Köln-Magazin

Köln Kalk

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Köln-Kalk: Ein Veedel zwischen Kult und Krise

Mit dem rechtsrheinischen Stadtteil Köln-Kalk ist heute kein Name so sehr verbunden wie der des Schauspielers Tom Gerhardt. Für seine Filme „Voll normaaal!“ und „Ballermann 6“ diente das Veedel ebenso als Schauplatz wie für die erfolgreiche Comedy-Serie „Hausmeister Krause“. In dieser mimte Gerhardt elf Jahre lang den peniblen, biedermännischen Dieter Krause, der im fiktiven Kalker Weg für Zucht und Ordnung sorgte.

Von Gerhardts Humor mag man halten was man will – dass seine absurd-überzeichneten Milieustudien Köln-Kalk jedoch zu einem gewissen Kultstatus verholfen haben, kann man nur schwerlich bestreiten: Auch über die Kölner Stadtgrenzen hinaus sind Zitate aus seinen Filmen, wie das berüchtigte „Köln-Kalk-Verbot“, bekannt.

Den Stadtteil aber nur auf Gerhardts Persiflagen des deutschen Bürgertums zu reduzieren, wird dem illustren Veedel nicht gerecht: Kalk ist nicht nur Filmkulisse, sondern ein Ort mit einer tiefgreifenden Geschichte, die so vielfältig ist, wie die Sprachen, die man heute auf den multikulturell-geprägten Straßen des Viertels vernehmen kann.

„Nächste Haltestelle: Kalk Kapelle“

Wenige Augenblicke nach dieser Durchsage verlassen die Fahrgäste die Stadtbahn der Linie 9. Es geht die Treppen der U-Bahn-Station hoch, dann ergießen sich die Menschen auf die belebte Kalker Hauptstraße: Manch einer hat womöglich einen Termin im modernen Bezirksrathaus, andere wollen sich im Kalker Stadtgarten entspannen oder für Kölsch und Hausmannskost ins Brauhaus Sünner einkehren. Passanten tragen Einkaufstüten mit sich, die sie bei einem Besuch in den nahen Köln Arkaden befüllten; unzählige Autos bahnen sich schleichend und hupend ihren Weg durch das turbulente Treiben der Hauptstraße.

Das urbane Leben, das den heutigen Stadtteil Kalk so maßgeblich prägt, macht es nicht leicht, eine gedankliche Reise in die Vergangenheit zu unternehmen: Wenn man heute im Schatten der kleinen Kapelle stehend den Blick über die Szenerie schweifen lässt, kann man sich kaum vorstellen, wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Und früher meint an dieser Stelle rund 1.000 Jahre, bevor Tom Gerhardt 2011 zu einem Ehrenbürger des Stadtteils ernannt wurde.

Sumpfgebiet und Pilgerstätte: Köln Kalk im Wandel der Zeit

Laut der Geschichtswerkstatt Kalk, die sich der Nachbereitung der Veedels-Historie widmet, habe alles „im Jahre 1003 und mit einem Sumpfloch”(1) begonnen – immerhin lege das mittelhochdeutsche Wort „Kolk“, das als etymologischer Ursprung des Namens vermutet wird, diese saloppe These nahe: Der Begriff „Kolk“ bezeichnet eine Wasseransammlung, die im Zentrum eines Moores liegt; ironischerweise gilt das braune, trübe Moorwasser als besonders dystroph – kalkfrei also.

In der Nähe des kalkfreien Moores siedelten sich zu dieser Zeit die ersten Bauern an. Wo sich heute die Kirche St. Joseph befindet, entstanden die historischen Kalker Höfe. Lange Zeit blieben sie die einzigen zivilisatorischen Pfeiler im ansonsten unbesiedelten Marschland der rheinländischen Peripherie, bis sich einige Jahrhunderte später unzählige Pilger durch die bis dato recht menschenleeren Gefilde drängen sollten. Ziel ihrer Pilgerreisen war die Kalker Kapelle, die für die Gläubigen zu einer heiligen Stätte der Madonnenverehrung wurde.

Der Ursprung der Kalker Kapelle liegt in einem kleinen Heiligenhäuschen, das sich unweit der Kalker Höfe befand und eine sogenannte Pietà, ein Vesperbild, beherbergte. Dabei handelt es sich um eine künstlerische Darstellung der heiligen Mutter Maria, die den Tod ihres am Kreuze gestorbenen Sohnes betrauert. Bis die Pest im 17. Jahrhundert wie ein unheilbringendes Gespenst durch Europa spukte, diente diese kleine Stätte lediglich der regionalen Glaubens-Praxis.

