Köln-Magazin

Eigelsteinviertel

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Das Eigelsteinviertel in Köln

„Straßen wie diese“ in der Kölner Altstadt

Das Kölner Eigelsteinviertel liegt in der nördlichen Altstadt und erstreckt sich vom Breslauer Platz auf der Rückseite des Hauptbahnhofs bis zur Eigelsteintorburg. Gemeinhin gilt das Veedel als einer der kölschesten Stadtteile, der aber auch stark von Kulturen außerhalb der deutschen Grenzen beeinflusst wird. So vereint das Viertel im Schatten der Eigelsteintorburg ein Sammelsurium an Kneipen, Krämerläden und nahöstlichen Küchen, das schon häufiger das Interesse von Liedermachern und Literaten weckte.

Im Eigelstein pulsiert das Leben

In Erinnerung an seinen Schulweg, der ihn durch das Eigelsteinviertel führte, schrieb etwa Heinrich Böll: „[...] man weiß in diesen Straßen: das Leben ist kurz, es verläuft hier rascher als anderswo und ist doch ewig unabänderlich.”(1) In seinem Essay „Straßen wie diese“ beschreibt Böll das Eigelsteinviertel als Ort der ungeschriebenen Gesetze. Als Ort der Wiege und der Bahre. Als Ort ab von der Obrigkeit, deren Einfluss man sich lieber entzog und sich stattdessen um sich selbst kümmern wollte.

Böll erzählt aber auch vom Wandel des Veedels; von seinen Streifzügen durch die Gassen, die er in Kinderschuhen beschritt, bis hin zu den Bombernächten des Zweiten Weltkriegs, die auch das Veedel um die Eigelsteintorburg herum in Trümmer legten.

Die einzige Konstante, so Böll, sei im Viertel der Karneval gewesen, „der einfach ausbrach“ wenn seine Jahreszeit gekommen war; ganz gleich was sonst in Köln und auf der Welt geschah. So ist es nicht verwunderlich, dass auch kölsche Musiker wie „De Räuber“ das Eigelsteinviertel zum Thema ihrer Dichtungen machten – weniger literarisch zwar, als es der Schriftsteller tat, dafür aber pointierter und leichter verständlich: „Am Eigelstein es Musik, am Eigelstein es Danz.“ Was Böll im Duktus eines Literaten beschreibt und bei den Räubern auf die leicht zugängliche Quintessenz heruntergebrochen wird, meint doch dasselbe: Am Eigelstein ist etwas los, dort pulsiert das Leben.

Und dieses Leben begann am Eigelstein sogar früher als in anderen Teilen des Kölner Stadtgebietes. Zu einer Zeit, in der an Karneval noch nicht zu denken war und die Menschen noch in Tuniken gekleidet über die „platea aquilina“ spazierten, die Adlergasse, wie man den Eigelstein noch hunderte Jahre nach Romulus und Remus nannte.

Von der antiken Heerstraße zum Eigelstein

Tatsächlich ist der Eigelstein eine der ältesten Straßen Kölns. Ursprünglich war er ein Teil der römischen Hauptachse der Stadt, einem wichtigen Bestandteil der städtebaulichen Architektur jener Herrschaftsperiode: Die Hauptachse, cardo maximus genannt, verlief in den Städten des Römischen Reichs vom Norden in den Süden. Gekreuzt wurde diese Hauptachse von einer zweiten Achse, der decumanus maximus, die in West-Ost-Richtung angelegt wurde. Da, wo sich die beiden Achsen kreuzten, befand sich der zentrale Punkt der antiken Metropolen. Als verlängerter Arm der Hauptachse spielte der Eigelstein also schon zur Zeit der römischen„Zivilisierung“ des Rheinlandes eine entscheidende Rolle: Über die „platea aquilina“ machten sich die Legionäre des kaiserlichen Heeres auf den Weg, um weitere Teile Germaniens mithilfe des Schwertes in das Imperium Romanum einzugliedern.

