Claudia Bleier

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Claudia Bleier: Gelebte Kölner Kultur

Seit 2014 leitet Claudia Bleier den Kölner KulturPaten e.V. Dieser vermittelt Unternehmen an Künstler und Kulturschaffende, die Hilfe bei der Umsetzung ihrer Projekte benötigen. Unter ihren beiden weiteren Vornamen Ulrike Anna veröffentlicht Bleier selbst Romane und Erzählungen, ihr nächstes Buch erscheint im Herbst 2022.

Gebürtig stammt Claudia Bleier aus Regensburg, dem Sitz der oberpfälzischen Bezirksregierung mit seiner zum Weltkulturerbe gekürten Altstadt. Hier kommt sie am 9. Februar 1968 zur Welt, verbringt ihre Kindheit in der Oberpfalz und Niederbayern. 1989 zieht sie nach Köln, dessen Dom ebenfalls auf der Liste der UNESCO steht – ebenso wie der Niedergermanische Limes, jener Grenzwall der Römer, dessen Überreste auch heute noch im Kölner Stadtbild zu finden sind. Die Kultur, gleich in welcher Größenordnung, wird Bleier ihr Leben lang begleiten.

In Köln studierte sie Sozialwissenschaften, Linguistik, Indogermanistik, allgemeine Sprachwissenschaften und Phonetik – den Abschluss als Diplom-Sozialarbeiterin absolvierte sie, die anderen Studiengänge blieben nach der Geburt ihres Sohnes unvollendet: „Kind und Zweitstudium waren finanziell dann doch nicht drin,“ so Bleier.

Während ihrer ersten Jahre als Mutter arbeitete sie in ihrem Ausbildungsberuf als Sozialarbeiterin, unter anderem in der Kölner Justizvollzugsanstalt, wo sie sich vor allem um die weiblichen Insassen kümmerte. „Auch inhaftierte Frauen haben häufig Familie und Kinder und werden mit der Inhaftierung aus ihrer sozialen Rolle herausgerissen”, schildert Bleier. Ein häufiges Problem war auch die Drogensucht der Inhaftierten. Auch hier war Bleier beratend tätig, vermittelte Therapieangebote und Unterstützung, um Wege aus der Sucht zu finden. Zum Beispiel über die Arbeitstherapie in einer Fahrradwerkstatt: „Ich kann jetzt super Fahrräder reparieren”, erzählt sie lachend, „damals habe ich ständig mein Rad auseinandergenommen, um zu üben.”

Nach dem Berufsanerkennungsjahr kümmerte sich die Sozialarbeiterin um arbeitslose Jugendliche in Nippes, arbeitete als Kurierdienstfahrerin und für ein Musik- und Tanztheater, bevor es sie schließlich in die Gastronomie verschlug. In das legendäre Roxy, um genau zu sein, die ehemals berühmt-berüchtigte Szenekneipe auf der Aachener Straße im Belgischen Viertel.

Die Kölner Kultur zwischen Auf- und Zusammenbruch

Hat das Roxy seine Pforten mittlerweile auch geschlossen, trug es in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich zum Kultstatus des Belgischen bei: In den 1980er Jahren trafen sich die kleinen und großen Namen der Musik- und Kunstszene – der Maler Sigmar Polke stand im Roxy ebenso an der Theke wie Wolfgang Niedecken und Jürgen Zeltinger. Der „Asi mit Niwoh” gab hier mit seiner Band 1979 sogar sein Live-Debüt, die Aufnahmen des Konzertes wurden zum ersten Zeltinger-Album zusammengestellt.
Bis heute ranken sich zahlreiche Mythen um jenes Nachtlokal, in dem mittellose Maler ihre Zeche mit Gemälden statt mit barer Münze bezahlt haben sollen. „Echt?“, fragt Bleier angesichts dieser Anekdote, „vielleicht war das in früheren Jahren so. Ich kann mich nicht erinnern, dass zu meiner Zeit mit Kunst bezahlt werden durfte.“

