Ralf Witthaus

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Ralf Witthaus – Der Rasenmähermann

Der Autobahnabschnitt im Kölner Vorgebirgspark, Bild: M. Nunes

Kunst mal ganz anders und nicht immer für die Ewigkeit

„Was machen Sie hier eigentlich?“ Eine Frage, die Ralf Witthaus häufig zu hören bekommt. Wenn er, mit Gesichtsschutz und Rasenmäher bewaffnet, Formen in Grünflächen mäht. Ralf Witthaus setzt Denkmäler, vergängliche, aber dennoch nachhaltige. Der Kölner Künstler macht Kunst im öffentlichen Raum. Jedoch nicht nur: Menschen zu fesseln und aus dem Alltag zu rütteln, ist die Motivation, die ihn immer wieder zu außergewöhnlichen und vor allem auffälligen Kunstwerken inspiriert.

Ein Autobahnabschnitt mitten im Grünen, auf dem Mensch und Tier seelenruhig spazieren können. So etwas gibt es nicht? Gab es doch, zumindest zeitweilig im Kölner Vorgebirgspark. Dort hat der Künstler Ralf Witthaus im Jahr 2006 seine Spuren hinterlassen. Eine 400 m lange Strecke auf einer großen Wiese erinnerte an die vor 40 Jahren geplante Kölner Stadtautobahn, die aus Geldmangel schließlich doch nicht gebaut wurde. Mit dem Rasenmäher hat Witthaus die damals geplante Autobahnauffahrt nachgezeichnet. Er setzte auf diese Weise ein Denkmal, das daran erinnern sollte, was es für die Landschaft des Vorgebirgsparks bedeutet hätte, wenn sie durch eine 4-spurige Trasse zerstört worden wäre.

Ralf Witthaus

Grünflächen im Auge des Betrachters

Wie im eigenen Garten ist das Rasen mähen natürlich in Witthaus Kunstwerken eine Aktion, dessen Ergebnis schon bald nicht mehr sichtbar ist. Die Natur hat ihr Grün nach kürzester Zeit wieder über der gemähten Fläche ausgebreitet. Das Kunstwerk ist also vergänglich. Aber genau darin liegt die Intention des Künstlers: Er kreiert ein Denkmal für den Augenblick, das so schnell verschwindet, wie manch ein Vorhaben, ein Mensch oder ein Gedanke. Und dennoch zeigt es Wirkung auf den Betrachter. Schließlich ist es das Hauptanliegen eines Künstlers, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Menschen aus dem Alltag herauszurütteln. Sie dazu zu bringen, stehen zu bleiben und zum Nachdenken anzuregen: Was ist das, was ich da vor mir sehe? Darüber möchte ich mehr erfahren!

Das schafft Ralf Witthaus jedes Mal, wenn er in Deutschland oder im angrenzenden Ausland mäht und inszeniert. Die Reaktionen der Menschen umfassen dabei alle möglichen emotionalen Facetten, über Interesse, Zweifel, Wut und Belustigung. „Ich beobachte Sie schon seit Tagen, was machen Sie eigentlich hier?“, muss sich Witthaus oft fragen lassen. Aber er wartet förmlich auf diese Frage, denn er setzt sich gern mit den Menschen auseinander, die auf seine Kunst reagieren. Egal, wie diese Reaktionen aussehen. Schon häufiger hatte er es mit Beschwerden von Anwohnern zu tun, vor deren Tür er eine Grünfläche bemähte. „Sie fühlen sich für den Rasen vor ihrer Tür verantwortlich, sehen ihn als ihr Eigentum, das es zu schützen gilt“, erklärt Witthaus mit Verständnis für manchen Anwohner, der ihn am liebsten mitsamt Rasenmäher und Vorzeichnung zum Teufel jagen würde. Gerne diskutiert der kommunikative Künstler dann mit den Menschen, um ihnen seine Idee und sein Konzept hinter den Rasenmäherzeichnungen zu erläutern.

