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Stolpern über die Vergangenheit

Gunter Demnig mit einem Stolperstein

Gunter Demnig und sein Kunstprojekt Stolpersteine zum Gedenken an NS-Opfer

Es mag vielen kein unbekannter Anblick sein: Beim Spazierengehen, Einkaufen oder Bummeln stolpert man ab und an über kleine Inschriften auf dem Gehweg. Was darauf zu lesen ist sind Namen, Daten und Schicksale. Informationen, die über längst vergessene Menschen erzählen, um sie und ihre Geschichten wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Stolpersteine sind es, über die wir im wahrsten Sinne des Wortes stolpern sollen – und dies mit Herz und Verstand. Die 10x10x10 cm großen Betonsteine mit Messingplattenaufsatz werden seit 1995 in die Bürgersteige Deutschlands eingelassen. Wer selbst schon einmal über einen solchen Stein gestolpert ist, hat sich vielleicht gefragt: Wer hat sie dort verlegt und welche Intention steht dahinter? 

Gedenksteine für NS-Opfer

Der in Köln lebende Künstler Gunter Demnig ist für die Stolpersteine verantwortlich. Er entwickelte das Projekt Anfang der 90er Jahre. Die Steine berichten von Opfern des Nationalsozialistischen Regimes. Sie erinnern an Juden, Sinti und Roma, Euthanasie-Opfer, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und politisch Verfolgte. Demnigs Motivation für das Projekt: Er möchte das abstrakte Wissen der Holocaust-Geschichte konkret machen und zurück ins Gedächtnis der Menschen rufen. „Mit den Steinen sind diese Menschen plötzlich wieder gegenwärtig“, sagt der Künstler über seine Aktion.

Gunter Demnig bringt die Opfer des NS-Regimes symbolisch an den Ort zurück, wo sie zuletzt freiwillig gelebt haben – zu ihren ehemaligen Wohnungen oder Häusern. Damit begeht er nicht nur konkrete Schicksalsforschung, sondern setzt für viele Angehörige und Nachfahren der Opfer auch einen persönlichen Schlussstein. Die Steine sind Denkmäler, die den Toten ein Gesicht geben, die Gräueltaten des Dritten Reichs nicht in Vergessenheit geraten lassen und zusätzlich noch eine Anlaufstelle für Angehörige sind.

Holpriger Weg für die ersten Stolpersteine

Das Erinnerungsprojekt Stolpersteine ist eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen. Gunter Demnig setzt sich seit 1990 intensiv mit der NS-Vergangenheit Deutschlands auseinander. Anlass dafür war eine Kunstaktion, die als Mahnmal an die Deportation von Sinti und Roma im Mai 1940 erinnern sollte. Unter dem Motto „Mai 1940- 1000 Roma und Sinti“ markierte Demnig in Köln mit einer Farbspur den Weg von den Wohnungen der Opfer zum Deportationsgleis. Zwei Jahre später, zum 50. Jahrestag des Himmler-Befehls, alle Zigeuner ins Konzentrationslager nach Auschwitz zu deportieren, setzte er mit dem ersten Stolperstein vor dem Kölner Rathaus ein weiteres Zeichen zur Vergegenwärtigung der Vergangenheit.

So nahm das Vorhaben für eine außergewöhnliche Kunstaktion greifbare Formen an. Obwohl Demnig anfangs die Befürchtung hatte, dass seine Idee „ein Kunstwerk für den Aktenordner“ sein würde, fertigte er 1994 230 Steine an, die er vor den Wohnungen von NS-Opfern in Köln verlegen wollte. Diese Steine wurden zunächst in der Antoniterkirche ausgestellt. Drei Monate später, am 4. Januar 1995, verlegte Demnig dann die ersten Steine im Kölner Griechenmarktviertel – allerdings ohne Genehmigung. Beim damaligen Oberstadtdirektor Ruschmeier fand das Erinnerungsprojekt wenig Anklang, so dass Demnig seinen Plan, so viele Steine wie möglich zunächst in Köln und dann in weiteren Städten zu verlegen, beinahe aufgab.

Nach einem Behörden-Marathon landete das Konzept aber 1997 auf dem Tisch des Kulturausschusses der Stadt Köln. In Horst Matzerath, dem Gründervater des Kölner NS-Dokumentationszentrums, hatte Gunter Demnig einen starken Befürworter. Das anvisierte Ziel des Künstlers war es, die Erlaubnis der Stadt Köln zu erhalten, seine Steine auf öffentlichem Grund verlegen zu dürfen. Über die Finanzierung hatte der gebürtige Berliner sich ebenfalls konkrete Gedanken gemacht. Durch Spenden oder Patenschaften sollten die Mittel zur Verlegung gedeckt werden.

Im Jahr 2000 folgte dann endlich der Durchbruch. Nach endlosen Behördengängen, über das Amt für Stadtplanung, den Haushaltsausschuss und das Tiefbauamt, erhielt Demnig endlich die offizielle Zustimmung durch den Stadtrat. Das Ergebnis war eindeutig, mit nur einer Gegenstimme kam sein Antrag durch. Diese wurde von den Republikanern abgegeben.