Dann kamen die späten 90er, eine Zeit, in der es „sehr viele arbeitslose Sozial - und Geisteswissenschaftler” gab, wie Bleier erzählt: „Für die waren zu wenige Jobs auf dem Markt, deswegen haben viele im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) gearbeitet.” Gerade im Kulturbereich gab es viele bezuschusste Tätigkeiten auf dem „zweiten Arbeitsmarkt”. „Anfang der Nullerjahre wurde das ABM-Konzept abgeschafft, was das Ende zahlreicher Einrichtungen in der „Sozial- und Kulturbranche bedeutete”, wie es Bleier heute schildert: „Das Zauberwort hieß Privatisierung. Was auf dem Markt nicht ohne Förderung existieren konnte, wurde als überflüssig betrachtet.“ Den fortan arbeitslosen Sozial- und Kulturwissenschaftlern wurden Fortbildungen angeboten, die unter dem Stichwort der „Neuen Medien” Arbeitskräfte für die digitale Revolution ausbilden sollten: „Plötzlich brauchte man Leute, die Webseiten bauten, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit konnten oder als Texterinnen und Designer tätig waren.” Auch Bleier absolvierte eine Weiterbildung, dann folgten Praktikum, Volontariat und Festanstellung in einer PR-Agentur im Belgischen Viertel. Von 2004 an war sie als freiberufliche Journalistin vor allem für mittelständische Unternehmen tätig.

Parallel zu Beruf und Kind hielt Bleier auch an ihren schriftstellerischen Ambitionen fest, veröffentlichte Kurzgeschichten sowie Gedichte in Literaturmagazinen und Anthologien. Zunächst trat sie noch unter ihrem Künstlernamen „Greta von der Donau” auf – ein Name, den sie sich als Reminiszenz an ihre Regensburger Herkunft gab. 1999 hatte Greta von der Donau ihren ersten Auftritt in Köln, bei dem sie zusammen mit dem Musiker und Discjockey Selektor Freizeit im MTC auf der Zülpicher Straße performte. In der multimedialen Show „Lautbedienung Bild“ trug sie gestenreiche Gedichte vor und hing fluoreszierende Tampons auf einer Wäscheleine auf, die unter der Schwarzlicht-Beleuchtung der Bühne bunt leuchteten. Dazu improvisierte Selektor Freizeit musikalisch auf der Playstation, während ungewöhnliche Impressionen der Stadt auf eine Leinwand projiziert wurden.

2003 bildete sie zusammen mit dem Musiker Gunter von der Weiden ein kreatives Duo – mit ihrem Programm „Sex und andere traurige Sachen” traten sie in Ehrenfelder Kneipen auf, etwa im Connection in der Marienstraße. Schließlich wohnte Bleier selbst seit 1997 in Ehrenfeld, dem Veedel mit dem Helios-Leuchtturm und den vielen kreativen Köpfen, die seiner Spitze in den ehemaligen Industrie-Vorort gefolgt waren: „Ehrenfeld hat eine gewisse Ästhetik hervorgebracht, die heute nostalgisch wirkt”, erinnert sich Bleier, „es war halt dieser unprofessionelle Charme, der so anziehend war.”

Das Ehrenfelder Fluidum bestand jedoch nicht nur aus avantgardistischem Spaß an der Freude, sondern speiste sich auch aus dem schlechten Ruf des heute beliebten Viertels. Auf der einen Seite war da eine junge Generation von Kunstschaffenden, auf der anderen Seite das Zwielicht aus schmuddeligen Ecken und Kriminalität: Am Rosenmontag des Jahres 2002 etwa wurde auf der Subbelrather Straße ein Mann in seinem Auto erschossen, direkt vor Bleiers damaliger Wohnung: „Der Mann lag über das Lenkrad gebeugt und wies mehrere Schussverletzungen auf”, berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger damals, den Täter hat man nie gefunden.(1)

Der Kölner KulturPaten e.V.

Knapp zehn Jahre später begann Bleier dann selbst für den Kölner Stadt-Anzeiger zu arbeiten, für dessen Lokal- und Digitalredaktion sie als freie Journalistin tätig war. 2014 trat sie schließlich die Honorarstelle als Projektleiterin des Kölner KulturPaten e.V. an. Gegründet wurde der gemeinnützige Verein bereits 2002 von Gerd Conrads, bis 2017 persönlicher Referent der jeweiligen Kulturdezernentinnen und Kulturdezernenten, Ulrich Soénius, bis 2021 stellvertretender Geschäftsführer der IHK der Stadt Köln, und Hans Henrici, dem Gründer der Kölner Freiwilligen Agentur. „Die Gründung erfolgte nicht zufällig zu der Zeit, in der die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen abgeschafft wurden und die Förderung insgesamt rückläufig war”, erklärt Bleier. „Die freie Kunst- und Kulturszene war nun im Großen und Ganzen auf sich selbst gestellt.”

