Köln-Magazin

Belgisches Viertel

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Das Belgische Viertel

Populärer Hotspot der Stadt

Das sympathische Belgische Viertel in der Kölner Neustadt-Nord verdankt seinen Namen der Tatsache, dass eine Vielzahl seiner Straßen nach belgischen und niederländischen Städten und Landstrichen benannt ist: die Lütticher oder Maastrichter Straße etwa, die Antwerpener und die Brüsseler Straße.

Tatsächlich besitzt das Viertel ein ganz besonderes Flair, das durchaus an einen Trip durch die Brüsseler Altstadt erinnern kann: Gemütliche Straßencafés, belgische Gaststätten mit landestypischen Spezialitäten und zahlreiche Kunstgalerien machen das Veedel zu einem Stadtteil großer Popularität - immerhin betreibt hier auch Fußballer-Legende Lukas Podolski eine Eisdiele.

Umgeben von Grünflächen und Partymeilen

Eine Adresse im Belgischen Viertel ist bei den Kölnerinnen und Kölnern aber auch auf Grund seiner perfekten Lage heiß begehrt: Durch die Nähe zum Inneren Grüngürtel am westlichen Rand des Viertels, dem Stadtgarten und dem Aachener Weiher, liegen zahlreiche Möglichkeiten zur feierabendlichen Naherholung nur wenige Gehminuten entfernt. Auch die Innenstadt ist fußläufig zu erreichen. Friesenplatz und Hohenzollernring begrenzen das Viertel zur östlichen Seite hin, die Aachener Straße wartet mit ihren zahlreichen Ausgehlokalen im Süden des „Belgischen“ auf. So ist das gemütliche Veedel umgeben von Grünflächen und Partymeilen, einem charmanten Doppelgespann aus sonniger Gelassenheit und dem Gläserklirren des Nachtlebens.

Letzteres erfreute sich im Belgischen jedoch bereits eines Kultstatus’, bevor das Viertel zum prestigeträchtigen Wohngebiet wurde, nach dem sich Makler und ihre Kunden gleichermaßen die Finger lecken.

Mode und Clubkultur: das Belgische als Szeneviertel

Die Demographie des Belgischen Viertels unterliegt dabei – ähnlich wie die des Stadtteils Ehrenfeld – jenem ungeschriebenen Naturgesetz, das da lautet: Wo die Kneipen gut sind und das Licht gedämmt, da ist die Kunst nicht weit. Das „Roxy“ etwa, einer der Läden, die zum Kultstatus des Belgischen beigetragen haben, galt bis zu seiner Schließung im Mai 2020 als Hotspot der Kunstszene. Künstler wie Simon Polke und Kölsche Urgesteine vom Kaliber Wolfgang Niedeckens oder Jürgen Zeltingers leerten an seiner Theke so manches Bierglas, mittellose Maler zahlten ihren Deckel laut Anekdoten bisweilen mit Gemälden statt mit Barem.

Auch wenn sich vieles im Veedel verändert hat und farbebekleckste letzte Hemden vermehrt knöchelfreien Jeans und Sportjacken vom Second-Händler wichen,  blieb die Avantgarde ihrem Belgischen treu. Noch heute ist das Viertel der Nabel einer kreativen Szene zwischen Design, Kunst und Theaterwesen. Vor allem ist es die Modebranche, die im Belgischen Viertel Atelier und Laufsteg gleichermaßen gefunden hat. Die verschiedenen Boutiquen des Belgischen taten sich 2004 zum modischen Kollektiv „Chic Belgique“ zusammen, das seither einmal jährlich einen gleichnamigen Einkaufsführer herausgibt und unter diesem Label auch ein Kultur- und Party-Event organisiert.

Prestige hat seinen Preis

Das besagte Naturgesetz des demographischen Wandels wäre ohne einen weiteren Punkt aber nur unvollständig genannt: Wo Kneipen sind, da ist Kunst und Kunst macht attraktiv - nicht unbedingt den Künstler selbst, wohl aber sein Habitat. So mauserte sich das Belgische Viertel von einer von Künstlern belagerten Kneipenmeile hin zum wohnlichen Traum mittel- bis höherständischer Familien, die die ehemals von Patriziern bewohnten Altbauten ganz oben auf ihre Merkliste bei Immobilien Scout setzen.