Kunst als Gesellschaftskritik

Schön ist es, wenn die Reaktionen positiv sind und die Menschen sich angesprochen fühlen. Dies ist Witthaus zum Beispiel in dem kleinen, verschlafenen Nest Seethen in der Altmark gelungen. Das 174-Einwohner-Dorf in Sachsen-Anhalt repräsentiert die typische ostdeutsche Einöde, in der nur schwerlich eine Zukunft zu finden ist. Deshalb zieht es die jungen Menschen fort, so bald es geht. Auf einer Grünfläche der Gemeinde setzte Ralf Witthaus 2005 ein Abwanderungsdenkmal für vier junge Männer, die Seethen gerade verlassen hatten. Er mähte die Buchstabenzwischenräume der Vornamen ins Grün. Als die Leute im Ort davon erfuhren, versammelten sich von Tag zu Tag mehr Mütter von abgewanderten Jugendlichen vor der Rasenzeichnung und waren zu Tränen gerührt. Mit diesem Kunstwerk hatte Witthaus das erreicht, was er als Hauptmotivation für seine künstlerische Arbeit sieht: Er hatte die Menschen dort bewegt und ihnen auf seine Weise einen gesellschaftlichen Umstand vor Augen geführt.

Gerade eine solche Kunstaktion verdeutlicht, dass Kunst über die reinen ästhetischen Belange hinaus geht und auch gesellschaftliche Aussagen trifft. Für Witthaus ist diese Facette ein hoher Anspruch. Die sozialkritische Komponente seiner Kunst kommt vor allem in einem seiner anderen Projekte zum Ausdruck. Weg von der Landschaftskunst bewegt sich der engagierte Künstler mit den Buchdeckellandschaften. Er zerreißt Bücher und lässt nur die Deckel übrig, um auf ihnen zu zeichnen oder Collagen zu erstellen. Ob er sie mit Toilettenpapier beklebt, in Tesafilm einwickelt oder mit Elementen aus dem täglichen Leben collagiert, für ihn sind die Buchdeckelkunstwerke ein Sinnbild für Veränderung. „Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich das Buch als Medium verändert und nicht mehr den Stellenwert hat, den es Jahrhunderte lang hatte“, erklärt Witthaus. Seine Aktion ist in diesem Sinne ein Symbol dafür, wie sich ein Medium durch gesellschaftliche und technische Einflüsse verändert. Die Collagen und Zeichnungen auf den Buchdeckeln haben durchaus auch sozialkritische oder politische Bezüge. Meist mit humorvollen Aspekten versehen, drücken sie gesellschaftliche Verhältnisse aus.

Das Abwanderungsdenkmal in Seethen, Bild: Witthaus
Eines seiner Lieblingskunstwerke, das Schloss in Münster, Bild: Witthaus

Das Element der Zerstörung

„Resteverwertung als Aufwertung“ nennt Witthaus selbst den destruktiven Aspekt, der der Buchdeckelkunst zugrunde liegt. Das Element der Zerstörung ist ein wesentliches Merkmal in der Arbeit des Kölners – aber immer mit dem Anspruch, etwas nicht kaputt, sondern es zu einem „Mehr“ zu machen. Wenn eine Grünfläche mit gestalterischen Elementen versehen wird, wird sie vom schieren Rasen zu einem komplexen Werk aufgewertet, das mit der Umgebung harmoniert.

Eine Landschaft zerstört und sie trotzdem aufgewertet hat Witthaus auch mit seinem Projekt „Die Liegende“. Das 600 m große Landschaftskunstwerk aus Erdreich und Schotter ist eines der ersten des Künstlers. Im westfälischen Werl arbeitete Witthaus insgesamt 4 Jahre an der Entstehung einer überdimensionalen schwangeren Frauenfigur. Diese wurde so in die Landschaft integriert, dass sie als Parkanlage fungiert und Wohn- von Gewerbegebiet trennt. Neben dem Element der landschaftlichen Veränderung war es vor allem ein Volumenverständnis, das Ralf Witthaus mit der Skulptur erzeugen wollte. Seine Motivation war es, mit den heutigen baulichen Mitteln wie Bagger und Raupe eine bildhauerische Form zu erstellen, die plastisch und lebendig wirkt, auch in dieser überdimensionalen Größe. Die hintergründige Idee zu diesem Kunstwerk war die Darstellung der Frau als Landschaft, die es häufig in der Kunstwelt gibt. Um die plastische Form der Liegenden zu erschließen, muss man sie komplett begehen, erst dann weiß man, wie sie aussieht. Die Kunst wird also als Ereignis erlebt, das auf aktiver Wahrnehmung beruht.

