Koeln-Magazin.info

Anzeige

Im roten Meer der Wahner Heide

Naturwunder vor den Toren der Stadt

Unglaublich, aber wahr. Das wertvollste Naturschutzgebiet Nordrhein-Westfalens liegt vor unserer Haustür. Und abwechslungsreicher geht es nicht mehr. Hier gibt es nicht nur uralte Buchenwälder und romantische Heiden mit seltenen Tieren und Pflanzen, hier gibt es auch noch Quarzitgruben, Kühlschränke aus Ziegelsteinen, steinzeitliche Schlagplätze und Überreste einer sündhaften Eremitenklause.


Der Name und die Abgrenzung der Wahner Heide sind auf ihre langjährige militärische Geschichte zurückzuführen. Ab 1817 dehnte das preußische Militär seine Übungsflächen von der Heide bei Wahn ausgehend nach und nach in die umgebenden Heidegebiete aus, sodass eines Tages das gesamte Gebiet als „Schießplatz Wahner Heide” bezeichnet wurde. Der erste Stacheldraht, auf den wir bei unserer Expedition stoßen, ist jedoch kein militärischer. Es ist das Gelände von Dynamit Nobel, das sich ab 1887 in eben diese Troisdorfer Heide ausdehnte. Wäre sie seinerzeit von den Preußen in den Übungsplatz mit einbezogen worden, wäre die Troisdorfer Heide, ebenso wie der Großteil des heute 5.000 Hektar umfassenden Landschaftsraums Wahner Heide, sicher unverbaut geblieben. An diese Preußen werden wir wieder erinnert, wenn wir den Mauspfad überqueren und in das Naturschutzgebiet eintreten. „Lebensgefahr” prangt auf den rot-weißen Schildern, die an die Kampfmittelbelastung aus der Zeit des Artillerie-Schießplatzes und das daraus resultierende Wegegebot erinnern. Keine Sorge: „In die Luft geflogen” ist hier noch kein Wanderer.

Immer wieder anzutreffen

Nachdem die belgischen Streitkräfte im Februar 2004 nach mehr als 50 Jahren aus der Wahner Heide abgezogen wurden, sah es so aus, als sei das Kapitel der militärischen Geschichte der Wahner Heide endgültig beendet. Tatsächlich wandelte sich aber das südliche Drittel des Naturschutzgebiets in den „Standortübungsplatz Wahner Heide” der Bundeswehr. Im Gegensatz zu den Zeiten der belgischen Nutzung ist das Betreten jetzt zwar an jedem Wochentag erlaubt, doch kann es nun in seltenen Fällen vorkommen, dass ein Wanderweg wegen eines Manövers kurze Zeit gesperrt wird. In der Hoffnung, dass die Ausnahme heute nicht die Regel bestätigt, erklimmen wir den Gipfel des Telegraphenbergs, der mit 134 Metern der höchste Hügel der Wahner Heide ist.

Auf dem Gipfel der Wahner Heide

Von hier oben hat man eine grandiose Aussicht auf die „Grüne Hölle” der Scheuerbachsenke und die angrenzenden Höhen des Rheinischen Schiefergebirges. Noch in den 50er Jahren bot sich hier ein endloser Blick auf offenes Heide-Buschland. Doch im Zuge des Aussterbens der traditionellen Landwirtschaft mit ihren unterschiedlichen Weidetieren, die für das Umgraben des Bodens sorgten, schossen unzählige Birken und Espen ins Kraut. Glücklicherweise ist dies hier nicht überall der Fall, denn mit allein 700 Tier- und Pflanzenarten der „roten Liste” ist die Wahner Heide das artenreichste Naturschutzgebiet Nordrhein-Westfalens. Es gibt eine unübertroffene Vielzahl von Lebensraumtypen, wie etwa Binnendünen, Magerrasen, Feuchtwiesen, Moore, naturnahe Wälder, Bäche und Weiher. Wegen dieses Reichtums steht die Wahner Heide bereits seit 1931 unter Naturschutz. Nachdem der Flughafen Köln/ Bonn Ende der 50er Jahre mitten in das Naturschutzgebiet hineingebaut worden war, wurde die Wahner Heide 1968 auf 2.630 Hektar „von Neuem” geschützt und die Naturschutzgebietsgrenze größtenteils einfach um das neu entstandene Flughafengelände herumgelegt. Naturschutz nach Art des kölschen Klüngels eben.

