Köln-Magazin

Ehrenfeld

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Ehrenfeld: Ein stolzer Stadtteil mit Ecken und Kanten

von Florian Eßer

Ehrenfeld ist nicht sauber, nicht glattgeleckt. Kühlschränke und Waschmaschinen stehen auf dem Bürgersteig, mehr oder weniger gelungene Graffiti zieren die Hausfassaden. Nach den Wochenenden zeugen weggeworfene Essensverpackungen und leere Flaschen, Relikte samstäglicher Ausschweifungen, von den Massen, die sich zwischen Kiosk und Spielhalle zum Umtrunk treffen. Nein, Ehrenfeld ist nicht sauber.

Aber die Ehrenfelder lieben ihr Viertel. Im „Berg Krug“ etwa, einer herzlich-rustikalen Kneipe in der Sömmeringstraße, teilt sich ein Schild den prominenten Platz an der Wand hinter dem Tresen mit einem Gewehr und einem Säbel. Darauf steht: „Kölner durch Zufall, Ehrenfelder durch die Gnade Gottes.“ Eine bezeichnende Redewendung.

Denn der Ehrenfelder ist stolz auf sein Viertel, immer mehr Menschen zieht es in die Altbauten, immer mehr junge Start-up-Unternehmen in die Bürokomplexe.

Ehrenfeld ist – wie man bereits ahnen mag – ein sogenanntes „alternatives“ Viertel: Wer im Medien-Bereich tätig ist, wer etwas mit Kunst und Kultur zu Schaffen hat, der will hier her. Das Viertel erfreut sich wachsender Beliebtheit und galt doch lange Zeit als verrufen – hohe Kriminalitäts- und Arbeitslosenraten sorgten dafür, dass Ehrenfeld als Stadtteil galt, den man meiden sollte: „Alles, was nichts taugt auf dieser Welt, kommt aus Nippes, Kalk und Ehrenfeld“, war ein beliebter Spruch.

Das hat sich zwar schon weitestgehend verändert, dennoch befindet der Stadtteil sich im steten Wandel; Ehrenfeld ist einzigartig und schafft den Spagat zwischen morbidem Charme, Katerstimmung, Kunstausstellung und moderner Arbeitswelt. Dem zu Grunde liegt eine Historie des „Nicht-unter-kriegen-lassens“ – und diese ist es auch, aus der die Ehrenfelder ihren Stolz ziehen.

Ehrenfeld als Industriestandort

Der Stadtteil entstand im Zuge der Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Für diesen Zweck errichtet, entwickelte sich Ehrenfeld zu einem der wichtigsten Industriestandorte Kölns und wuchs bald auf die Größe einer eigenständigen Stadt heran.

1867 emanzipierte sich Ehrenfeld als solche von der Bürgermeisterei Müngersdorf, unter deren Verwaltung es bis dahin gestanden hatte und wurde zu einer autonomen Gemeinde. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde diese dann wieder in die Stadt Köln eingegliedert.

Die Tatsache, dass Ehrenfeld das Herzstück der Kölner Industrie war, rückte das ehemalige Arbeiterviertel im Zweiten Weltkrieg in das Visier alliierter Luftangriffe. In deren Folge wurde Ehrenfeld stark beschädigt, viele der Fabrikanlagen wurden zerstört. Die abgeworfenen Sprengkörper beschädigten auch das historische Rathaus so stark, dass es später abgerissen werden musste.

Dennoch sind die Ursprünge des Viertels noch heute klar zu erkennen: Der für das Veedel charakteristische Leuchtturm etwa geht noch auf die industrielle Vergangenheit zurück und fungierte schon zur Blütezeit der Ehrenfelder Industrie als Wahrzeichen und Aushängeschild der Helios AG, einer Firma für Elektrotechnik, die jedoch schon 1930 ihre Pforten schloss.

Multikulturelles Potpourri

Heute hingegen ist Ehrenfeld weniger für seine Industrie bekannt als für die multikulturellen Einflüsse, die das Viertel prägen. So ist die am Grüngürtel gelegene Kölner Zentralmoschee eine der absoluten Sehenswürdigkeiten des Veedels. Sie bezeugt den hohen Anteil an muslimischen Menschen, die im Stadtteil eine neue Heimat gefunden haben: Türkische und arabische Supermärkte und Restaurants findet man entlang der Hauptverkehrsstraße im Abstand von zwei Hausnummern, aber auch asiatische, bulgarische und rumänische Geschäften locken mit landeseigenen Delikatessen. Auch die italienische Gemeinde ist im Viertel zahlenstark vertreten.