Inspirierende Orte

Für den Künstler selbst ist der Prozess der Wahrnehmung der Anfang allen Wirkens. Wenn er darüber nachdenkt, was Kunst im öffentlichen Raum für ihn persönlich bedeutet, steht für ihn die Wahrnehmung eines Ortes an erster Stelle. Sich fesseln lassen von einem Ort, die Umgebung einsaugen, all ihre architektonischen und historischen Gegebenheiten in sich aufnehmen und aneignen, bis die entscheidende Eingabe kommt: „Ich muss eine Idee haben, von der ich denke: Das ist es! Genau das muss ich an diesem Ort machen!“ Und wenn sich eine Idee erstmal in seinem Kopf festgesetzt hat, wird die Ausführung für ihn zur Inszenierung. Die Menschen können ihm dabei zusehen, wie er den öffentlichen Raum gestaltet. Er möchte sie schon während seiner Arbeit dazu animieren, stehen zu bleiben und sich vom Anblick des Kunstwerks faszinieren zu lassen. Für Witthaus persönlich ist jedes neue Projekt seiner langfristigen Grundkonzepte, die Rasenmäherzeichnungen und die Buchdeckellandschaften, ein Prozess der Weiterentwicklung. Er beschreibt seine Arbeit als ständiges Üben: „Wenn ich ein abgeschlossenes Projekt betrachte, merke ich oft: Da ist doch noch was zu perfektionieren.“ Dann macht er sich daran, eine neue Idee zu verwirklichen, die noch perfekter als die vorherige werden soll.

Ralf Witthaus im Gespräch mit Daniela Steins in der Redaktion von Koeln-Magazin.info

Die Kunst des Telefonierens

Neben seiner Arbeit an den Kunstobjekten ist das Telefon Witthaus’ ständiger Begleiter. „Künstler zu sein ist eine organisatorische Meisterleistung, mein wichtigstes Instrument ist das Telefon“, beschreibt Witthaus seinen Alltag. Ständig ist er damit beschäftigt, via Telefon konkrete Projektplanungen abzuwickeln, Genehmigungen einzuholen, sich Galerien, Museen und Unterstützern vorzustellen und Ausstellungen zu organisieren. Nebenbei managt der zweifache Vater das Familienleben mit. Seine schönsten Kunstwerke sind ihm mit Sohn und Tochter gelungen, von denen er stolz die neuesten Schnappschüsse zeigt. Den Sohn zum Kindergarten bringen, das ist seine Aufgabe, während seine Frau sich um die kleine Tochter kümmert. Das ist perfektes Familienleben für ihn: zwei Erwachsene, zwei Kinder, geteilte Arbeit, so muss das sein.

Zugereister Kölner

Ralf Witthaus wurde in Bad Oeynhausen geboren, studierte Kunst in Hamburg, Enschede und Berlin. Durch ein Hochschulkooperationsprojekt kam er sogar an die Harvard University in Cambridge, MA. Zum Leben nach dem Studium hat es ihn nach Köln verschlagen. Als Künstler in Deutschland lebt es sich am besten in Berlin oder Köln, sagt er. Und da er in Berlin schon studiert hatte, wollte er mit Köln eine neue Stadt kennen lernen. Auf die Frage, was das Besondere an der Rheinmetropole ist, sprudelt ein eindeutiger Begriff aus ihm heraus: „Das Lebensgefühl!“

Daniela Steins

Witthaus und sein Team mähen in Einheitskleidung: schwarze Hose und weißes Hemd. (Foto:
Harald Neumann)

 

Ralf Witthaus' Vita

Geboren 1973 in Bad Oeynhausen

1996 - 2001

Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg, Fachbereich Gestaltung / Illustration, Kunstprojekte im öffentlichen Raum, Gastsemester an der Academie voor Beeldende Kunst Enschede, NiederlandeAbteilung Monumentale Kunst

Gastsemester an der Kunsthochschule Berlin (Weißensee),
Fachgebiet Bildhauerei/Plastik

Hochschulkooperationsprojekt mit Harvard University, Graduate School of Design, Cambridge, USA, Dep. Landscape Architecture