Aber Prestige hat seinen Preis: Die durchschnittlichen Kosten pro Quadratmeter liegen in der Neustadt-Nord laut Wirtschaftsmagazin „Capital“ bei 13,80 Euro (1) – ein Mietspiegel, in dem sich natürlich nicht jeder Kölner reflektiert sehen kann. Anders als die Zeche im Roxy kann man die Miete schließlich nicht mit einem Bild begleichen.

Wer sich eine Wohnung im Belgischen Viertel nicht leisten und das Veedel so zu seinem ganzjährigen Refugium machen kann, der kann es immerhin zu seinem Wochenend-Domizil erklären. Durch die zahlreichen Clubs, Bars und Kneipen, die zwischen Modeboutiquen, Kunstgalerien und Theaterbühnen durstige Studenten mit Getränken versorgen, ist das Belgische Viertel nicht nur ein beliebter Wohnort. Auch zum Feiern zieht es viele, zumeist junge Kölnerinnen und Kölner in das Veedel, bei denen ganz besonders der von Platanen beschattete Brüsseler Platz hoch im Kurs steht.

Hier, unter dem strengen Blick der 1906 eingeweihten Pfarrkirche St. Michael, kommen seit Jahren hunderte Menschen zusammen, um es sich auf den Randsteinen von Blumenbeeten und Sitzbänken bequem zu machen: Musik, Bier, Tischtennis, sehen und gesehen werden. Was für die einen klingt wie der perfekte Samstag im Sommer, birgt für die Anwohner den Klang zerbrechender Glasflaschen, johlender Menschen und langer, schlafloser Nächte. So entwickelte sich der Brüsseler Platz zu einer Art Bühne, auf der seit einigen Jahren ein tragisch-komisches Lustspiel aufgeführt wird. Die Protagonisten: die Anwohner des Platzes, feiernde Menschen und die Stadt Köln.

Der Brüsseler Platz: Streit- und Angelpunkt des Belgischen Viertels

Auch wenn der Titel dieses Bühnenstückes je nach Zeitungsartikel variiert – „Krach am Brüsseler Platz“ (2) etwa oder „Buttersäure gegen Barlärm“(3) –, bleibt  das zentrale Thema doch immer dasselbe: Die Beliebtheit des eigenen Viertels ist zum Problem geworden, die Anwohner des Platzes fühlen sich von den feiernden Nachtschwärmern gestört, die den beschaulichen Raum um die Kirche St. Michael zu ihrem „Place to be“ erklärt haben.

Die Handlung beginnt ironischerweise am Weltjugendtag 2005, den man so gar nicht als Ausgangspunkt eines jahrelang anhaltenden Streits über Lärmbelästigung und Alkoholkonsum erwarten würde, eines Streits, dem die Stadt Köln bereits seit geraumer Zeit durch Sicherheitskräfte und Ordnungshüter beizukommen versucht.

Ebenso wie Papst Benedikt der XVI. machten sich damals hunderttausende Pilger auf den Weg in die Domstadt, feierten gemeinsame Gottesdienste und genossen Bühnenprogramme hochkarätiger Gäste und Musiker. Eines dieser Live-Events fand auf dem Brüsseler Platz statt. Viele Menschen waren anwesend, die Stimmung war gut, die Location ein voller Erfolg – und genau das merkten sich die Anwesenden: Am Brüsseler Platz ist was los, da kann man gut feiern.

Der Papst verließ Köln wieder in Richtung Vatikan, die Pilger aus aller Welt traten die Heimreise an. Die ausgelassene Stimmung auf dem Brüsseler Platz aber blieb bis heute, 15 Jahre später.