Dass Kalk dabei im Vergleich zum nahen Köln, in dem die Pest gleich einer biblischen Katastrophe gewütet hatte, relativ glimpflich davonkam, führte man auf den Schutz durch das örtliche Marienbild zurück. Als Zeichen des Dankes errichtete man nach dem Rückgang des schwarzen Todes nun die Kalker Kapelle, in der das Vesperbild fortan präsentiert werden sollte.

Dass sich aus der kleinen Muttergotteskapelle eine Pilgerstätte entwickelte, ist auch einem Unwetter zuzuschreiben, welches die kleine Kirche zunächst zerstörte. Zu stark prasselte der Regen auf das Gemäuer nieder, zu vehement riss der peitschende Wind an dem bescheidenen Bau. Ächzend stürzte die Kapelle in sich zusammen, begrub die Pietà unter Gestein und gesplittertem Holz.

Nachdem das Gewitter abgeklungen war, bargen die Kalker das Vesperbild aus den regennassen Ruinen des Gotteshauses, wobei sie von Ehrfurcht erfüllt wurden: Das Marienbild war unbeschadet geblieben.

Durch dieses göttliche Zeichen beschwingt, fanden sich alsbald genügend Spender zusammen, mit deren finanziellen Mitteln die Kapelle wieder aufgebaut werden konnte. Von nun an sollte der Strom an Pilgern, die sich den Segen des wundersamen Vesperbildes erhofften, nicht mehr abreißen(2).

Kalk von der Jahrhundertwende bis heute

Da die Pilger Kalk immer nur mit einem kurzen Besuch beehrten, anstatt hier ansässig zu werden, belief sich die Einwohnerzahl des Weilers noch Mitte des 19. Jahrhunderts auf gerade einmal knapp einhundert Personen.

Mit der Industrialisierung, die ungefähr zur selben Zeit aus Großbritannien nach Deutschland überschwappte, änderte sich dies schlagartig – der kleine Wallfahrtsort Kalk mauserte sich zum wichtigen Fabrikstandort, die Zahl der Einwohner stieg rapide an. Im Jahre 1881 war Kalk schließlich so stark gewachsen, dass dem einstigen Provinzdorf die Stadtrechte zugebilligt wurden. Die Existenz Kalks als eigenständige Stadt sollte jedoch nicht lange andauern: 1910 wurde der Industrieort schließlich in die Stadt Köln eingegliedert.

Die beiden folgenden Weltkriege stellen tiefe Zäsuren in der Entwicklung des Stadtteils dar. Die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges wirkten sich immens auf den Industriestandort aus. Um Ressourcen zu sparen, die man für die europaweiten Feldzüge benötigte, wurden viele Fabriken in Kalk stillgelegt. Die verbliebenen mussten ihre Produktion auf kriegsrelevante Güter konzentrieren. So stellte etwa die „Chemische Fabrik Kalk” bis Kriegsende Munition und Sprengstoffe her.

Auch im Zweiten Weltkrieg dominierte die Kriegsindustrie die Produktionen in den Kalker Fabriken – mit verheerenden Folgen für den Stadtteil. Als wichtiger Industriestandort, der zudem noch zwischen zwei strategisch-relevanten Eisenbahnstrecken lag, wurde Kalk zum Ziel zahlreicher Bombenangriffe. Nicht nur wurden die Fabriken und Wohnhäuser des Veedels zerstört, die alliierten Bombardements legten auch die Kalker Kapelle in Trümmer. Wieder einmal musste das kleine Gotteshaus neu errichtet werden. Bei der Kalker Kapelle, die man heute erblickt, wenn man die Treppen der gleichnamigen U-Bahnstation empor schreitet, handelt es sich also um den dritten Bau der kleinen Kirche.

Nach dem Krieg blühte Kalk in Folge des Weltwirtschaftswunders wieder auf, entlang der Hauptstraße eröffnete eine ganze Reihe neuer Geschäfte und die Fabriken konnten ihren normalen Betrieb vorerst wieder aufnehmen. Die Rezession in den 1970er Jahren besiegelte dann jedoch den Abstieg des Veedels: Nach und nach schlossen die Fabriken, Kalk verlor sein wichtigstes Standbein und tausende Arbeiter ihre Anstellungen. Heute zeugen nur noch vereinzelte Überbleibsel von der industriellen Vergangenheit des Stadtteils. So etwa der unter Denkmalschutz stehende Wasserturm der Chemischen Fabrik Kalk, die 1993 ihre Pforten schloss und fast gänzlich abgerissen wurde. Heute befindet sich in dem Wasserturm die „minibib“, eine kleine Bibliothek, die von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt wird.

Durch diese Rezession wurde Kalk in ein finsteres Tief gestürzt: Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität – es schien, als würde die Gottesmutter Maria die Kalker nun nicht mehr in ihren schützenden Händen halten.

