Trude Herr

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Trude Herr

Kompromisslose kölsche Komödiantin (1927 in Köln–1991 in Lauris/Frankreich)

„Et jitt Lück die mögen mich, andre widder finge mich dumm und dick und widderlich, und bestenfalls banal. … doch dat is mir ejal. Ich sage wat ich meine, jon ich och dadran kapott … ich kruffe keinem in de Fott …”

(Aus dem Songtext „Ich sage was ich meine”, 1987)

Bezeichnet man sie als Ulknudel, liegt man sicherlich nicht falsch. Aber man wird ihr auch keineswegs gerecht. Trude Herr war eine geborene Komödiantin, die trotz ihres Talents zeitlebens hart an sich arbeitete. Und sie war unglaublich vielseitig.

Sie schrieb Bühnenstücke, schauspielerte in über 30 Filmen und auf der Bühne, hielt Büttenreden und wurde als Stimmungskanone engagiert. Sie sang Hochdeutsch und op Kölsch, eigene und adaptierte Stücke, rief eine Lustspielbühne und ein Volkstheater ins Leben und verdiente sich zur Not auch mal ihr Geld in nicht ganz so feinen Kölner Etablissements.

Weggefährten beschreiben sie aber auch als trotzig und unbeugsam. Sie war mit sich selbst und anderen oft unzufrieden und deshalb ungerecht, so dass sie es sich im Laufe ihres Lebens mit manchen verscherzte.

Ihre Markenzeichen, neben ihrer Leibesfülle, waren ihre markante Stimme, ihre Energie und ihre Fähigkeit, sich selbst ins Lächerliche zu ziehen und Klischees schamlos auszureizen, z.B. indem sie sich in viel zu enge Brokatkleidchen quetschte oder Boogie-Woogie im Minirock tanzte.

Doch bei genauer Betrachtung konnte sie selbst bei ihrer Darstellung der „doofen Dicken“ in den spießigen Klamauk-Filmchen der 1950er und 60er Jahre immer auch dem Publikum Tiefgründigeres vermitteln als es die Rolle vorsah.
Die Kölner liebten sie zwar auch als Torten werfende Ulknudel. Aber ihren Status als Kölner Kultfigur besiegelte sie schließlich in den Jahren, als sie als Stückeschreiberin, Regisseurin und Schauspielerin das Regiment in ihrem eigenen Volkstheater führte.

Lehr- und Wanderjahre

„Trudi”, „dat Tutti” oder „dat Pummel”, wie sie auch von ihrer Familie und Freunden genannt wurde, kam am 4. Mai 1927 in Köln-Kalk zur Welt. Ihr Vater, der Lokomotivführer Robert Herr, war als KPD-Mitglied in den Jahren 1933-54 fast ohne Unterbrechung in Haft. Trude besuchte die evangelische Volksschule in Köln-Mülheim. Von 1943-45 lebte die Familie im hessischen Ewersbach und kehrte kurz nach dem Krieg nach Köln-Nippes zurück.

Die Schauspielerei war schon von Kind an Trude Herrs Berufswunsch, dessen Verwirklichung sie 1948 mit kleinen Rollen am Millowitsch-Theater näher kam. 1949 gründete sie zusammen mit ihrem Freund und Mentor Gustl Schellhardt die „Kölner Lustspielbühne”. Mit den Aufführungen von Kinderprogramm und Mundart-Schwänken war ihnen zwar ein ideeller, nicht jedoch ein finanzieller Erfolg beschieden, so dass die Bühne schon binnen Jahresfrist schließen musste. Danach verdiente Herr sich das lebensnotwendige Geld als allseits beliebte Barfrau im Szenelokal Barberina.

Kurzer Ausflug in den Kölner Karneval

Erst Mitte der 1950er Jahre betrat sie wieder eine Bühne, diesmal als Büttenrednerin im Kölner Karneval. Das Publikum liebte sie sehr, die Offiziellen weniger. Als das Festkomitee ihr schließlich eine kritisch-boshafte Büttenrede verbot, war der Karneval für sie gestorben und ihre Kompromisslosigkeit wieder einmal unter Beweis gestellt.