Nach Überquerung der Straße zwischen Troisdorf und Altenrath geht es gleich wieder hoch in die Fliegenbergheide. Der weite Blick ins Agger- und Siegtal mit der Siegburger Abtei auf dem Michaelsberg und dem dahinter liegenden Siebengebirge ist wahrlich eine Wanderung wert. Und hier kommt endlich auch der Liebhaber der Lüneburger Heide auf seine Kosten: Calluna, auch Heidekraut oder Besenheide genannt, so weit das Auge reicht. Im Spätsommer taucht sie den Hang des Fliegenbergs in ein zartes, aber leuchtendes Violett. Die Troisdorfer erzählen sich eine Sage, die erklärt, warum die Heide rötlich blüht: „Von Anfang der Welt her blühte die Heide weiß. Als aber unter den Menschen der Krieg aufkam, da wurden vom Blute der Erschlagenen die Heideblümchen rot und sind es geblieben bis auf den heutigen Tag, dass ein weißer Heidebuschen eine Seltenheit geworden ist. Wenn aber eine reine Maid einen solchen findet, wird sie Braut noch im selben Jahr.”

Aussicht vom Telegraphenberg

Dieser „unreine” Ort ist übrigens der optimale Lebensraum der Zauneidechse, einer bundesweit stark gefährdeten Echsenart, die ihre Eier im Dünensand vergräbt und von der Sonnenwärme ausbrüten lässt. Eine andere, ebenso bedrohte Reptilienart macht bevorzugt Jagd auf die Eidechsen – die Schlingnatter. Dort, wo die Fliegenbergheide fast schon in die Aggeraue mündet, biegen wir links hoch in ein Birkenwäldchen. Hier wartet der Quarzitsteinsee darauf, entdeckt zu werden. Von 1882 bis etwa 1965 wurde durch den Quarzitabbau eine tiefe Schlucht in den Berg gegraben, die sich später mit Wasser füllte. 1909 ist hier die berühmte Göttervase, eine Graburne aus dem 2. Jahrhundert, gefunden worden, die im Römisch-Germanischen Museum in Köln zu bewundern ist.

Noch einmal bergauf und bergab, und schon tut sich der imposante Südwesthang des Güldenbergs vor uns auf. Hier ist der gefährdete Hainsimsen-Buchenwald besonders bemerkenswert: Über 200 Jahre alte Baumgreise bevölkern die Bergkuppe noch genauso wie das namengebende kleine Binsengewächs. Sie und mit ihnen zahlreiche seltene Tierarten wie Fledermäuse und Mittelspecht profitieren hier von der Nutzungsaufgabe der Forstwirtschaft. Leider sind solche Waldreservate selbst in einem international bedeutenden Naturschutzgebiet wie der Wahner Heide immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Es wird Zeit, dass von Förstern ebenso viel Verantwortungsbewusstsein für den Schutz der Landschaft abverlangt wird wie von Wanderern.

Auf dem Siegburger Weg geht’s ins Aggertal hinab und am Parkplatz der Aggerstation erneut in den Wald hinein. Bald stoßen wir auf den Leyenweiher mit seinen bildschönen Seerosen. Anschließend lüftet sich endlich das Geheimnis um den Brunnenkeller. Nur soviel sei verraten: Es handelt sich um eine Art naturnahen Milch-Kühlschrank aus dem 19. Jahrhundert. Den Rest muss jeder selbst entdecken!

Dann erklimmen wir den letzten Berg für heute. Ohne den Gipfel gestürmt zu haben, stehen wir bald mitten im geheimnisvollen Eichenwald der Eremitage. 1670 wurde hier eine zweigeschossige Kapelle mit Wohnhaus errichtet, in der fortan mehrere Brüder wohnten. Diese lebten vom Betteln, und das teilweise wohl nicht schlecht. Bis heute wird manchem von ihnen nachgesagt, dass er wusste, wie man Feste feiert. 1833 ließ der Kölner Erzbischof die sündige Einsiedelei abreißen. Hier am Ravensberghang fand man auch die ältesten Nachweise von Menschen im Heidegebiet. Bereits in der Steinzeit kamen Jäger und Sammler hierhin, um den Quarzit zu schlagen und zu Faustkeilen und Klingen zu verarbeiten.