Hier wollten die Kulturpaten zumindest Linderung schaffen. Der Verein vermittelt seitdem Patenschaften zwischen Kulturschaffenden und Unternehmen, die erstere bei ihren Projekten ehrenamtlich unterstützen: „Es geht darum, Leute zusammenzubringen und einen Blick dafür zu entwickeln, welche Leute zusammenarbeiten können – welches Projekt passt zu welchem Unternehmen, was wird gebraucht, was kann geleistet werden?” Darüber hinaus organisiert sie kostenlose Workshops zu relevanten Themen und die einmal im Monat stattfindende Unternehmensberatung, bei der jeweils drei Einzelberatungen angeboten werden.

In erster Linie dreht sich die Arbeit des Kölner KulturPaten e.V. also darum, die richtigen Kontakte herzustellen und das Angebot zu kommunizieren – innerhalb der freien Kunst- und Kulturszene, aber auch in Richtung der Unternehmen und der Wirtschaft: „In der Regel fragen Kulturprojekte oder Einzelpersonen bei uns an, weil sie Unterstützung brauchen”, erklärt Bleier, „zum Beispiel ein Coaching, eine Website, Hilfe bei einem Bühnenbild oder beim Transport. Die Bandbreite ist ganz vielseitig.”

Claudia Bleier trifft sich nach Eingang der Anfragen mit den Kulturschaffenden, bespricht die jeweiligen Projekte und überlegt, welches Unternehmen in den spezifischen Fällen helfen könnte: „Längerfristige Patenschaften sehen dann so aus, dass das Unternehmen beratend im Hintergrund steht.

Die Unternehmen bieten ihre Unterstützung ehrenamtlich und kostenlos an, es muss also eine andere „Währung“ für die geleistete Arbeit geben, sagt Bleier: „Viele Paten wollen ihren Horizont erweitern, beruflich wie persönlich, weil man durch die Patenschaften viel voneinander lernt.”

Andere, erzählt sie, seien einfach sozial eingestellt und wollen etwas zurückgeben – oder, was ebenfalls häufig der Fall ist: Die Paten haben selbst ein großes Interesse an Kunst und Kultur und wollen mit diesem Bereich in Kontakt treten. „Es macht den meisten Menschen einfach Spaß, hinter den Kulissen mitzuwirken“. Außerdem werden die Kulturpaten alle ein bis zwei Jahre für ihr Engagement im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung gewürdigt.

„Spukhafte Fernwirkung”: Bleiers neuer Roman erscheint im Herbst

Neben ihrer Honorartätigkeit für die Kölner Kulturpaten verfolgt Bleier ihr eigenes Schaffen: 2016 veröffentlichte sie unter ihren beiden anderen Vornamen Ulrike Anna Bleier ihren ersten Roman „Schwimmerbecken”, der 2017 auf der Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen landete. Mit „Bushaltestelle” folgte 2018 der zweite Roman. Für ihre literarischen Arbeiten wurde Bleier vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Dieter-Wellershoff-Stipendium der Stadt Köln für ihren nächsten Roman. Dieser soll im Herbst 2022 erscheinen und den Titel „Spukhafte Fernwirkung” tragen – ein Begriff aus der Quantenphysik, der die Wirkung unterschiedlicher Kräfte über eine räumliche und zeitliche Entfernung hinweg beschreibt. Und wie sich dieses Konzept auf die Handlungen der Protagonisten übertragen lässt, wird dann im nächsten Roman von Claudia – Entschuldigung, Ulrike Anna – Bleier zu lesen sein.

Text: Florian Eßer

Fotos: Claudia Bleier, Florian Eßer, Kulturpaten e.V./Martin Valentin Menke

Der Kölner KulturPaten e.V. im Netz:
http://koelnerkulturpaten.de

Die Website von Ulrike Anna Bleier:
https://www.bleier-online.de

Quellen

(1) Kölner Stadt-Anzeiger: Passanten fanden Toten in Ehrenfeld (12.02.2002)

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

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