Köln-Magazin

Lindenthal, Kölner Stadtteil mit Universität und Melatenfriedhof

Anzeige

Lindenthal: Vorort-Idylle in zentraler Lage

Obwohl Lindenthal heute gut in die Stadt integriert und durch zahlreiche Bahn- und Busanbindungen ganzstädtisch zu erreichen ist, hat sich der ehemalige Vorort viel von seinem dörflichen Charakter bewahrt. Die Bordsteine werden etwas früher hochgeklappt, die zahlreichen Parks und Grünflächen laden mehr zum Familienspaziergang denn zur Kneipentour ein. Dadurch wirkt der Stadtteil trotz zentraler Lage vom Trubel der Millionenstadt isoliert.

Die in Lindenthal ansässige Universität und das Uniklinikum, das größte Krankenhaus Kölns, sowie die vielen Ausflugsmöglichkeiten vor der Haustüre, machen Lindenthal zu einem beliebten Wohnviertel für Studenten und Familien gleichermaßen.

Im Jahr 2016 gab die Stadt Köln eine Umfrage in Auftrag, in deren Rahmen die Bürger  bewerten sollten, wie zufrieden sie mit ihrer Stadt und ihren jeweiligen „Veedeln“ sind.

In Lindenthal, wie auch in den angrenzenden Vierteln Junkersdorf, Sülz und Braunsfeld, fiel die Umfrage überdurchschnittlich gut aus. Laut dem Kölner Amt für Stadtentwicklung und Statistik haben hier „mehr als 90 Prozent der Befragten gesagt, sie seien ‚sehr zufrieden‘ oder ‚zufrieden‘ mit ihrem Stadtteil“ (1).Nicht ohne Grund: Lindenthal birgt eine hohe Lebensqualität und wird damit noch heute den Ansprüchen seiner Gründerväter Thelen und Fühling (2) gerecht.

Für manchen mag die Idylle den Stadtteil unscheinbar oder gar etwas spießig erscheinen lassen, mit solchen Einschätzungen täte man ihm aber unrecht. Lindenthal ist ein Veedel, das tief mit der Geschichte der Stadt Köln verwoben ist und maßgeblich zu dieser beigetragen hat – und das schon zu einer Zeit, als der Rest von Köln noch urzeitliches Sumpfland war.

Vom Lehmdorf zum Stadtteil

In der Jungsteinzeit ließen sich die ersten Siedler auf dem heutigen Gebiet des Stadtteils nieder. Die Menschen hatten ihr Dasein als Jäger und Sammler gerade erst hinter sich gelassen und damit begonnen, erste zivilisatorische Gemeinden in den weiten Auen des Rheinlands zu errichten. Die ersten festen Behausungen wurden erbaut, Felder für den Ackerbau und die Viehzucht angelegt. In den 1920er Jahren entdeckte man die Überreste eines solchen Dorfes am Decksteiner Weiher.

Hier hatten über eine längere Episode hinweg insgesamt etwa hundert steinzeitliche Häuser gestanden. Ein weiteres Dorf entdeckte man zwischen der Dürener Straße, dem Stüttgenweg und dem Frechener Bach.

Etwa 3.500 Jahre vor Christi Geburt kam die sogenannte „bandkeramische“ Kultur im Lindenthaler Stadtgebiet zum Erliegen, wie Konrad Adenauer und Volker Gröbe in ihrem Buch über die Entwicklung Lindenthals schreiben: „rund 300 Jahre später als im übrigen Mitteleuropa“ (3).

Unter der Herrschaft des römischen Kaiserreichs kam es zu einer erneuten Bewirtschaftung der Ländereien: Durch die Festungsmauern war der Platz innerhalb der Stadt so begrenzt, dass viele Menschen ihre Behausungen außerhalb der Tore errichten mussten. So entstanden im heutigen Lindenthal Gutshöfe nach römischem Vorbild sowie bäuerliche und handwerkliche Betriebe zur Versorgung der Stadt.

