Koeln-Magazin.info

Anzeige

Eliott Perlman „Sieben Seiten der Wahrheit“

Eliott Perlman

Über die Macht der Liebe oder: Was ist das eigentlich für eine Welt, in der wir leben?

Auf dem Literaturschiff MS RheinEnergie gab es am Samstagabend, 8.03.08 gleich zwei Premieren: Das erste Mal in seinem Leben stellte der australische Schriftsteller Eliott Perlman ein Buch zu Wasser vor. Und überhaupt wurde sein Roman „Sieben Seiten der Wahrheit“ im Rahmen der lit.Cologne erstmals einem deutschen Publikum präsentiert.

Bis auf den letzten Platz füllte sich das Kölner Literaturschiff am frühen Samstagabend. Eliott Perlman, ein gutaussehender Mitvierziger von der anderen Seite des Globus, hat sich in seinem neuen Roman intensiv mit den Gründen und Abgründen der Liebe beschäftigt – und darüber hinaus mit der Frage, wie es sich in einer materialistischen Welt leben lässt. Das interessierte natürlich auch das gespannte lit.Cologne-Publikum.

Die Handlung von „Sieben Seiten der Wahrheit“ ist schnell erzählt: Der junge Lehrer Simon kommt auch nach zehn Jahren nicht über den Verlust seiner großen Liebe Anna hinweg. In einem Akt der Verzweifelung entführt er Annas kleinen Sohn. Die Entführung endet harmlos, nicht aber die Kette von Ereignissen, die diese Episode auslöst. Und ebendiese Ereigniskette macht das Buch so vielschichtig. Der Leser erlebt die Perspektiven der einzelnen Charaktere bis ins kleinste Detail, blickt tief in deren Seelenleben und versucht mit ihnen zu ergründen, welche moralischen und soziokulturellen Konflikte Menschen täglich zu bestehen haben. Bis hin zu fast schon philosophisch anmutenden Fragestellungen über die Wahrheit: Gibt es sie überhaupt, die einzig richtige Wahrheit?

Ein australischer Anwalt auf dem Rhein

Gerade mal wenige Tage ist es her, dass die deutsche Fassung von „Seven Types of Ambiguity“ auf unserem Buchmarkt erschien. Am Samstag saß der Verfasser vor erwartungsvollem Lesepublikum und eröffnete mit typisch australischem Akzent die Lesung: „I’m nervous“. Aber nicht etwa, weil er sein neues Buch vorstellte, sondern weil er das Wasser des Rheins unter sich wusste. Eine kurioser Ort für eine Lesung, zweifelsohne. Aber mal etwas ganz anderes eben, selbst für den vielgereisten Autor.

Bevor dieser dazu kam, Kostproben aus seinem Werk vorzutragen, wurde er zunächst von Antje Deistler vorgestellt, die als Moderatorin die Lesung begleitet. Deistler, bekannt aus der WDR 2 Sendereihe „WDR 2 Buchtipps“, führte souverän und zweisprachig durch den Abend. Sie verstand es, eine zwanglose und amüsante Interview-Atmosphäre zu zaubern. Zu Beginn interessierte es sie vor allem, wie Perlman – hauptberuflich Anwalt – die Balance zwischen seinen beiden Berufen hält: Als Jurist ist er stets dazu verpflichtet, nichts als die Wahrheit zu sagen, aber als Autor erfindet er Geschichten. Für Perlman besteht gerade in diesem Zusammenspiel die Herausforderung und auch die Abwechslung. Schmunzelnd erklärte er, dass sein Talent für fiktive Geschichten schon des Öfteren förderlich im Gerichtssaal gewesen sei, wenn es darum ging, mögliche Szenarien zu konstruieren.

Wie einfallsreich er als Autor ist, bewies er mit dem ersten Teil seiner Lesung aus „Sieben Seiten der Wahrheit“, in der englischen Originalversion selbstverständlich. Mit klarer, angenehmer Stimme und prägnanten Betonungen las er aus den Gedanken von Joe, dem Vater des entführten Kindes. „Ein Mann, den sich keine Frau wünscht“, meinte Perlman nachher über diese Figur. Joe, der große Börsenmakler, der eigentlich gar nichts von der Welt versteht und schon gar nicht von Frauen.

