Geschichte und Tradition des Kölner Karnevals

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Kölle Alaaf – in den Sälen und auf der Straße

Die Kölner feiern ihre fünfte Jahreszeit vom 11.11. bis zur Nubbelverbrennung

Markus Schnitzler

Die kölsche Feierkultur ist von jeher etwas Besonderes. Seit 1823 ist auch der „Fastelovend“ ein fester Bestandteil. Sitzungen mit Büttenreden und Funken gehören ebenso zum Karneval wie unzählige Lieder und der große Rosenmontagszug. Wer die kölsche Mentalität verinnerlicht hat, kann sich der Faszination nicht entziehen.

Droht dem Kölner Karneval eine Krise? Die Bläck Fööss, ein Urgestein der lokalen Musikszene, beklagen sich in ihrem Lied zur Session 2007/08 über einige unerfreuliche Phänomene, die in den letzten Jahren die Freude am närrischen Treiben trüben. Jugendliche, die an den tollen Tagen einen ähnlichen Alkoholpegel erreichen wollen wie beim Sommerurlaub am Ballermann, sind ebenso unerwünscht wie die Kommerzialisierung durch Werbung, Fernsehen und überhöhte Gagen, die sich auf die Eintrittspreise auswirken. Die Musiker fordern ein Feingefühl, mit dem der Karneval zu einem gemeinschaftlichen Fest wird. Einige Jahre zuvor lieferte Wicky Junggeburth eine Definition der fünften Jahreszeit: „Jecke Saache met ze mache, dröver laache, dat es Karneval. Witzjer brenge, Liedscher senge, danze, sprenge, dat es Karneval.“ (Verrückte Sachen mit zu machen, drüber lachen, das ist Karneval. Witzchen machen, Liedchen singen, tanzen, springen, das ist Karneval.)

Ursprünge und Mythen

Die Jecken, die rund um den Dom friedlich feiern, können auf eine lange Tradition zurückblicken. Einige Historiker sehen schon in den antiken Festen der Römer und Griechen, die beispielsweise Dionysos huldigten, Vorgänger des Karenvals. Klarer wird die Verbindung bei den germanischen Festen zur Wintersonnenwende, bei denen böse Dämonen vertrieben wurden. Wer über die Grenzen des Rheinlands hinausblickt, sieht vergleichbare Rituale in der süddeutschen Fastnacht.
Als Geburtsjahr des Kölner Karnevals gilt das Jahr 1823. Wenige Jahre nach dem Ende der französischen Besatzung des Rheinlands wurde das Festkomitee gegründet, das die Organisation der Aktivitäten übernahm und dem nun mehr als hundert Gesellschaften angehören. Noch heute kann man an vielen Symbolen und Traditionen erkennen, wie die Menschen damals die politischen Geschehnisse verarbeiteten. Die Funken und die Orden sind Beispiele für eine Parodie auf das preußische Militär, dessen strenges Auftreten dem Volk, das von den Franzosen noch eine ausdrückliche Erlaubnis für karnevalistische Umzüge erhalten hatte, überhaupt nicht gefiel. Für die Zahl Elf, die im Karneval eine besondere Rolle spielt, gibt es eine Erklärung im Zusammenhang mit Napoleons Franzosen. Die Buchstaben E L F stehen dabei für das Motto „egalité, liberté, fraternité“ (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit). Eine alternative Theorie beruht auf der christlichen Zahlensymbolik, in der die Elf die Zahl der Sünde ist, weil sie die Zehn, die unter anderem wegen der Zehn Gebote als göttlich gilt, überschreitet. Eindeutig religiösen Ursprungs ist die Bezeichnung „Fastelovend“. Der kölsche Begriff zeigt den Bezug zur christlichen Fastenzeit am deutlichsten. Bevor die Menschen sich in Vorbereitung auf Ostern vierzig Tage lang in Zurückhaltung üben, feiern sie noch mal ganz intensiv. In dem allgemeinen Wort „Karneval“ verbirgt sich entweder der lateinische Ausdruck „carne vale“ (Fleisch lebewohl), mit dem sich die Christen vom Fleisch verabschieden, oder der Schiffskarren („carrus navalis“), den die Römer bei ihrem Saturnalien-Fest durch die Stadt zogen.

Jeckenstart am 11.11.