Unser Weg führt uns bergab, durch das Tor im Wildzaun aus dem Truppenübungsplatz. Auf dem Rückweg sind wir eigentlich ganz froh, noch durch den Troisdorfer Stadtkern zu müssen. Hier tut sich noch die eine oder andere Gelegenheit auf, den Heidesand von der Kehle zu spülen und damit zu prahlen, welchen zahllosen Gefahren man getrotzt hat.

Anfahrt

PKW:
von Köln 30 Kilometer A59 (Flughafenautobahn) Richtung Bonn,
Ausfahrt Lind, rechts auf die B8 (Frankfurter Straße) durch Spich bis Troisdorf Mitte.
Der Straße bis zum Ende folgen und vor der Fußgängerzone links in die Cecilienstraße, die in die Friedensstraße übergeht.
Diese bis zum Parkplatz Am Waldrand durchfahren und dort parken.

Öffentliche Verkehrmittel:
mit den Regionalbahnen 8, 9, 18 oder mit der S-Bahn 12 bis Bahnhof Troisdorf.

Tourvorschlag:
Ab Bahnhof 11,3 Kilometer, knappe 3 Stunden
Wahner Heide Tour: Fliegenbergtour (Schafkopf-Piktogramm)

Vom Bahnsteig aus Richtung Troisdorf Innenstadt. Über den Bahnhofsvorplatz, die Poststraße überqueren und an der Post rechts vorbei in die Kronprinzenstraße gehen. Hinter der Kirche halb links in die Wilhelmstraße, dann über die Fußgängerzone hinweg auf die Cecilienstraße. Dieser immer folgen. Sie heißt später Friedensstraße und dann Am Waldpark. Hier starten auch die, die mit dem Auto gekommen sind. Den Waldweg bis zur Kreuzung im Waldpark gehen. Hier findet sich neben dem Kreuz die Markierung für die Fliegenbergtour, gekennzeichnet mit einem Schafkopf-Piktogramm. Der schwarze Schafkopf auf gelbem Untergrund ist überall gut sichtbar angebracht und begleitet uns die gesamte Strecke. Hinter dem Kreuz gehen wir links auf den Zaun von Dynamit Nobel zu. Der Weg führt direkt auf den Mauspfad und den dortigen Eingang in das Naturschutzgebiet. Im Naturschutzgebiet immer dem Schafkopf-Piktogramm folgen, bis wir nach knappen drei Stunden wieder an der Kreuzung im Waldpark herauskommen.

Variationen:
Die Fliegenbergtour eignet sich auch hervorragend zum Mountainbike fahren. Neben diversen Steigungen ist der teilweise sehr sandige Untergrund eine Herausforderung. Das Infozentrum Wahner Heide bietet regelmäßig geführte Exkursionen von zwei bis drei Stunden an. Der Heidespaziergang startet jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr am Infozentrum Wahner Heide, Flughafenstraße 33 in Altenrath. Im „Natur- und Kulturführer Wahner Heide – Die 9 Rundwanderwege“ finden sich neben weiteren Wandertouren auch ausführliche Informationen über Geschichte, Flora und Fauna der Wahner Heide. Nicht nur wegen des übersichtlichen Kartenmaterials ein Muss für alle Heide-Fans.

www.heideterrasse.net

www.wahnerheide.net

Wander- und Fahrradkarte vom Infozentrum Wahner Heide: „Wahner-Heide-Karte”

Dieser Beitrag stammt aus dem Buch "Ausfliegen" mit freundlicher Genehmigung des Kiepenheuer und Witsch Verlags.

Ausfliegen!
22 Tages- und Wochenendausflüge um die Ecke
Carolin Wagner
Überarbeitete 2. Auflage, KiWi Köln
192 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-462-03807-1
Preis: 12,95 Euro

Rezension lesen...

zur Buchbestellung...

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben











Hier finden Sie noch mehr Freizeittipps für Köln:

Cornelia Auschra, Ute Hayit
Kölner Ausflüge
Burgen, Parks und lehrreiche Pfade

Hier können Sie das eBook direkt bestellen:
ePub: 978-3-87322-172-7
mobi: 978-3-87322-173-4
3,99 EUR

Cornelia Auschra, Ertay Hayit
Kölner Radtouren
Mit dem Fahrrad auf echt kölschen Spuren

Hier direkt bestellen:

ePub: 978-3-87322-164-2
mobi: 978-3-87322-165-9
PDF: 978-3-87322-163-5

© Hayit Medien Köln | 2005 - 2017 Alle Rechte vorbehalten