Perlman und Deutschmann

Deutschmann liest Deutsch

Zur Vorstellung der deutschen Buchfassung bekam Perlman populäre Verstärkung: Der Schauspieler Heikko Deutschmann, bekannt aus unzähligen deutschen TV-Produktionen, übernahm den deutschsprachigen Part. Er las zunächst aus die Gedanken aus der Perspektive einer Frau: Angelique, eine Prostituierte, Geliebte und Komplizin des Entführers.

Nachdem Deutschmann seinen ersten Vortrag beendet hatte, hakte Antje Deistler gleich nach, ob es eigentlich ein Unterschied sei, sich als Mann auf eine weibliche Rolle vorzubereiten. Deutschmann verneinte dies, schließlich komme es in erster Linie darauf an, Energie und Emotionen zu vermitteln und nicht darum, „ob man an manchen Stellen des Körpers mehr oder weniger wiegt“.

Auch Perlman antwortete geschlechtsübergreifend auf Deistlers Frage, ob es für ihn einen Unterschied mache, aus weiblicher Perspektive zu schreiben. Der Australier vertritt die Ansicht, dass Männer und Frauen mehr verbindet, als wir glauben und dass sie sich viel ähnlicher sind als man gemeinhin denkt.

Über Prostituierte und Bordellbesuche

Deistler erkundigte sich auch noch der Vorarbeit für das Buch, insbesondere da die Figuren in unterschiedlichen Berufsfeldern tätig sind: Börsenmakler, Juristen, Lehrer oder Prostituierte. Da habe es einiges zu recherchieren gegeben, oder? „Sicherlich“, meinte Perlman. Als es darum ging, das Berufsfeld der Prostituierten unter die Lupe zu nehmen, wurde es kritisch und amüsant zugleich: Perlman hatte sich für seine Milieustudien ein Bordell in Melbourne ausgesucht. Anfangs sei es ihm sehr unangenehm gewesen, einen Fuß über die Türschwelle des Lusthauses zu setzen. Aber rückblickend belustigte es ihn. Zumal er wohl der bisher einzige Mann ist, der von seiner eigenen Frau gefragt wurde: „Und, wann gehst Du endlich ins Bordell?“ Er konnte die Betreiber des Bordells davon überzeugen, dass er wirklich ein Schriftsteller ist und das Etablissement lediglich aus Recherchegründen besuchte. Aber die Frauen selbst glaubten ihm natürlich nicht so schnell. Zum Beweis wollten sie erst seine Bücher sehen. Zahlen musste er natürlich auch wie jeder andere Gast, obwohl doch nur reden wollte.

Nach dieser amüsanten Anekdote waren die Zuhörer neugierig mehr zu erfahren. Heikko Deutschmann setzt zu langen Passagen aus Simons und Annas Gedanken über die Liebe, ihr bisheriges Leben und ihren verkorksten Umgang mit dem anderen Geschlecht an.

Kritische Töne

Zum Abschluss der Buchvorstellung fragte Deistler nach der unterschwelligen politischen Kritik im Roman. Der Autor lässt kritische Töne über Globalisierung und verlorengegangene Wertesysteme in die Gedanken seiner Figuren einfließen.

Perlman ist es ein Bedürfnis, auf die Verhältnisse des modernen Lebens hinzuweisen: Die Welt entwickelt sich täglich weiter, aber auf moralischer Ebene macht sie immer mehr Rückschritte, Menschen werden nur noch anhand ihrer ökonomischen Situation beurteilt. Deshalb glaubt er: „We’re all prostitutes in a way.“

Die Buchvorstellung „Sieben Seiten der Wahrheit“ war eine gelungene Kombination aus Lesung und Interview über die Entstehung des Buches und die Weltansichten des Autors. Das Buch selbst dürfte ein gefundenes Fressen für Leseratten sein, die es ein wenig philosophisch mögen und sich für die gesellschaftlichen Prozesse unserer Zeit interessieren. Das Trio auf dem Podium, Perlman selbst an erster Stelle, Deutschmann und Moderatorin Deistler erhielten begeisterten Applaus. Zur nachfolgenden Signierstunde bildete sich schnell eine lange Schlange auf der MS RheinEnergie.

Daniela Steins

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben











© Hayit Medien Köln | 2005 - 2017 Alle Rechte vorbehalten