2002

Stipendium im Stipendiatenhaus Salzwedel

2003

Reisestipendium der Aldegrever-Gesellschaft Münster nach Frankreich

2007 - 2011

Masterstudium Internationales Kunstmanagement am CIAM - Zentrum für Internationales Kunstmanagement - der Hochschulen HfM und KHM Köln und der KA Düsseldorf

Aktuelle Ausstellung

Wer Ralf Witthaus´Kunst von der ersten Fotoreihe bis zum Projekt "Bundesrasenschau 2010" erleben möchte, ist in die Emmanuel Walderdorff Galerie in Köln eingeladen. Dort präsentiert Witthaus im Rahmen der Ausstellung "Die Welt" seine Buchdeckel und Fotographien seiner Rasenmäherzeichnungen. Ausstellungsdauer: bis 17.03.2012

Bisherige Ausstellungen (Auszug)

2012

"Die Welt", Emmanuel Walderdorff Galerie, Köln

2011

"Künstlerbücher und Bucheinbände", Kunst und Museumsbibliothek Köln
"Aussichtspunkt Herz-Jesu", plattform V8 und plan b Freiburg
"1416 Tonnen", Sommerloch Wuppertal
"Egotrip", Museum für verwandte Kunst, Köln 

2010

"Kleine Dinge", Bundeskunsthalle, Bonn
"Gahlenscher Kohlenweg", Kunstverein Gelsenkirchen
"kommen Sie nach Hause 11", Köln, Bochum
"Reise an den Anfang der Welt", Galerie im Tulla Mannheim
"Vom Blatt bis zur Wurzel", Stimulart Salon Trier

2009

"Kunstblume II", Kunstverein Schwerin
"Vortrieb, oder: Das aquatile Denkmal", Galerie Januar, Bochum
"Danke – es geht uns glänzend!" Museum für verwandte Kunst, Köln
"Landkunst", Landkunst voor Veghels Buiten, Veghel, NL

2008

"gras wächst", Nürnberger Kunsthalle, Projektraum
"Zeichnung ohne Papier", Museum für verwandte Kunst, Köln
"Aix Arcadia", Temporäre Gärten Aachen
"Rasenmäherzeichnungen", Kunstverein Leipzig

2007

"Buchdeckellandschaften", Kunstverein Siegen, Galerie S
"Lückenschluß", Galerie in der Werretalhalle, Löhne
"Die Welt ist eine Scheibe", Plattform V8, Karlsruhe
"Chemin Faisant", Galerie Lutz Rohs, Düren
"Witthaus et Montaron", Galerie Artis Vita, Azille
"Kunstbetrieb Witthaus", Ausstellungsraum Jürgen Bahr, Köln
"Empfangshalle", Lange Nacht der Kunst/Neue Westfälische, Gütersloh

2006

"Lob der Berge", Städt. Galerie Nordhorn,
"Das Freundschaftsspiel", Goethe-Institut Rotterdam, NL
"Vorgebirgspark Skulptur", Köln
"aquamediale", Lübben
"Schöne Aussicht", Galerie Lutz Rohs, Düren
"10 Jahre", Galerie im Tulla, Mannheim
"Denkmal zu Hause", Luisenpark Mannheim

2005

"zwischengrün", Kunstverein Leipzig
"Köln Quartett 05", Fuhrwerkswaage, Köln
"Black Market", Kunstraum Rampe, Bielefeld
"Häuser einparken", Ausstellungsraum Jürgen Bahr, Köln
"Egggarden", Comme ci comme ca III, Üxheim/Eifel
"Plaste und Elaste", Museum für verwandte Kunst, Köln

2004

"Witthaus´Sommerwiesen", Oberfinanzdirektion Münster

Bild: J.Heufelder

„Wo kann ich den Herzschlag des Künstlers spüren?“ Ralf Witthaus macht es sich bei seiner Führung über die Kölner Kunstmesse Art Cologne zur Aufgabe, Werke, die genau das versprechen, vorzustellen.

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Kommentare

Rainer Kippe, 09.08.2010 17:17:
Herzlichen Glückwunsch, Ralf, zu Deiner tollen Aktion und weiterhin viel Erfolg!

Gruß

Rainer Kippe
Herr Markert, 08.07.2009 14:11:
Hallo,

ihre Hundescheisse Aktion finde ich nicht so toll, statt dessen hätten sie besser Müll von den Menschen eingesammelt (Verottet nicht!).
Grüße

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