Die landwirtschaftliche Strukturierung dominierte das Gebiet bis zur Gründung Lindenthals im Jahre 1843.Von den zahlreichen Gehöften und Ansiedlungen zeugen heute noch vereinzelte Gebäude wie ein ehemals zum Gutshof Kitschburg gehörendes Anwesen an der Dürener Straße.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgte der abermalige Platzmangel innerhalb der Kölner Stadtmauern für ein erneutes Bebauen der externen Flächen. Während auf den Gebieten heutiger Stadtteile wie Ehrenfeld, Nippes und Kalk Industriestandorte aus dem Boden sprossen, herrschte andernorts ein gegenteiliger Trend vor: industriefreie Wohngebiete, in denen die Menschen in Grün und frischer Luft leben sollten.
 
Aus diesem Gedanken heraus fassten die Kölner Bürger Thelen und Fühling den Plan, eine Wohnkolonie auf Lindenthaler Gebiet zu errichten. 1843 erwarben sie das nötige Land, drei Jahre später  kam es zur Grundsteinlegung des ersten Gebäudes.
 
Die entstandene Gartenstadt entwickelte sich rasch zu einem beliebten Vorort, der im Jahr 1888, zeitgleich mit vielen anderen Ortschaften am Kölner Rand, in die Stadt eingegliedert wurde.

Ein Veedel im Grünen

Obwohl die Agrarwirtschaft innerhalb des Stadtteils seit seiner Gründung kontinuierlich zurückging, erfreuen sich die Lindenthaler noch heute an einer Fülle an Grünflächen: Neben dem Decksteiner und dem Adenauer Weiher, dem kleinen Park der Menschenrechte und dem Rautenstrauchkanal samt Rosengarten, ist es vor allem der Kölner Stadtwald, der eine große Anzahl an Spaziergängern nach Lindenthal lockt.

Zur weitläufigen Grünanlage, die im 19. Jahrhundert von der Stadtverwaltung angelegt wurde, gehört ein Tierpark, der besonders bei Familien auf große Beliebtheit stößt. Ziegen und freilaufendes, handzahmes Damwild kreuzen hier die Wege der Besucher. Vor den Zäunen des Tierparks haben Kinder die Möglichkeit, auf Ponys zu reiten. In der Adventszeit erfreut eine lebensgroße Krippe mit Tieren aus dem Park – Ochse, Esel und Schafe – die kleinen und großen Besucher.

Gesprengte Bunkeranlagen im Stadtwald zeugen ebenso von moderner Kölner Geschichte wie ein Denkmal an der Friedrich-Schmidt-Straße. Dieses wurde hier zum Gedenken des 1977 von der Rote-Armee-Fraktion verübten Anschlags errichtet, bei dem der Wirtschaftsfunktionär Hanns Martin Schleyer von Terroristen entführt und vier seiner Begleiter mit Maschinenpistolen erschossen wurden.

Nicht im Stadtwald, aber trotzdem einen Ausflug wert, ist das am alten Militärring stehende Fort VI samt Felsengarten, das hier infolge der preußischen Befestigung Kölns erbaut wurde. Obwohl das Fort nach dem Ersten Weltkrieg gemäß des Versailler Vertrages geschleift wurde, ist die Kehlkaserne der Festungsanlage noch gut erhalten und beherbergt heute das Sportamt der Stadt Köln.

Der erste Dom der Stadt

Zeitzeugen der Historie Lindenthals sind auch die vielen Kirchen des Veedels. Die berühmteste ist Alt St. Stephan, besser bekannt als Krieler Dömchen. Der kleine Dom aus dem 9. Jahrhundert ist das zweitälteste Kirchengebäude Kölns und befindet sich am Suitbert-Heimbach-Platz, zwischen Gleueler- und Zülpicher Straße.