Kritische Stimmen

Die Grundstimmung für das Projekt war im Großen und Ganzen positiv. Natürlich gab es auch kritische Stimmen und die Frage, warum man die NS-Zeit nach 60 Jahren unbedingt noch mal aufwärmen müsse. Diese Stimmen waren aber damals wie heute Einzelfälle. Allerdings trifft so mancher Einzelfall besonders hart:

Bei seiner deutschlandweiten Ausdehnung der Stolpersteine stieß Demnig zum Beispiel in München auf Widerstand. Der Oberbürgermeister der bayerischen Metropole duldete keine Einlassung von Stolpersteinen in Münchener Bürgersteige.
Auch die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, kritisierte Demnig mit der Aussage, wer die NS-Zeit nicht erlebt hätte, könne nicht so ein Projekt in Angriff nehmen.

In einem anderen Fall klagte ein Kölner Rechtsanwalt gegen die Stolpersteine, weil er durch die Verlegung vor seinem Haus den Wert des selbigen beträchtlich gemindert sah.
Bitteren Beigeschmack hinterlassen auch die zwei Morddrohungen, die der Künstler in sieben Jahren erhalten hat und die Verschmutzung von ca. 100 der mittlerweile 13.000 Steine.
In Halle / Saale wurden eines Nachts acht Steine herausgerissen, was eine sofortige Staatsschutzermittlung zur Folge hatte.

Aber – und an diesem Punkt beginnt die eigentliche Erfolgsgeschichte des Projekts – der Eigeninitiative der deutschen Bevölkerung ist es zu verdanken, dass derartige Vorfälle durch positive Schlagzeilen in den Hintergrund treten. In Halle wurde beispielsweise spontan ein Benefiz-Konzert auf die Beine gestellt. Von dem Erlös konnten die Steine erneut verlegt werden.

Verlegung eines Stolpersteins in Hamburg, © Gesche M. Cordes

Mitwirken der Bevölkerung

Eigeninitiative ist für die Weiterentwicklung der Aktion Stolpersteine zum wichtigsten Träger geworden. Mittlerweile bewerben sich Städte oder Kommunen regelrecht darum, Steine verlegen zu lassen. Sie, oder einzelne Initiativen eines Ortes, übernehmen damit auch gleichzeitig die Patenschaft für einen Stein. Diese kostet 95 Euro.

Immer häufiger sind es auch Privatpersonen, die sich als Paten für einen Stein anbieten. Meist aus ganz persönlichen Motiven heraus, weil es sich bei der Person, für die die Patenschaft übernommen wird, um einen Angehörigen handelt. Demnig ist stolz darauf, dass seine Aktion mittlerweile nach dem Schneeballverfahren funktioniert.

Die stolze Bilanz der letzten sieben Jahre: Bis zum Herbst 2007 wurden insgesamt 13.000 Steine in 280 Kommunen in  Deutschland, Österreich und Ungarn verlegt. Allein in Köln sind es bisher 1.539 Steine.Angehörige von NS-Opfern sind für Demnigs Schicksalsforschung ebenfalls eine große Unterstützung. Sie können die Wissenslücken füllen, die bei den Nachforschungen in den Archiven der Städte nicht aufgeklärt werden konnten. Auf Steinen von Opfern, deren Schicksale ungeklärt sind, graviert der Künstler drei Fragezeichen ein. Es kam schon häufiger vor, dass mit Hilfe der Angehörigen oder von ehemaligen Freunden, Nachbarn etc. solche Fragezeichen durch konkrete Daten ersetzt werden konnten. Gunter Demnig ist vor allem davon fasziniert, dass seine Aktion bei Kindern und Jugendlichen auf große Resonanz stößt. Das abstrakte Wissen der jüngeren Generation über das Dritte Reich wird anhand der Steine zu einer exemplarischen Veranschaulichung der Vergangenheit. Die Steine sind etwas Handfestes, sie illustrieren ein konkretes Schicksal. Dadurch beginnt bei Kindern und Jugendlichen eine ganz andere Art des Nachdenkens.Sie führen ihnen zum Beispiel vor Augen: Da war ein Mensch, der gerade einmal so alt war wie sie selbst, als seinem Leben ein grausames Ende gemacht wurde. Diese Realisation löst direkte Betroffenheit aus und verstärkt den Wunsch, mehr über die Opfer erfahren zu wollen und ihre Schicksale nicht einfach unter den Teppich zu kehren.

Stolpersteine Ausstellung

Gunter Demnigs gegenwärtiges Ziel ist auch eine europaweite Ausdehnung der Kunstaktion. Allerdings lagen ihm dabei bisher einige Stolpersteine im Weg. Frankreich zeigte sich wenig kooperativ und Polen wollte nur Steine für verdiente Männer verlegen lassen. In Ungarn machte er aber sehr gute Erfahrungen. Dort wurden bereits in 11 Kommunen Steine verlegt.