Köln-Kalk – ein sozialer Brennpunkt?

Aus dem Industriestandort war ein sozialer Brennpunkt geworden. Auch wenn das einstige Moor schon vor langer Zeit gewichen war, sahen kritische Zungen in Kalk weiterhin einen Sumpf – wenn auch eher einen kriminellen. Da im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg viele ausländische Gastarbeiter nach Kalk kamen, um in den Fabriken des Viertels zu schuften, stieg der Anteil an Einwohnern mit Migrationshintergrund kontinuierlich an. Das ist selbstverständlich kein Problem per se; der Umgang der Stadt Köln mit diesem Faktor war da schon eher problematisch. Zu lange schluderte sie mit Maßnahmen zur Integration und Förderung. Daher fühlte sich der Stadtteil lange vernachlässigt, Kalk geriet in Verruf. So machte etwa der Rapper Eko Fresh in vielen seiner Lieder auf die sozialen Missstände im Viertel aufmerksam, thematisierte immer wieder die gescheiterte Integration der fremdstämmigen Mitbürger: Kalk als Ghetto, als Ort von Ehrenmorden, Drogenkriminalität und der städtischen Vernachlässigung.

Sicherlich mag ein Rapper nicht immer die vertrauenswürdigste Quelle sein. Dass vieles der Texte aber nicht der reinen Fantasie des Musikers entsprungen ist, lässt sich mit einem Blick in die Presse bestätigen. So berichtete etwa der Kölner Stadt-Anzeiger mehrfach über das kriminelle Milieu in Kalk. Zum Beispiel davon, dass viele der örtlichen Wettbüros als „Treffpunkt und Rückzugsraum für Kleinkriminelle“ gelten, die, so heißt es unter Berufung auf Polizeikreise weiter, alles täten, was ihnen eine schnelle Mark einbringe: „Wohnungseinbruch, Ladendiebstahl, Autoaufbruch, Trickdiebstahl und Straßenraub“(3).

Schon gewusst?

Unter der Haltestelle „Kalk Post“ liegt ein Atomschutzbunker versteckt, der während des Kalten Krieges erbaut wurde, um die Zivilbevölkerung vor einem möglichen Nuklearschlag zu schützen.

Wer einmal einen Blick in den Bunker werfen will, hat dazu zwei Möglichkeiten: Man kann ihn bei Führungen besichtigen oder im Internet bei einem 3D-Rundgang erkunden.
Alle Informationen und virtueller Rundgang

Tatsächlich wurde die Kalker Hauptstraße erst 2020 durch die Landesregierung Nordrhein-Westfalen zum „gefährlichen Ort“ deklariert, an dem die Polizeibeamten besondere Befugnisse innehaben, um gegen die örtliche Kriminalität vorzugehen.

Sicherlich existieren in Kalk Orte, an denen man sich in der Nacht nicht unbedingt alleine aufhalten möchte. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es solche Stellen aber in jedem Veedel. Eine Stigmatisierung Kalks als Hochburg der Kriminalität ist – bei allen Problemen, die es im Viertel gibt – nicht ganz fair. Tatsächlich zeichnet sich im Viertel ein positiver Trend ab, wie es ihn etwa auch in Mülheim und Ehrenfeld zu verzeichnen gibt, die ebenso wie Kalk für eine lange Zeit als Brennpunkte galten. Durch die günstigen Wohnkosten in Kalk wurde der Stadtteil mit der Zeit auch bei Studenten und anderen jungen Kölnern beliebt, die das Potenzial des Viertels immer mehr für sich entdecken.

Während die einen die anlaufende Gentrifizierung begrüßen, sehen andere der Veränderung argwöhnisch entgegen. Das Credo: „Kalk bleibt dreckig!”  Immerhin hat man bereits anhand von anderen Beispielen gesehen, wie sich solch ein struktureller Wandel auf die Lebensrealität in einem Stadtteil auswirken kann: Die Gegend wird beliebter, die Mieten steigen und der eigene Charme des Veedels droht verloren zu gehen.
Wenn es nach den Kritikern ginge, dann hätte die Gentrifizierung wohl „Köln-Kalk-Verbot“ auf Ewigkeit.

Text/Fotos: Florian Eßer

Quellen und Anmerkungen

(1) Geschichtswerkstatt Kalk e.V.: Überblick über die Geschichte Kalks (Stand: 09.06.2020)

(2) Zur Geschichte der Kalker Kapelle: KuLaDig: Kapelle Kalk (Stand 10.06.2020)

(3) Kölner Stadt-Anzeiger: Köln-Kalk ist In-Viertel und Kriminellen-Treffpunkt (Stand 10.06.2020)

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

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