Wegen der besonderen Vorliebe für die Zahl Elf beginnt die Session bereits einige Wochen vor Weihnachten, nämlich exakt am 11. November um 11:11 Uhr. Nach monatelangem Warten können die Jecken endlich wieder ihre bunten Kostüme aus dem Schrank holen. Denn „jedes Johr im Winter, wenn et widder schneit, kütt der Fastelovend“, wie es in einem bekannten Lied heißt. Dass es in Köln nicht unbedingt so gemütlich warm ist wie in Rio de Janeiro, stört niemanden. Die größte Party findet jedes Jahr auf dem Alter Markt oder auf dem Heumarkt statt. Organisiert von der Ostermann-Gesellschaft, die sich um das Andenken des legendären Sängers Willi Ostermann kümmert, feiern die Menschen hier mehrere Stunden lang. Dabei lernen sie die neuen Karnevalslieder und das designierte Dreigestirn kennen. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) überträgt nicht nur diese Veranstaltung live; am Abend des 11.11. zeigt der regionale Fernsehsender außerdem ein Konzert aus der Kölnarena mit allen großen Namen der Karnevalsmusik. Danach dominieren einige Wochen lang die leisen Töne.

Elferrat verteilt Orden

Doch sobald die Zeit zwischen den Jahren vorbei ist, übernehmen die Karnevalisten wieder die Herrschaft und locken das Volk zu den Sitzungen in die Säle. In Köln stehen rund 160 Karnevalsgesellschaften zur Auswahl, die das Publikum mit ihren Veranstaltungen unterhalten wollen. Dazu bieten sie eine Mischung aus Büttenreden, Musik und tänzerischen Darbietungen. Eine der bekanntesten Sitzungen rund um den Dom ist seit 1964 die von Otto Hofner begründete „Lachende Sporthalle“, die 1999 in die neue Kölnarena umzog („Lachende Kölnarena“). Als Leiter fungiert bei jeder Sitzung der Präsident des Elferrats, dessen Mitgliederzahl natürlich nicht zufällig zustande kam. Das „Parlament“ des Karnevals verteilt an die auftretenden Künstler und sonstige verdienstvolle Menschen den Orden der Gesellschaft. Mit Karnevalsorden wollte man ursprünglich all das glänzende Metall an den militärischen Uniformen ad absurdum führen, doch dann entwickelten sie sich zu einer begehrten Auszeichnung.

Männliches Dreigestirn

Der offizielle Höhepunkt jeder Sitzung ist der Auftritt des amtierenden Dreigestirns. Das aus Prinz, Bauer und Jungfrau bestehende Trifolium übernimmt durch die Proklamation, die traditionell im Gürzenich stattfindet, die Macht in Köln. Seine Tollität, wie der Prinz auch genannt wird, steht schon seit der Neuordnung des Karnevals im Jahre 1823 im Mittelpunkt des Geschehens. Das Motto des ersten Rosenmontagszuges lautete entsprechend: „Die Thronbesteigung des Helden Carneval“. Prinz Wicky verarbeitete 1993 den Traum eines jeden Kölners in einem Lied und begann eine Karriere als Sänger. Der Bauer ist allein schon durch seinen großen Hut mit Pfauenfedern eine markante Erscheinung. Seine Deftigkeit diente bei seiner Einführung 1883 als Symbol für die Wehrhaftigkeit der freien Reichsstadt Köln. Das Schönste, was der Karneval zu bieten hat, ist die Jungfrau. Dass ihre Lieblichkeit traditionell von einem Mann verkörpert wird, gehört – abgesehen von der NS-Zeit, in der sich das vermeintlich starke Geschlecht solche Aussetzer nicht erlauben durfte – zum Brauchtum der Stadt, die für ihre sexuelle Freiheit bekannt ist.

Farbenfrohe Funken

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkte man den Prinz und seine beiden Mitstreiter, indem man ihnen zwei eigene Funkenkorps zur Seite stellte. Die Funken verstanden sich – wie bereits angedeutet – als Parodie auf das preußische Militär, was beispielsweise beim beliebten Stippeföttche-Tanz zum Ausdruck kommt, bei dem die Herren ihre Hinterteile präsentieren. Anspruchsvollere tänzerische Leistungen bietet die Regimentstochter der Truppe, das Funkemariechen. Die Funken erhielten ihren Namen von den glänzenden Verzierungen der Uniformen. Heute kann man die einzelnen Gruppen an der Farbe ihrer Kleidung erkennen. Seit der Gründung des Festkomitees sind die Roten Funken dabei; sie parodieren die miserablen Stadtsoldaten. Aus einer Gruppe von Deserteuren der Roten sollen die Blauen Funken hervorgegangen sein. Es folgten 1902 die Ehrengarde in grün-gelb („Spinat mit Ei“) als Begleiter von Bauer und Jungfrau und 1906 die im kölschen rot-weiß gekleidete Prinzengarde. Zu den bekanntesten Funken gehören außerdem die Altstädter von 1922, die Appelsine-Funke der Nippeser Bürgerwehr und das Reiterkorps Jan von Werth. Letztere erinnern an den ehemaligen General, dessen Liebesgeschichte mit der Magd Griet jeder traditionsbewusste Karnevalist in Köln kennt.
Während bei den Funken fast ausschließlich Männer auftreten, gibt es mittlerweile auch Tanzgarden mit einem deutlich höheren weiblichen Anteil. Die „Hellige Knäächte un Mägde“  stehen in der Tradition einer bereits 1823 im Zug vertretenen Gruppe und bieten ebenso zirkusreife Aufführungen wie die KG Seiner Tollität Luftflotte.

