Michael Schemann Darm-Forscher und Football-Fan

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Professor Michael Schemann: Darm-Forscher und Football-Fan aus Köln

Wie es der Wissenschaftler auch ohne Einser-Abitur zur Koryphäe schaffte – und warum er immer wieder in seine Heimatstadt zurückkehren würde

Prof. Dr. Michael Schemann gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftlern seines Metiers: Er forscht zur „nervalen Regulation gastrointestinaler Funktionen“. Was das ist? Vereinfacht gesagt, geht es dabei um die Erforschung des Magen-Darm-Traktes, darum, welche Nervenbahnen für die Verdauung und Ausscheidung von Lebensmitteln zuständig sind. Oder, um es mit den Worten von Schemann zu sagen: „Wieso kommt das Essen vom Magen runter durch den ganzen Darm bis hinten wieder raus?”

Für seine Forschung wurde der gebürtige Kölner mit einer ganzen Reihe von Preisen ausgezeichnet, dabei war die Grundsteinlegung seiner Karriere mehr oder weniger dem Zufall geschuldet. Wir haben uns mit Michael Schemann über seinen Werdegang und seine Arbeit unterhalten – aber auch über Kölsch und American Football.

„Ich habe die Gnade der Kölner Geburt“

Auch wenn Michael Schemann heute in der bayrischen Gemeinde Kranzberg lebt, im nördlichen Teil des Speckgürtels von München, ist der gebürtige Kölner seiner Heimat noch immer treu verbunden. 1956 wird Schemann im St. Elisabeth Krankenhaus in Köln-Lindenthal geboren, die ersten Jahre seiner Kindheit verbringt er im linksrheinischen Stadtteil Niehl. Zeitgleich mit seiner Aufnahme in die Volksschule, dem damaligen Äquivalent zur Grundschule, ziehen er und seine Familie nach Köln-Junkersdorf. Hier entdeckt Schemann seine erste, aber bisweilen nicht letzte sportliche Leidenschaft: das Tennisspielen. Bis zu seinem 18. Lebensjahr schwingt Schemann den Schläger für den Tennis- und Hockeyverein Rot-Weiß-Köln, der damals wie heute im Stadtwald beheimatet ist.

„Mein Abitur war nicht das dollste”

Nach dem Abitur zieht es Schemann dann zum Studium aus der Domstadt hinaus in die „Dörfer“: „Ich wollte immer Medizin studieren, leider habe ich aber ein so tolles Abitur gemacht, dass meine Wartezeit schätzungsweise bei 40 bis 50 Jahren lag”, erzählt er lachend. Da Schemanns Eltern nicht bereit sind, ihren Sohn ein halbes Jahrhundert lang finanziell zu unterstützen, bedurfte es dringend eines alternativen Planes: „Ich musste mir irgendetwas aussuchen, das meinem Abiturdurchschnitt entsprach”, so Schemann, „und das war leider nicht viel.” Was Schemann in Sachen Numerus clausus fehlt, macht er durch Einfallsreichtum wieder wett: „Nach dem Motto: Welche Tricks gibt es, trotz eines schlechten Abiturs an ein Medizinstudium zu kommen?”

„Mein ganzer Plan war für die Füße”

Die Lösung des Problems sollte in Hohenheim liegen, einem südlichen Stadtteil von Stuttgart. Die ansonsten eher landwirtschaftlich geprägte Universität Hohenheims bietet zum damaligen Zeitpunkt noch ein Medizinstudium an, für das man auch zugelassen werden kann, wenn das Abitur den Ansprüchen nicht genügt: „Es hat sich schnell herumgesprochen, dass es relativ leicht war, sich für Medizin einzutragen, wenn man im Vorfeld bestimmte Scheine sammelt”, so Schemann. Also entwickelt der heute 65-Jährige einen spitzbübischen Plan: Er bewirbt sich auf einen Studienplatz im Fach Agrarbiologie, um die für das Medizinstudium benötigten Scheine zu sammeln. Dann, so der Gedanke, würde er das Fach wechseln und dem deutschen Bildungssystem ein Schnippchen schlagen. Was in der Theorie nach einem perfekten Plan klingt, entpuppt sich dann jedoch als Schuss in den Ofen: „An dem Tag, an dem ich mein Studium der Agrarbiologie antrat, entschloss sich der Präsident der Uni dazu, das Medizinstudium aufzugeben und stattdessen Wirtschaftswissenschaften anzubieten”, erzählt Schemann.

„Das Studium bot eine große Freiheit”

Sein pfiffiger Plan scheitert, Schemann aber setzt sein Studium der Agrarbiologie fort: „Dieser Studiengang klingt so nach Kartoffeln setzen und Acker furchen – was ich auch gemacht habe – aber er bot eine sehr große Freiheit.” So lässt ihm das Studium genug Raum, auch andere Fächer auszuprobieren: „Da an der Hohenheimer Uni auch eine Tierklinik angeschlossen war, hatte ich zumindest auch etwas mit Medizin zu tun”, so Schemann. Schließlich gefällt ihm die Agrarbiologie doch so gut, dass er im Jahr 1985 in dem Fach promoviert.