Trude Herr brillierte nicht nur in kölscher Mundart. Sie konnte auch auf Hochdeutsch begeistern, wie sie mit einem unvergleichlichen Solosketch bewies und daraufhin von Willi Schaeffers für das Kabarett Tingel-Tangel in Berlin engagiert wurde. Schon kurz darauf gab es Trude Herr nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf Zelluloid.

An der Seite von Stars wie Bill Ramsey, Heinz Erhardt oder Caterina Valente spielte sie in den Filmkomödien der 1950er und 60er Jahre. Ihre Rollen des dicken Trampels oder der doofen Dicken, die sie meist  übernehmen musste, füllte sie jedoch mit Bravour und auch immer mit Seele aus. Im Grunde sind es klamaukig-spießige Filme mit überzeichneten, naiven Stereotypen, die man heute fast nicht mehr anschauen mag. Schlechte Filme, wie sie selber sagte. Aber sie brachten ihr immensen Erfolg, den sie im Anschluss als Stimmungskanone u. a. zusammen mit dem Orchester Max Greger, aber auch mit Soloprogrammen, weiter ausbaute.

„Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann”, schmetterte Trude Herr 1959. Es war ihr erster Hit als Sängerin. Weitere Hits folgten (u. a. „In der Spelunke Zur alten Unke”, „Morgens bin ich immer müde”, „Weil ich so sexy bin”). Zahlreiche Schallplatten nahm sie in den kommenden drei Jahrzehnten auf. In den 80er Jahren hatte sie noch einmal Erfolg mit kölschen Cover-Versionen ausländischer Songs. Ihren letzten Hit „Niemals geht man so ganz” nahm sie 1987 zusammen mit Wolfgang Niedecken und Tommy Engels auf.

Eine eigene Volksbühne – aber bitte reformiert

1970 führte ihr Weg für lange Zeit wieder zurück nach Köln und ins Theater. Sie übernahm Bühnenrollen im Millowitsch Theater, wo es sie jedoch nicht lange hielt. Mit ihrem eigenen Ensemble erfüllte sie sich einen lange gehegten Wunsch und eröffnete 1977 ein Volkstheater in einem leerstehenden Kino im Severinsviertel. Dieses „Theater im Vringsveedel” sollte Theater nicht auf Kosten, sondern im Interesse von Minderheiten sein. Sie nannte es das reformierte Volkstheater, wo dem Publikum keine heile Welt vorgekaukelt werden sollte.

Die Kölner nahmen es begeistert auf; Trude Herr war nun endgültig aus dem öffentlichen Kölner Leben nicht mehr wegzudenken. Die Figuren, die sie in den zum Teil selbstgeschriebenen Stücken verkörperte, griffen immer zu außergewöhnlichen und nie gesellschaftskonformen Mitteln, um ihr Überleben zu sichern. Ohne Unterstützung durch die Stadt hielt Trude Herr dieses Theater bis 1986 aufrecht.

Zeitlebens litt Trude Herr unter Fernweh. Bereits 1964 unternahm sie ausgedehnte Reisen durch die Sahara, drehte dort eigene Filme, die jedoch nie verwirklicht wurden und im Rohschnitt blieben. Von einer dieser Reisen folgte ihr der Tunesier Ahmed M’Barek nach Köln, mit dem sie von 1966-76 verheiratet war. 1986 jedoch war es weniger ihr Wunsch, ferne Länder zu bereisen, als ihr schlechter gesundheitlicher Zustand, der sie das Theater aufgeben und schließlich in wärmere Gefilde ziehen ließ.

Auf den Fidschi Inseln lebte sie zurückgezogen mit ihrem Lebensgefährten Samuel Bawesi bis Anfang 1991. Sie kam für kurze Zeit nach Köln zurück, plante TV-Auftritte. Doch ihre Krankheit zwang sie wieder in den Süden. Sie zog nach Lauris in die Nähe von Aix-en-Provence, wo sie am 16. März 1991 starb.
Beerdigt wurde sie am 27. März unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Köln. Eine kritische Hommage an ihre Stadt hat sie auf ihrer letzten LP eingespielt: „Ming Stadt” (original „Here’s to you” von Ennio Morricone/Joan Baez).

Cornelia Auschra

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