Die Nachbarschafts-Initiative „Querbeet“, die sich um die Bepflanzung des Brüsseler Platz’ kümmert, wehrt sich vehement gegen die lärmbelästigende Belagerung ihres umsorgten Platzes. Den Unmut über die herrschenden Umstände kann man ihrer Website entnehmen. So sei die Frequentierung des ‘Brüsselers’ zum Feiern und Trinken ein Problem, das „den Anwohnern in den Sommermonaten das Leben schwer“ mache: „Hunderte von Feierlustigen bevölkern das Areal rund um die Kirche. Der Lärmpegel bis in die frühen Morgenstunden dringt bis in die Seitenstraßen hinein.“

Weiter heißt es: „Die immer kritischer werdende Situation führte zu unzähligen Beschwerden und Diskussionen mit den zuständigen Ämtern der Stadt und der Polizei. Verschiedene Versuche zur Milderung der Belastungen konnten die Lage ansatzweise ein wenig entspannen, aber nicht wirklich verändern“ (4).

Diese Versuche zur Milderung manifestieren sich vor allem in der Präsenz von Ordnern, die eine von der Stadt Köln erlassene Sperrstunde durchsetzen, um eine Lärmbelästigung bis in die Morgenstunden zu verhindern – geklagt und gestritten wird aber weiterhin.

Le Tour Belgique – das legendäre Veedelsfest

Wer die Anwohner des Veedels nicht um den kostbaren Schlaf bringen und trotzdem das Lebensgefühl des Belgischen Viertels erfahren möchte, findet dazu auch jenseits des Brüsseler Platzes viele Gelegenheiten: Szenekneipen wie das „Grünfeld“ und die Bar „Zum Goldenen Schuss“ sind feste Institutionen der Veedel-Gastronomie. Im Restaurant „Belgischer Hof“ kann man neben den deutsch-französischen Leckereien der Speisekarte auch die rustikale Atmosphäre genießen.

Im Belgischen Viertel gibt es jede Menge Cafés, Boutiquen und Kulturstätten, die sich empfehlen ließen - sie alle aufzulisten würde jedoch den Rahmen sprengen. Wer das Belgische Viertel und seinen Facettenreichtum in ganzer Fülle erleben möchte, dem sei daher das Event „Le Tour Belgique“ ans Herz gelegt. Die Initiatoren der Veranstaltung  organisieren seit mittlerweile knapp zwanzig Jahren eine Tour durch das Viertel und seine zahlreichen Geschäfte und Locations: An dutzenden Orten finden im Rahmen der Tour Belgique Live-Konzerte, Performances und Theateraufführungen statt, die Geschäfte bleiben bis in die späten Abendstunden geöffnet.

Nach einer ereignisreichen Tour durchs Belgische ist ein Absacker auf dem Brüsseler Platz dabei für viele der krönende Abschluss des Abends. Das ist natürlich kein Problem, solange man sich nicht benimmt wie die Axt im Walde und Rücksicht nimmt – damit sich alle wohlfühlen und das Belgische Viertel auch in Zukunft maßgeblich zum sozialen Leben in Köln beitragen kann.

Text/Fotos: Florian Eßer

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

Links zum Belgischen Viertel

Chic Belgique

Die Nachbarschaftsinitiative „Querbeet“

Le Tour Belgique

Quellen

(1) Capital: Immobilienpreise und Mietspiegel: Köln-Neustadt-Nord (Stand 12.05.2020):
Mietspiegel und Immobilienpreise von Köln-Neustadt-Nord

(2) Kölner Stadt-Anzeiger: Krach am Brüsseler Platz: Anwohner ziehen „einzigen juristisch wirksamen Hebel“ (Stand 09.05.2020):
Krach am Brüsseler Platz: Anwohner ziehen „einzigen juristisch wirksamen Hebel“

(3) Der Spiegel: Streit in Kölner Szeneviertel – Buttersäure gegen Barlärm (Stand 09.05.2020):
Belgisches Viertel in Köln: Zoff zwischen Anwohnern und Nachtschwärmern

(4) Querbeet: Die Geschichte der Anwohner-Initiative „Querbeet“ am Brüsseler Platz (Stand 11.05.2020):
Historie – Querbeet

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