Köln-Magazin

Friesenveedel in Köln

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Das Friesenviertel

Zwischen Miljö und Mojito

Das Friesenviertel ist ein kleineres Veedel in der Kölner Innenstadt, bei dem es sich strenggenommen um einen Teil des Gereonsviertels handelt. So bezeichnet das Friesenviertel das nähere Umfeld des Friesenplatzes und der Friesenstraße.

Letztere ist heute eine beliebte Ausgehmeile: Zahlreiche Bars und Clubs machen sie zur Anlaufstelle für Partygänger und Touristen, die auf der Suche nach einer authentischen Erfahrung des Kölner Nachtlebens sind.

Das ist aber nicht immer so gewesen: Lange Zeit war das Friesenviertel Kölns kriminelles Herz: Zwielichtige Gestalten, Zuhälter und Prostituierte gingen dort ihrem obskuren Tagewerk nach, wo sich heute Studenten zum extrakurrikularen Umtrunk treffen.

Vom Löwentor zum Friesenplatz: Die Entstehung des Veedels

Lange bevor das „Miljö” das Friesenviertel zu seinem Hoheitsgebiet erklärte, begann die Geschichte des Veedels mit dem Bau der römischen Stadtbefestigung.

Die sogenannte Löwenpforte, aus der später das Friesentor werden sollte, diente der damaligen römischen Kolonie als nordwestlicher Ein- und Ausgang, bis sie ihrem Nachfolger weichen musste. Im Zuge der letzten Stadterweiterung Kölns, die im 12. Jahrhundert begann, wurde die römische Stadtbefestigung schließlich zum Steinbruch deklariert. Fortan brach man das Gestein aus den altgedienten Mauern, um es für den Bau eines neuen, sichereren Festungsrings zu nutzen.

Die Friesenstraße wurde erstmal im Jahre 1165 namentlich erwähnt und damals noch „platea Frisorum” genannt: Gasse der Friesen.

Wahrscheinlich geht dieser Name auf die Zeit der Karolinger zurück. Während der Herrschaft des westgermanischen Adelsgeschlechts, dessen bekanntester Repräsentant Karl der Große war, sollen friesische Tuch-, Fisch- und Teppichhändler auf ihren Handelsreisen nach Köln gekommen sein. Demnach zogen sie über die heutige Friesenstraße in die Stadt, um ihre Waren in Köln feil zu bieten und siedelten sich alsbald in der Nähe der Kirche Sankt Gereon an.

Das Friesenviertel selbst jedoch ist sehr viel jünger als die namensgebende Friesenstraße: 1882 wurde das historische Friesentor geschliffen, heute ist von ihm nichts mehr zu sehen. An seiner Stelle entstand der heutige Friesenplatz, um den herum sich beinah zeitgleich das gleichnamige Veedel entwickelte.

Zwei Weltkriege später lagen zahlreiche deutsche Städte in Trümmern. Auch Köln war da selbstverständlich keine Ausnahme. Armut und Elend nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren ein guter Nährboden für die Kriminalität im ausgebombten Köln. War das Friesenviertel auch schon vorher Schauplatz ungesetzlicher Machenschaften, gab es nun kein Halten mehr.

Der „König vom Friesenplatz”: Schäfers Nas und das Milieu

Heinrich Schäfer sitzt am Steuer seines Cadillacs: Breite Statur, Narbe auf der rechten Wange, unter dem Boxerzinken sitzt ein schmaler Schnurrbart.

„Macht nach außen hin kann man eine Zeit lang hervorheben. Man kann die Macht die anderen Leute spüren lassen - auf verschiedene Art und Weise”, sagt Schäfer und scheint zu wissen, wovon er redet (1).

Der Mann, der so in einer Dokumentation über Geld und Macht philosophiert, ist den Kölnern besser als „Schäfers Nas” bekannt, als „Chef der Kölner Unterwelt” und „König vom Friesenplatz.”

In den 60er-Jahren, als Köln noch die Verbrechenshauptstadt der Bundesrepublik war, begann Schäfer seine Karriere als Stänz (Kölsch für Zuhälter)  im „Miljö”. In dieser Zeit, zu der Köln als „Chicago am Rhein“ deutschlandweit in den Schlagzeilen stand, betrieb Schäfers Nas zahlreiche Bordelle in Köln und Aachen.

Das Epizentrum seiner zwielichtigen Aktivitäten aber sollte das Friesenviertel in der Kölner Innenstadt werden, das nach dem Zweiten Weltkrieg zur kriminellen Hochburg der Domstadt ‘avanciert’ war.
Bis Schäfer 1997 verstarb, setzte er seine Vorstellungen von Macht und Kraft auf den Straßen des Friesenviertels durch. Und auch wenn Schäfer nun schon lange tot ist, hallt sein zweifelhafter Ruf noch heute nach: Dokumentationen und Stadtführungen begeben sich auf seine Wege.