Die Kölsche Kultur also existiert hier in vorbildlicher Nachbarschaft zu ausländischen Einflüssen: Hier steht der Colonius, der Fernsehturm der Stadt, Kirchtürme und der goldene Schriftzug „4711“ erheben sich ebenso über die Flach- und Spitzdächer der Wohnhäuser wie das Minarett der Moschee.

Durch die kulturelle Vielfalt lassen sich in Ehrenfeld alle kulinarischen Geschmäcker befriedigen: Wer Lust auf Kebab hat ist hier genauso richtig wie jemand, der auf der Suche nach veganen Restaurants oder einem leckeren Kaffee ist – auch zu später Stunde. Denn auch das Nachtleben ist in Ehrenfeld ebenso abwechslungsreich wie berüchtigt.

Kneipenkultur und Szenekiez: Von der Happy-  bis zur Afterhour

Von der Inneren- bis zur Äußeren Kanalstraße erstreckt sich eine scheinbar endlose Reihe an Trinklokalen, Clubs und Imbissbuden. Daher ist Ehrenfeld eine beliebte Alternative zu den Studentenkneipen im Kwartier Latäng und den Nachtclubs auf den Ringen geworden. Der Leuchtturm der Helios AG weist den Nachtschwärmern den Weg durch das Meer aus Amüsiermöglichkeiten und in den alten Fabrikhallen befinden sich heute zahlreiche Szeneclubs und Kneipen, genau wie in den Bögen des Ehrenfelder Bahnhofs.

Ob Rockmusik oder Elektro, Hip Hop oder Jazz – Fans sämtlicher Genres finden die passende Location, um bis in die späten Morgenstunden zu feiern und zu tanzen.
Wer es etwas ruhiger angehen lassen will, der findet in den zahlreichen Bars und Kneipen immer einen Platz am Tresen oder dem Kickertisch.

Die Ehrenfelder Partyszene bleibt von den Veränderungen innerhalb des Viertel aber auch nicht unberührt. Während man früher die vorhandenen Räume bestehen ließ und umfunktionierte, verfolgt man heute eine andere Politik: Immer mehr Clubs fallen der Gentrifizierung zum Opfer, werden abgerissen und müssen Schulen und Wohnhäusern weichen.

Von diesem Strukturwandel sind auch viele Räume des kreativen Schaffens, der Kunst und der Kultur betroffen. Und doch können sich in Ehrenfeld immer noch viele Ateliers und Kleinkunstbühnen behaupten, die den künstlerischen Charme des Viertels über die Generationen hinweg transportieren.

Zwischen Straßenkunst und Galeriebetrieb

In Ehrenfeld stößt man an jeder Straßenecke auf Kunst: Ob große, wandflächige Malereien wie etwa am Bahnhof Ehrenfeld, oder kleine Sticker und Streetart-Perlen, die dem versierten Auge nicht verborgen bleiben. Kunstliebhaber können sich den zahlreichen Führungen anschließen, die sie durch den kreativen Wirrwarr leiten oder die Vielfältigkeit der Ehrenfelder Straßenkunst auf eigene Faust erkunden.

So muss man nicht zwangsläufig die Galerien und Ateliers besuchen, um Kunst zu sehen, ein paar Anlaufstellen sind aber dennoch zu empfehlen: Die Kolbhalle auf der Helmholtzstraße ist sicherlich der ausgefallenste Ausstellungsraum des Viertels. Viele der ausstellenden Künstler sind hier auch wohnhaft, das gesamte Gebäude ist ein Kunstwerk an sich.

Auch der Hochbunker „bunker k101“ auf der Körnerstraße ist in seiner Form einzigartig. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Schutzort während der Bombardements, nach dem Krieg wurde er von obdachlos gewordenen Kölnern als Wohnraum genutzt. Heute finden dort regelmäßig Ausstellungen und kulturelle Events statt.

Über das gesamte Ehrenfelder Stadtgebiet sind darüber hinaus viele kleinere Ausstellungsräume verstreut. Wer bei den vielen Möglichkeiten der künstlerischen Bildung den Überblick verliert, dem sei die jährlich stattfindende „Kunstroute Ehrenfeld“ empfohlen. Im Rahmen dieser Veranstaltung öffnen private Aussteller und Ateliers ihre Pforten, um dem Besucher einen Einblick in die Kunstszene und das kreative Schaffen des Veedels zu ermöglichen.

Wer über etwas Schmutz und abgelebte Straßenzüge hinwegsehen kann, der wird sich in Ehrenfeld wohlfühlen und Gefallen an dem eigenwilligen Veedel finden.

Text/Fotos: Florian Eßer

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Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

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