Im 18. Jahrhundert sprach die herrschende Macht im Rheinland nicht mehr lateinisch, sondern französisch: Unter Napoleon wurde der antike Name des Eigelsteins an die nasal-melodische Sprache der Franzosen angepasst. Aus der „platea aquilina“ wurde die „rue de l’aigle“, aus der Adlergasse wurde die Adlerstraße. Lange Zeit ging man davon aus, dass sich der heutige Name des Eigelsteins aus der lateinischen bzw. französischen Bezeichnung heraus entwickelt habe. So sei aus dem französischen Adler, aigle, das eingekölschte „Eigel“ geworden.

Mittlerweile existiert aber noch eine zweite Theorie dazu, wie der Eigelstein zu seinem Namen gekommen ist. So sei der Begriff „Eigelstein“ auf steinerne Pinienzapfen zurückzuführen, die zur Zeit der römischen Herrschaft – je nach Quelle – Dachgiebel oder Grabsteine einer Friedhofsanlage an der Limesstraße geziert hätten. Durch ein Missverständnis sei daraus der Name Eigelstein entstanden: Die Zapfen der Pinien hätten die Kölner für Eicheln gehalten und die steinernen Baumfrüchte fortan „Eychelsteyne“ getauft.

Die symbolträchtige Eigelsteintorburg in der Nähe des Ebertplatzes hingegen stammt weder aus der Zeit der römischen Befestigungen noch aus der Ära der französischen Besatzung. Stattdessen ist sie ein Relikt des mittelalterlichen Festungsrings. Heute beherbergt die Torburg anstelle von Soldaten die Offene Jazz Haus Schule. An kriegerische Auseinandersetzungen erinnert aber auch heute noch das Wrack eines Beibootes der SMS Cöln, das als Denkmal in einer Nische der Torburg hängt.

Die SMS Cöln war als Kreuzer im Ersten Weltkrieg ein Teil der kaiserlichen Marine. Während der Seeschlacht von Helgoland, kurz nach Kriegsbeginn, wurde das Schiff von der Royal Navy versenkt; nur ein einziges Besatzungsmitglied überlebte den Untergang der SMS Cöln.

Skandal im Sperrbezirk: Das Rotlichtmilieu am Eigelstein

Das Eigelsteinviertel gilt als eines der kölschesten Veedel der Stadt: Hier treffen sich die rheinische Gemütlichkeit und die kölsche Lebensart am Kneipentresen, man kennt den Nachbarn und huldigt den Traditionen. Dabei darf einer Tradition im Veedel jedoch nicht mehr nachgegangen werden: Über Jahrhunderte hinweg war vor allem die Straße „Im Stavenhof“ als Amüsiermeile bekannt, in der die Damen leicht waren und das Licht so rot wie der Fanblock des FC.

Bei aller karnevalistischen Jeckigkeit und Heimatliebe darf man schließlich nicht vergessen, dass Köln zu seinem Spitznamen „Chicago am Rhein“ nicht gekommen ist wie die Jungfrau zum Kinde: In den 60er und 70er Jahren war die Domstadt ein heißes Pflaster. Ganoven, Zuhälter und Diebesbanden bevölkerten die mit Kopfstein gepflasterten Gassen der Altstadt, durch die sich heute Touristengruppen mit Kameras drängen.

Das älteste Gewerbe der Welt suchte dabei die Nähe zu einer der ältesten Straßen der Stadt. Das Eigelstein-Viertel galt als sündiges Eldorado; neben der Brinkgasse und der Nächelsgasse war der Stavenhof die dritte Bordellstraße des erzbistümlichen Köln.

1972 unternahm die Stadt dann den Versuch, auch die verrufenen Gegenden vom roten ins rechte Licht zu rücken: Die gesamte Stadt wurde zum Sperrbezirk erklärt, die bis dato gängige Praxis der Prostitution wurde nicht mehr geduldet.

Seit einer neuerlichen Verordnung der Stadtverwaltung aus dem Jahr 1998 gehört das Eigelsteinviertel noch heute zum Sperrbezirk der Innenstadt, in dem „es zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes verboten [ist], auf Straßen, Wegen, Plätzen und [...] an allen Orten, die öffentlich sind oder von der Öffentlichkeit eingesehen werden können, der Prostitution nachzugehen.”(2)

Dass das Anbieten sexueller Dienstleistungen im Veedel rund um den Eigelstein jedoch eine weitreichende Historie hat, wird ersichtlich, wenn man noch einmal einen Blick auf die Entwicklung des Stadtteils wirft: In den Jahren von 1475 bis 1802 befand sich am Eigelstein das Frauenkloster „St. Maria Magdalena zur Buße“. Das auch „Bethlehem“ genannte Stift rekrutierte seine Nonnen vornehmlich aus der Riege gefallener Mädchen und ehemaliger Prostituierten, die ihr sündiges Leben hinter sich lassen und ihre Erfüllung fortan im Glauben finden wollten(3).