Das Kölner Millowitsch-Theater widmete der halbseidenen Kultfigur Schäfer sogar ein Bühnenstück: „Der König vom Friesenplatz” erzählt die wahre Geschichte eines Diebstahls, in dessen Rahmen ein Prozessionskreuz aus der Domschatzkammer gestohlen wurde. Schäfer ließ seine Kontakte in die halbweltlichen Kreise spielen, um das Kreuz wiederzubeschaffen und es dem Dompropst zu überreichen – auf das Belohnungsgeld verzichtete der Lude dann bescheidenerweise auch noch. Aktionen wie diese ließen Schäfer bald mehr als einen Schutzpatron der Stadt wirken, denn als einen Zuhälter – das war aber wohl eher ein trügerischer Schein.

Als das rote Licht ausging: Die Sanierung des Friesenviertels

Mittlerweile ist das Milieu fast gänzlich aus dem Viertel verschwunden. Rotes Licht leuchtet hier schon lange nicht mehr, die Zuhälter von damals sind entweder tot oder haben sich im Bürgertum zur Ruhe gesetzt. Heute sei das Veedel „stocksolide”, wie der „Lange Tünn”, selbst ein ehemaliger Stänz, in einem Gespräch mit dem Kölner-Stadtanzeiger erzählte (2).

Am strukturellen Wandel des Friesenviertels war vor allem der Gerling-Konzern beteiligt: Bereits 1920 bezog das Kölner Versicherungsunternehmen das „Palais von Langen” in der Von-Werth-Straße und richtete hier seinen Firmensitz ein. In den 50er Jahren weitete die GmbH ihren Bürokomplex in Richtung des Gereonshofs weiter aus. Die Nähe zum Friesenplatz und dem dort herrschenden Milieu schien den Eigentümern des Gerling Konzerns jedoch sauer aufzustoßen. So kaufte der Versicherungsgigant immer mehr Gebäudekomplexe auf und nahm viel Geld für deren Sanierung in die Hand.

Mit dieser hausgemachten Gentrifizierung drängte der Gerling-Konzern die verruchte Halbwelt nach und nach aus dem Friesenveedel: Aus dem schmuddeligen Rotlichtviertel war durch die finanzielle Zuwendung des Konzerns ein familientaugliches Domizil des Biedermanns geworden.

Die Autorin Carola Hardt beschäftigte sich bereits 1996 mit der Sanierung des Friesenviertels, in dem sie ein „Beispiel für konzerngesteuerte Stadtplanung” sah.

Im Rahmen ihrer durchaus kritischen Arbeit zur „Gentrification im Kölner Friesenviertel” führte sie Studien und Befragungen in der Bevölkerung durch. So ging sie etwa der Frage nach, wie die Anwohner des Friesenviertels selbst die Veränderungen wahrnahmen, die durch das Eingreifen des Gerling Konzerns entstanden waren. So hielt sie etwa fest, dass sich das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Veedels stark verändert hatte: „[...] bei der Befragung wurde häufig geäußert, daß es den Viertelsgeist nicht mehr gibt - der Charakter des Viertels scheint sich also durch die Sanierung verändert zu haben” (3).

Am Ende ihres Essays gibt Hardt eine negative Aussicht für die Zukunft des Friesenviertels: „Die ‘bunte Mischung’ sowohl im sozialen wie auch im wirtschaftlichen Sinne, die das Leben und den Charakter eines Viertels im positiven Sinne beeinflussen, wird so im Friesenviertel mehr und mehr verloren gehen.”

Wohlgemerkt stammt Hardts Essay aus dem Jahre 1996 – heute, knapp ein Vierteljahrhundert später, ist von der illustren Geschichte tatsächlich nicht mehr viel erhalten. Vom Gerling-Konzern aber ebenso wenig: 2006 wurde das Unternehmen aufgelöst und vollständig in die HDI-Versicherungsgruppe integriert.

Ein paar Enklaven des alten Veedels, die sich den Galliern in Asterix & Obelix gleich gegen die Gentrifizierung behaupten konnten, gibt es heute aber doch noch. Denn auch wenn die Blütezeit des Milieus lange vorbei ist – der Geist der 60er und 70er-Jahre ist im Friesenviertel noch heute spürbar. Man muss nur wissen wo.

Das Friesenviertel heute

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg konnte sich das Nachtleben im Friesenviertel sehen lassen: Im Varieté „Groß Köln” auf der Friesenstraße, das später den Bomben zum Opfer fiel, kamen Kölner mit Rang und Namen zusammen, um den schauspielerischen Darstellungen der Künstler beizuwohnen.