Rheinische Standup-Comedy

Zwischen diesen optischen Höhepunkten bitten die Büttenredner um die Aufmerksamkeit des Publikums. Sie treten zwar heute nicht mehr in der namensgebenden Tonne auf, aber sie erfüllen immer noch ihre Funktion, indem sie mit humorvoller Kritik den Mächtigen aus Politik und Gesellschaft den Spiegel vorhalten und dem Ernst des alltäglichen Lebens mit Spaß begegnen. Der „Weltenbummler“ Gerd Rück, „et Botterblömche“ Hans Bols, der „Mann mit dem Hötche“ Peter Raddatz und das dichtende „Rumpelstilzchen“ Fritz Schopps gehören zu den Klassikern, deren beste Witze der WDR jedes Jahr aus dem Archiv holt; dem Colonia-Duett ist sogar eine ganze Serie gewidmet („Du Ei“). Der „Werbefachmann“ Bernd Stelter und der „Mann für alle Fälle“ Guido Cantz sorgen neben ihren Aktivitäten im Fernsehen gemeinsam mit diversen Bauchrednern dafür, dass die rheinische Form der Standup-Comedy auf der Bühne nicht ausstirbt.

Karneval mal anders

Dass die Kölner nicht nur andere Menschen, sondern auch sich selbst aufs Korn nehmen, bewiesen 1984 einige Studenten der Universität, als sie gemeinsam mit dem Kabarettisten Jürgen Becker die Stunksitzung ins Leben riefen. Die Alternative zur Prunksitzung ist im E-Werk in Köln-Mülheim beheimatet und genießt bei den Jecken, die sich nicht mit dem traditionellen Karneval identifizieren wollen, Kultstatus. Bei den homosexuellen Kölnern erfreute sich die Rosa Sitzung ähnlicher Beliebtheit. Die neben dem Christopher Street Day bekannteste Veranstaltung der schwul-lesbischen Fraktion, die 1995 unter dem Vorsitz von Hella von Sinnen Premiere feierte, ist allerdings zur Röschen Sitzung geschrumpft.

Kölsche Tön: „Da sin ma dabei, dat is prima“

Egal ob bei den Sitzungen, bei Partys oder auf der Straße – ohne kölsche Musik wäre der Karneval undenkbar. Früher sorgten Willi Ostermann mit seinem „Heimweh nach Köln“, Karl Berbuer mit seiner Hymne über „Trizonesien“, Jupp Schmitz mit „Wer soll das bezahlen“ oder Willy Schneider, dessen Titel „Man müsste noch mal 20 sein“ von Brings modernisiert wurde, für Stimmung. Heute dominiert das so genannte „Kleeblatt“ der kölschen Bands die Karnevalsszene. Die längste Karriere auf den Bühnen des Fastelovends können dabei die Bläck Fööss vorweisen, die in den ersten Jahren ihrem Namen gerecht wurden, indem sie barfuss auftraten. Sie ließen den alten Mann mittrinken, lobten den Zusammenhalt im „Veedel“ und liefern jedes Jahr neue Hits. Ähnlich erfolgreich sind die Höhner, die ihre Federn schnell ablegten, musikalische Vielfalt anstrebten und über ihre Heimat hinaus expandierten. Das Lied „Viva Colonia“, eigentlich eine Hymne an die Stadt am Rhein, eroberte das Oktoberfest und den Ballermann und mit der Frage „Wenn nicht jetzt wann dann?“ ließen sie die Sportfans singen. Zwei weitere wichtige Vertreter der kölschen Musikszene sind die Paveier, deren Name („Straßenpflasterer“) eine Verbindung zur Franzosenzeit bietet, und die Räuber. In das etablierte Quartett drang im Jahr 2000 die Kölschrock-Band um Peter Brings ein. Sie bescherte den Kölnern eine „superjeile Zick“ und bereicherte den Karneval unter anderem mit provokativen Texten („Poppe, kaate, danze“). Wenn man die beliebtesten Karnevalslieder genauer betrachtet, kristallisieren sich einige Themen heraus. Mit großem Selbstbewusstsein loben die Musiker ihre einzigartige Heimatstadt, in der man rund um den Dom Kölsch sprechen und trinken kann. Die Metropole präsentierte sich schon zu Zeiten, als sie noch Colonia Claudia Ara Agrippinensium hieß, weltoffen. Unabhängig von ihrer Herkunft können sich die Menschen integrieren, indem sie die Grundsätze des Rheinischen Grundgesetzes beherzigen, und gemeinsam feiern.

