Journalisten Günter Wallraff würde man hingegen als Laie nicht auf einem Literaturfestival erwarten.

Auf der MS RheinEnergie finden im Rahmen der lit.Cologne zahlreiche Veranstaltungen statt
Autor Roger Willemsen ist bereits ein Stammgast der lit.Cologne

Der Reiz des Ungewöhnlichen
Doch gerade das Ungewöhnliche bildet den besonderen Reiz der „Berlinale des Buches“ (Badische Zeitung), die zehntausende Besucher ebenso anlockt wie Künstler aus aller Welt. Seit der Premiere im Jahr 2001 sind die Kölner Festtage der Literatur im Terminkalender aller Leseratten fest verankert. Schon nach dem ersten Mal äußerte der Krimi-Autor Jakob Arjouni die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen und in den nächsten Jahren wünschten sich immer mehr Gäste, das Erlebnis regelmäßig wiederholen zu können. Geschäftsführer Rainer Osnowski und seine Helfer sorgten dafür, dass kein Jahr mehr ohne die beliebten literarischen Aufführungen verging, die die Stadt zwischen Ende Februar und Mitte März „literarisieren“, wie der Stammgast Roger Willemsen es ausdrückte. 2006, im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft, erstreckte sich das Literaturfestival mit mehr als 200 Teilnehmern erstmals über neun Tage. Bastian Sick lockte 15.000 Zuschauer zur „größten Deutschstunde der Welt“ in die Kölnarena, in der sonst nur Sportler und Musiker auftreten. Damit bewies der Kolumnist von Spiegel online, dass selbst die Sprachwissenschaft äußerst unterhaltsam sein kann, wenn man ihr einen passenden Rahmen verleiht. Das Gerüst des „kreativen Konzepts fern der reinen Autorenlesung“ (Bildreport) bilden jedes Jahr die Themenabende, die alle Aspekte des Lebens behandeln können. 2007 gab Cordula Stratmann eine Einführung in die „Hypochondrie für Anfänger“. Dieter Hildebrand und Roger Willemsen durchstreiften die „Weltgeschichte der Lüge“, während sich Bastian Pastewka dem Objekt seiner Parodie, Edgar Wallace, widmete und drei andere Schauspieler an den Kabarettisten Karl Valentin erinnerten.
Die Literaturschaffenden blicken also über die Grenzen ihres eigenen Mediums hinaus. Wohin der Weg „aus dem Elfenbeinturm“ (dpa) führt, kann man auch bei der Gala in der Philharmonie bewundern, die den Höhepunkt des Literatur-Marathons bildet. In früheren Jahren ging es beispielsweise um das Verhältnis zur Musik. 2008 erleben wir „das große Gelächter“, bei dem die Schauspielerin Monica Bleibtreu, der Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella und einige Comedians über den Spaß im Fernsehen debattieren. Für eine moderne Form der Literatur gibt es im Rahmen der lit.Cologne sogar eine eigene Auszeichnung: Seit 2003 wird jedes Jahr der deutsche Hörbuchpreis vergeben. 2008 moderieren die im Internet bekannt gewordene Moderatorin Katrin Bauerfeind und der vom Radio ins Fernsehen gekommene Jörg Thadeusz die Preisverleihung.

Die Bühnen der lit.Cologne bieten auch neuen Talenten eine Plattform.

Internationale Stars und Nachwuchsförderung
Wenn das geschriebene Wort in Köln zum Erlebnis wird, versammeln sich Künstler aus allen Genres rund um den Dom. Internationale Stars wie die Briten Nick Hornby, Ken Follet, Mo Hayder und Minette Walters sind beim größten Literaturfest Europas ebenso willkommen wie die deutsche Prominenz. Die ausländischen Gäste freuen sich nicht nur über die künstlerischen Darbietungen. Sie lieben auch das Ambiente und die Spezialitäten des Rheinlands. Tony Parsons genoss 2007 „eine Nacht der Liebe, des Lachens und des lokalen Biers (a night of love, laughter and local beer)“. Darüber hinaus bietet die lit.Cologne weniger bekannten Schriftstellern die Chance, ein größeres Publikum für sich zu gewinnen. Geschäftsführer Osnowski berichtet von Besuchern, bei denen sich die Begegnungen mit den Neulingen „als wahre Entdeckungen erwiesen haben“. So präsentiert beispielsweise die extravagante VIVA-Moderatorin Charlotte Roche ihren Roman gemeinsam mit Theater-Regisseur Claus Peymann.

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie liest 2008 aus "Alhambra"

 

Der Nachwuchs ist auch als Gast wesentlicher Bestandteil des Kölner Literaturfestivals. Für Kinder und Jugendliche gibt es bei der lit.kid.Cologne 2008 mehr als fünfzig eigene Veranstaltungen. Da die jungen Besucher besondere Abenteuer erleben wollen, finden Lesungen bei der Polizei, im Zoo und zum Thema Fußball statt. Bei der Auswahl der Texte berücksichtigen die Organisatoren die Erkenntnisse der Hirnforschung, wonach Kinder schon früh mit Fremdsprachen umgehen können. Deshalb gibt es für die Kleinen auch englisch- und französischsprachige Literatur.

 

 

 

 

Die lit.Cologne hat sich im Kölner Kalender etabliert und findet jedes Jahr mehr begeisterte Besucher.

Ein Fest für alle Sinne in der Literatur-Stadt
Doch egal, ob alt oder jung: Die Ohren sind mindestens genauso wichtig wie die Augen. Die erfahrene Schauspielerin Senta Berger verkündete 2003 die wichtigste Regel: „Lesen will gelernt sein – aber zuhören auch!“ Dem kölschen Selbstverständnis entsprechend ist es für die Einheimischen kein Problem, das Leben mit allen Sinnen zu genießen und zu feiern. Köln als Veranstaltungsort ist wahrscheinlich einer der wesentlichen Faktoren für den Erfolg. Die Stadt hat zwar keinen Goethe oder Schiller hervorgebracht, aber die Literatur ist auch außerhalb der lit.Cologne präsent. Der Nobelpreisträger Heinrich Böll wurde ebenso in Köln geboren wie der aktuelle Bestseller-Autor Frank Schätzing. Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und der russische Schriftsteller Lew Kopelew verbrachten einen Teil ihres Lebens am Rhein. Neben den städtischen und Hochschul-Bibliotheken gibt es hier eigene Büchersammlungen von Kirche, Juden oder Wirtschaft. Von den für die Vermarktung der Literatur zuständigen Verlagen haben viele ihren Sitz in Köln. Zu den bekannten Namen zählen Bachem, Bastei Lübbe, DuMont, Emons sowie Kiepenheuer & Witsch. Letzterer arbeitet besonders eng mit dem internationalen Festival zusammen. Außerdem sorgt das Literaturhaus Köln seit 1996 dafür, dass alles, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet, in der Stadt besonders gewürdigt wird. Vor diesem Hintergrund kann sich die lit.Cologne auch in den nächsten Jahren problemlos gegen die Buchmessen in Frankfurt oder Leipzig behaupten. Den Mehrwert der erlebten Literatur erfasste der Kabarettist Jess Jochimsen 2004 in einem Vergleich: „Lesen und Schreiben ist billiger Sex, Vorlesen und Zuhören aber ist Liebe.“

 

Markus Schnitzler

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