Die Weidengasse: Klein Istanbul

„Fremde werden aufgenommen”, schrieb Heinrich Böll in seinem Essay über das Eigelsteinviertel, „mögen sie Stanislaus, John oder Luigi heissen, Jan oder Sven.“
Das beste Beispiel für diese Weltoffenheit des Eigelstein-Viertels, zu dessen Prägung ausländische Einwanderer und Gastarbeiter maßgeblich beitrugen, ist die Weidengasse, die im Volksmund auch „Klein Istanbul“ genannt wird. Ein Spitzname, der nicht bloß der Weidengasse vorbehalten ist, sondern auch synonym für die Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld und die Keupstraße in Köln-Mülheim gebraucht wird. Allen drei Straßen ist gemeinsam, dass ihre Strukturen zu einem großen Teil von meist muslimischen Migranten geprägt sind: Türkische Kaffeehäuser und Teestuben, Buchhandlungen und Restaurants, von denen die würzigen Düfte ferner kulinarischer Bräuche ausgehen, verleihen diesen Straßen den Flair des südöstlichen Europas.

Während solche Ballungszentren fremdländischer Kulturen aber häufig als Manifestation abgeriegelter Parallelgesellschaften betrachtet werden, gilt die Weidengasse als Vorzeigebeispiel der harmonischen Koexistenz verschiedener Kulturkreise. So schreibt etwa die Autorin Maren Möhring, dass die Weidengasse es geschafft habe, „sich mit ihren zahlreichen ausländischen Geschäften und Gaststätten als gelungenes Beispiel [...] multikultureller Bereicherung zu präsentieren“(4).

Tatsächlich findet im Eigelsteinviertel keine Verdrängung der urkölschen Gastronomie statt. Das Traditionsbrauhaus „Em Kölsche Boor“ etwa blickt auf eine 250-jährige Geschichte des Bestehens zurück.

Jünger, aber dadurch nicht weniger kultig ist jene Kneipe am Bahnhof Hansaring, die den prägnanten Namen „Durst“ trägt. Dieser wird hier seit knapp 30 Jahren in verruchter Atmosphäre gestillt: Durch die beschriebenen und bemalten Wände erhält der kleine Schankraum den spelunkenhaften Charme, wodurch die Kneipe unter Künstlern, Studenten und kölschen Originalen ebenso berühmt wie berüchtigt ist.

Ein weiteres Beispiel für die kulturelle Verzahnung in der Weidengasse findet sich in der örtlichen Architektur: Aus den Mauernischen der älteren Wohnhäuser blicken christliche Heiligenfiguren auf das muntere Treiben der orientalischen Lokale und Juweliergeschäfte, die sich hier nahtlos aneinanderreihen.

„Vielleicht”, schreibt Böll, „wird nur in Straßen, wie diese eine ist, richtig gelebt.“

Text/Fotos: Florian Eßer

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

Quellen und Anmerkungen

(1) Böll, Heinrich: Straßen wie diese auf wortgarage.de (Stand 21.05.2020)   

(2) Sperrbezirksverordnung der Stadt Köln (Stand 21.05.2020)

(3) Einige Quellen geben an, dass auch die Klosterschwestern keine Skrupel hatten, zum Erwerb von Geldmitteln zu unlauteren Methoden zu greifen. Sie berufen sich dabei auf nicht näher belegte Chronikeintragungen, laut denen es im Jahr 1492 zu einem Aufstand der ehemaligen Prostituierten gekommen sei – weil die Nonnen sie zu Zwangsarbeiten abkommandiert haben sollen.

(4) Möhring, Maren: Fremdes Essen: Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland, Oldenbourg Verlag, München 2012, Seite 416

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