Weiber und erste Züge

Nachdem in den Sälen alle Reden und Tänze vollendet sind, zieht es die Jecken wieder nach draußen. Dort werden zunächst die Frauen aktiv und übernehmen zum Auftakt des Straßenkarnevals die Macht. Weiberfastnacht ist schließlich ihr Feiertag. Männer dürfen weder den Verlust ihrer Krawatte noch das entschädigende „Bützje“ (Küsschen) als Provokation auffassen. Am Sonntag rücken die „Schull- un Veedelszöch“ in den Blickpunkt. Die gemeinsamen Umzüge der Schulen und Stadtviertel erfreuen sich großer Beliebtheit, weil jeweils drei Teilnehmer das große Los ziehen und am folgenden Tag im Rosenmontagszug mitgehen dürfen.
 

D’r Zoch kütt

Der höchste Kölner Feiertag, der seinen Namen wahrscheinlich einem christlichen Sonntag verdankt, an dem die Blume eine wichtige Rolle spielte, ist zwar gesetzlich nicht als solcher anerkannt, aber wer an diesem Tag arbeitet, gilt wahlweise als bemitleidenswert oder verrückt. Der Rosenmontagszug, der sich mit rund hundert Wagen und 10.000 Teilnehmern über die 6,5 Kilometer lange Strecke vom Chlodwigplatz zur Mohrenstraße bewegt, lockt jedes Jahr mehr als eine Million Menschen an den Straßenrand, die lautstark Kamelle fordern, und viele weitere Zuschauer an die TV-Bildschirme. Seit der Premiere am 10. Februar 1823 ist der Umzug in seiner Geschichte nur wegen diverser Kriege oder ähnlicher Katastrophen ausgefallen. Die bislang letzte Absage, wegen des Golfkriegs, führte 1991 zu einem spontanen „Geisterzug“, der sich etablierte und nun alljährlich am Karnevalssamstag stattfindet. Die Teilnehmer des Rosenmontagszuges orientieren sich immer an einem bestimmten Motto, das trotz des ausgeprägten Dialekts der stolzen Kölner häufig auf Hochdeutsch verfasst ist. Marie-Luise Nikuta schrieb ab 1977 jahrelang das passende Mottolied. Die Liste des Festkomitees zeigt im 19. Jahrhundert eine Vorliebe für Theater und Legenden, sofern sich nicht gerade ein Hanswurst einmischte. Nach dem Zweiten Weltkrieg dominieren das Eigenlob auf Köln und aktuelle Themen wie zuletzt der Weltjugendtag 2005 und die Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Wenn der Nubbel brennt

Während des Rosenmontags prägen überdimensionale Figuren auf den Mottowagen das Bild. Doch zum Abschluss der fünften Jahreszeit konzentrieren sich die Jecken auf eine andere Figur. Der Nubbel hieß ursprünglich „Zacheies“ und erinnert an den biblischen Zachäus. Von der Kirmes übernahmen die Karnevalisten den Brauch, den Nubbel zu verbrennen. Indem der Sündenbock in der Nacht zum Aschermittwoch in Flammen aufgeht, reinigen sie nach den Ausschweifungen der letzten Tage ihr Gewissen, um für die anstehende Fastenzeit gerüstet zu sein. Nun beginnen die qualvollen Monate des Wartens. Erst am 11.11. können die Jecken wieder die Einzigartigkeit ihrer Stadt (gegenüber Düsseldorf und dem Rest der Welt) betonen, indem sie voller Inbrunst die beiden wichtigsten Wörter des Karnevals rufen. Für sie zählt nur Köln allein: Kölle alaaf!

 

Quellen / weitere Informationen

Wikipedia-Artikel „Kölner Karneval“
http://de.wikipedia.org/wiki/Kölner_Karneval

Karneval im schönen Köln
http://www.koelner-karneval.info/

Karneval.de
http://www.karneval.de/

Kölsche Lieder
http://www.karnevalslieder.koeln/

Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823 e.V. (mit einer vollständigen Liste aller Rosenmontagszüge)
http://www.koelnerkarneval.de/

Informationen des WDR
https://www1.wdr.de/unterhaltung/karneval/index.html

Stammtisch Kölner Karnevalisten
http://www.st-kk.de/

 

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