Aufgrund seines Alters ranken sich um das Dömchen mannigfaltige Legenden. So habe Karl der Große hier, als der Dom noch kein Dom, sondern laut Volker Gröbe „gewiß nur eine kleine Holzkirche inmitten eines Weilers“ gewesen ist, den späteren Kölner Erzbischof Hildebold getroffen, dessen Bescheidenheit ihm so sehr zusagte, dass er ihn zum Nachfolger des verstorbenen Bischofs Rikolph ernannte.

Schließlich soll Hildebold den Bau des ersten Kölner Doms, Vorgänger des heutigen Wahrzeichens der Stadt, in Auftrag gegeben haben. Vor der Beendigung der Bauarbeiten verstarb Hildebold jedoch. Um dem Bischof den obligatorischen Dom dennoch zu ermöglichen, habe man schließlich die kleine Krieler Pfarrkirche zum Dom des Erzbischofs erkoren. Das Dömchen umschließt der älteste Friedhof Lindenthals, der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts für Begräbnisse genutzt wurde.

Heute werden Lindenthaler Bürger zumeist auf dem Südfriedhof in Zollstock oder auf Melaten beigesetzt, dem Kölner Zentralfriedhof an der Aachener Straße, dessen Nordseite an Ehrenfeld grenzt und das Ende des Lindenthaler Stadtteils markiert.

Wer sich von der Morbidität eines Friedhofes nicht abschrecken lässt, kann im Zuge von Führungen die Schönheit der Grabanlagen entdecken. Auf Melaten fanden auch unzählige Mitglieder der Kölner Prominenz ihre letzte Ruhestätte: Die Familie DuMont, Schauspieler Willy Millowitsch und Dirk Bach sind da nur einige Beispiele.

Geschäfte und Gastronomie

Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge dessen Lindenthal stark zerstört worden ist, brauchte der Stadtteil eine ganze Weile, um sich wirtschaftlich zu rehabilitieren. In den 70er-Jahren kam es schließlich zum umfangreichen Wiederaufleben des Geschäftbetriebs. Die Lindenthaler Hauptverkehrsader ist heute die Dürener Straße, die sich vom Belgischen Viertel bis nach Marsdorf erstreckt. Sie bietet eine Auswahl an Geschäften, die sich preislich zum Großteil jedoch an Mehrverdiener richtet: Klamotten-, Wein- und Delikatessenläden, Restaurants, Friseure und Parfümerien.

Ebenfalls auf der Dürener Straße befindet sich das wohl traditionsreichste Gasthaus des Veedels: Das Haus Schwan verbindet seit vielen Generationen Hotelbetrieb, bürgerliche Küche und kölsche Wirtshauskultur.
Ein weiteres Traditionshaus liegt außerhalb der Geschäftsstraße am südlichen Rand des Viertels: Auf der Gleueler Straße, an der Grenze zu Sülz, wartet das Restaurant der Decksteiner Mühle mit einem Biergarten auf Spaziergänger, die sich nach einem Ausflug im Grünen erfrischen wollen.

Obwohl die Universität den Stadtteil Lindenthal zu einem für Studierende attraktiven Wohnraum macht, zieht es die jüngeren Anwohner an den Wochenenden zumeist in die benachbarten Veedel und Bezirke wie die Innenstadt und Ehrenfeld. Zwar existieren im Viertel neben den genannten weitere Lokale, das große Nachtleben bleibt in Lindenthal allerdings aus.

 

Quellen:

(1) Ergebnisberichte zur "Leben in Köln" - Umfrage 2016 (Stand 11.02.2020)

www.stadt-koeln.de/artikel/64517/index.html

(2) Die vollen Namen der Herren Thelen und Fühling werden in den Quellen nicht genannt.

(3) Adenauer, Konrad und Gröbe, Volker: Lindenthal. Die Entwicklung eines Kölner Vororts.

 

Text / Fotos: Florian Eßer

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

Anzeige
Anzeige