Zusätzlich zum Groß Köln eröffneten die Besitzer 1926 das Lokal „Klein Köln” auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das noch heute existiert. Das damals für weniger gut situierte Kneipengänger angedachte Lokal war die erste Gaststätte Kölns, die eine Nachtlizenz erhielt. Dadurch war das Klein Köln nicht mehr an die gesetzliche Sperrstunde gebunden und durfte auch in den fortgeschrittenen Abendstunden Gäste bewirten. Diese Gäste setzen sich alsbald aus einer Mischpoke aus Gaunern, Zuhältern und anderen Grenzgängern zusammen, die ihren Lebensunterhalt vornehmlich steuerfrei verdienten.

Nicht zuletzt lag es am langjährigen Wirt Dieter Becker, dass das Klein Köln Kultstatus erlangte, der den bereits verstorbenen Kneipier bis heute überdauert: Becker rief den Fußballclub „FC Johnny” ins Leben, dessen Mannschaft sich ebenso wie Beckers Kundschaft aus Luden und Ganoven zusammensetzte. Das Vereinsheim der Mannschaft war natürlich das Klein Köln.

Die selbsternannte „letzte Kölner Milieu-Kneipe” (3) ist aber nicht das einzige gastronomische Urgestein im Friesenviertel: Mit der Brauerei Päffgens lockt das älteste Brauhaus der Stadt zum Kölschkonsum auf die Friesenstraße. Gegründet wurde die Traditionsbrauerei von Hermann Päffgen bereits 1883. Damals war sie zunächst aber in der altstädtischen Sternengasse ansässig. Ein Jahr später zog sie dann in die Friesenstraße.

Anfangs führte der einzige Weg zum Sudhaus der Brauerei im hinteren Gebäude quer durch das Brauhaus selbst. Kam eine Kutsche, um die Päffgens zu beliefern, mussten die Tische in der Wirtschaft hochgeklappt werden, um die Pferdekarren passieren zu lassen. Daran erinnern noch heute klappbare Tische im Schankraum.

Wer lieber Cocktails als Kölsch trinken will, der wird im „Goldfinger” fündig. Auch hier erinnert das Ambiente noch an die Zeit des Milieus im Friesenviertel: Das Goldfinger ist in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Tabledance-Bar ansässig. Heute lockt das Goldfinger vor allem mit seiner geräumigen Außenterrasse und einer großen Auswahl an Drinks.

Neben der Fülle an Bars und Restaurants, die um den Friesenplatz herum anzutreffen ist, ist auch die optimale Anbindung des Friesenviertels an den Nahverkehr ein Grund für dessen Beliebtheit: Die U-Bahn-Haltestelle Friesenplatz wird gleich von fünf Linien der Stadtbahn angefahren und ist somit gut im Stadtgebiet vernetzt.

Über den Friesenplatz führt zudem der Hohenzollernring, der ihn unter anderem mit dem Rudolfplatz und dem Zülpicher Platz verbindet.

Neben weiteren Clubs und Trinklokalen, befindet sich auf dem Hohenzollernring das „Rex am Ring”, das zweitälteste Kino Kölns. Das Lichtspielhaus stammt noch aus den Zeiten des Stummfilms und hat sich durch sein Konzept eines One-Dollar-Kinos etwas von seinem nostalgischen Charme bewahrt. One-Dollar-Kinos zeigen alte Filmklassiker zu günstigen Preisen – im Rex am Ring laufen aber natürlich auch Neuerscheinungen über die Leinwand.

Quellen und Anmerkungen:

(1)    YouTube: Schäfers Nas - Bericht eines Kölner Bordellbesitzers (Stand 24.06.2020)

www.youtube.com/watch

(2)    Kölner Stadt-Anzeiger: Kölner Milieu - Absturz der Rotlichtkönige (Stand 25.06.2020): www.ksta.de/koelner-milieu-absturz-der-rotlichtkoenige-227330

(3)    Hardt, Carola: Gentrification im Kölner Friesenviertel, in Gentrification : Theorie und Forschungsergebnisse, hg. v. Friedrichs, Jürgen und Kecskes, Robert. Opladen: Leske u. Budrich, 1996. S. 283-311

(4)    Die Historie des Klein Köln auf der offizielle Website (Stand 24.06.2020):

www.klein-koeln.com/kk1.html

Übrigens: Einen Ableger des Klein Köln, das Klein Köln 2, findet sich auf der Straße „Am Klapperhof” - nur ein Wegbier vom Original entfernt.

Text und Bilder: Florian Eßer

 

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

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