Mit Hilfe der ungarischen Kulturmanagerin Berger gelang 2007 die Konzeption für ein binationales Projekt. Anlässlich des 60. Geburtstags von Demnig entstand eine Ausstellung rund um die Stolpersteine. Diese wurde im April 2007 in Budapest eröffnet. In Köln feierte sie im Oktober 2007 Premiere und ist dort bis Januar 2008 im NS- Dokumentationszentrum zu sehen. -->Informationen zur Ausstellung

Dann steht sie als Wanderausstellung zur Verfügung. Die Ausstellung dokumentiert anhand von Bildern, Tonbeiträgen und Objekten eindrucksvoll die Arbeit des studierten Kunstpädagogen. Im Zentrum steht natürlich die Geschichte der Stolpersteine. Man erfährt aber auch viel über Demnigs Vita und seine anderen Projekte.

Die Kunstaktion, der Demnig seit über zehn Jahren seine Aufmerksamkeit widmet, ist zu einem bedeutenden Andenken an Verfolgte des Nationalistischen Regimes geworden. Die Stolpersteine ziehen sich wie ein roter Faden durch deutsche Städte bis hin nach Österreich und Ungarn. Fast täglich werden es mehr. Fast täglich stolpern mehr Menschen über das  individuelle Schicksal eines NS-Opfers. Fast täglich wird damit ein weiterer Schritt zur Aufarbeitung einer Vergangenheit getan, die so mancher lieber auf ewig in den Tiefen des Vergessens vergraben würde.

 

Daniela Steins

Demnig inmitten der Stolpersteine-Ausstellung im NS-Dokumentationszentum Köln

Gunter Demnigs Vita

1947           
geboren am 27. Oktober in Berlin

1967-1979
Studium der Kunstpädagogik an der Hochschule für bildende Kunst Berlin bei Prof. Herbert Kaufmann sowie des Industrial Design (1969-1970),

Studium der Kunstpädagogik an der Kunstakademie / Gesamthochschule Kassel (ab 1971),

Studium der Freien Kunst an der Universität Kassel, Atelier Kramer (1974-1977)

1980-1985    
Künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kunst an der Universität Kassel
seit 1985
Atelier in Köln

Kunstaktionen (Auswahl)

1980    Duftmarken Kassel-Paris
1981    Blutspur Kassel-London
1982    Ariadne-Faden Kassel-Venedig
1982    Flaschenpost Kassel-New York
1983    KASSEL 22. OKTOBER – ZEHNTAUSEND TOTE
1984    Landschaftskonserven
1985    Staubspur Kassel-Köln
1988    Einreise Entry Entré Vjezd Berlin
1990    Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti
2000    The walls of Jericho
            Hörgänge
2001    Schwarze Mauer
2002    Menschenrechte
            HIER WOHNTEN SIE

Auszeichnungen

2004   
Max-Brauer-Preis der Alfred Toepfer Stiftung FVS, HamburgHerbert-Wehner-Medaille der Gewerkschaft ver.di

2005   
German Jewish History Award der Obermayer Foundation
Jugendpreis „Das rote Tuch“
Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland

2006
Alternative Ehrenbürgerschaft, Köln

Der Stolperstein von Erich Sander

KÖLN, DÜRENER STRASSE 201

Hier wohnte Erich Sander, geboren am 22. Dezember 1903 in Linz an der Donau. Der Sohn des bekannten Fotografen August Sander engagierte sich seit 1925 in der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.
Nach seinem Ausschluss aus der KPD trat er der „Sozialistischen Arbeiterpartei“ bei. Seit 1932 leitete er die Kölner Gruppe der SAP. 1934 von der Kölner Geheimen Staatspolizei verhaftet, wurde er im Mai 1935 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Befreiung erlebte er nicht mehr. Er starb am 23. März 1944 im Zuchthaus Siegburg. Die Todesursache ist ungeklärt.

Kommentare

Dr. Gerd Nauhaus, Zwickau, 15.02.2010 13:30:
Ich bemühe mich, einen Stolperstein für ein NS-"Euthanasie"-Opfer aus meiner Familie in KASSEL verlegen zu lassen, erfuhr aber, dass die Stadt sich gegen eine solche Aktion entschieden hat - was ist zu tun? Habe mich heute an die zuständige Dezernentin Anne Janz (B 90/Grüne) gewandt; warte auf Antwort.
Beste Grüße
G. Nauhaus.
winter, 24.11.2009 14:22:
mir gefällt ihr projekt stolpersteine sehr gut. das war auch der grund dafür, warum ich in meiner heimatstadt emsdetten recherchiert habe, ob hier zur NS- Zeit Juden lebten. Bis auf einen Halbjuden (seine Mutter war Jüdin) mit seiner Familie (Frau und Kindern) lebte keiner mehr in Emsdetten. Er wurde vom Bürgermeister der Stadt Emsdetten vor Angriffen der Parteimitgliedern beschützt. Er hat die Nazi-Zeit in Emsdetten überlebt. Also "brauchen" wir keine Stolpersteine, worüber ich natürlich froh bin. Aber sehr gut, dass Sie sie verlegen. mit liebem Gruß. luzia winter

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