Sein Studium gewährt Schemann aber nicht nur akademische Narrenfreiheit, sondern auch genug Freizeit, um reisen zu können. An den Lago Maggiore etwa im nördlichen Zipfel Italiens. Hier, an der Grenze der Regionen Piemont und Lombardei, fasst Schemann einen Entschluss: Eines Tages will er selbst eine der Villen bewohnen, aus deren Fenstern man einen atemberaubenden Blick auf die die von majestätischen Bergen durchzogene, mediterrane Landschaft genießen kann. Um diesen Traum verwirklichen zu können, muss aber zunächst das nötige Kleingeld her: „Ich hatte eigentlich nie vor, in der Wissenschaft zu bleiben, sondern wollte in die Forschung und Entwicklung der Pharmaindustrie gehen”, so Schemann. Deshalb will er eine gutbezahlte Stelle bei einem Pharmakonzern in Basel ergattern, das immerhin nur 100 Kilometer Luftlinie vom Lago Maggiore entfernt ist.

„Sie sind für die Wissenschaft geboren”

Schemanns Doktorvater aber macht ihm einen Strich durch die Rechnung: „Kurz bevor ich promovierte, kam er zu mir und sagte: ‚Schemann, Sie müssen in der Wissenschaft bleiben, Sie sind dafür geboren.‘” Da man sich in der Wissenschaft jedoch nur schwerlich ein Haus am Lago Maggiore finanzieren kann, sträubt sich der für die Wissenschaft geborene Student zunächst. Die Argumente seines Doktorvaters, den Schemann sehr schätzt und respektiert, überzeugen ihn dann schließlich doch: „Wenn der Doktorvater so etwas sagt, dann muss da auch etwas dran sein - oder nicht?“

Wenn man in der Wissenschaft jedoch etwas werden möchte, so erklärt es Schemann heute, müsse man ins Ausland gehen. In die USA zum Beispiel. Also bewirbt sich der promovierte Agrarbiologe auf ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), das er schlussendlich auch erhält. Schemann packt seine Koffer und reist 1985 in die Vereinigten Staaten von Amerika, um an der Ohio State University in Columbus zu forschen: „Ich bin eigentlich nur zur Wissenschaft gekommen, weil mein Doktorvater sagte, ich sollte es machen”, so Schemann, „und ich habe es nie bereut, es war eine wunderschöne Zeit.”

„In den USA hat es mir super gut gefallen”

In den USA fühlt sich Schemann direkt wohl, der American Way of Life, die Großzügigkeit der Menschen, haben es dem Stipendiaten sofort angetan: „Ich war kurz davor, einfach in den USA zu bleiben”, so Schemann. Ohio selbst, so erzählt er, sei jedoch eher langweilig gewesen und ein „great place to raise a family”, wie der Amerikaner sagen würde, also ein guter Ort, um eine Familie zu gründen. Zwischen den Zeilen aber bedeutet dieser nett gemeinte Euphemismus: Hier ist nicht viel gebacken. „Die Landschaft ist nicht doll, die Stadt [Columbus, Hauptstadt des Bundesstaates Ohio] ist auch nicht doll, aber ich habe mich trotzdem sehr wohl gefühlt”, resümiert Schemann.

Dann bekommt er ein Jobangebot in North Carolina, in der Stadt Winston-Salem. Hier, wo sich 1753 die ersten Siedler niedergelassen haben, gefällt es Schemann dann noch einmal deutlicher besser als in Ohio: „Es ist eine wunderschöne Gegend, da kann man an Weihnachten noch Tennis spielen.”

Neben dem Tennis wird American Football eines von Schemanns sportlichen Steckenpferden. Seine Mannschaft sind die Denver Broncos, noch heute verfolgt er die Matches der Sportler aus Colorado: „Die trickreichen Spielzüge der Broncos haben mich irgendwie direkt fasziniert. Wenn die Spiele im deutschen Fernsehen gezeigt werden, schaue ich mir die dann morgens von halb drei bis halb fünf an – falls ich nicht zu müde bin.”

„Ich habe es dann wieder dem Zufall überlassen”

Obwohl sich Schemann in den USA gut eingelebt hat, sieht er sich dennoch in einer Zwickmühle: Soll er in den Staaten bleiben oder zurück nach Deutschland gehen, wo man als Wissenschaftler zwar finanziell und sozialer besser abgesichert ist, es in der Adventszeit aber zu kalt wird, um seinen Aufschlag zu üben? Die Entscheidungsfindung überlässt Schemann wieder einmal dem Zufall. Und warum auch nicht – bisher war der Zufall ihm ein guter Berater. Schemann stellt einen umfangreichen Forschungsantrag in Deutschland, bei dem es um sehr viel Geld geht. Er will das, was er in den USA gelernt hat, in Deutschland zur Anwendung bringen: „Ich habe mir gesagt, dass ich nach Deutschland zurückkehre, wenn dem Antrag stattgegeben wird. Und wenn nicht, dann würde ich halt in den Staaten bleiben.”

Schemann bleibt nicht in den Staaten: „Ich denke auch, dass es die absolut richtige Entscheidung war”, sagt er heute. Wieder in heimischen Gefilden angekommen, geht es für Schemann zunächst erneut an die Universität von Hohenheim, wo er schließlich auch habilitiert. Im Anschluss verschlägt es den frischgebackenen Privatdozenten an das Max-Planck-Institut in Bad Nauheim. Mit im Gepäck hat Schemann ein Heisenberg-Stipendium, das neben seinem Gehalt auch Forschungsgelder für seine Arbeit bereithält. Nach zwei Jahren in Bad Nauheim zieht Schemann abermals um, nun geht es für ihn nach Hannover. Hier, an der tierärztlichen Hochschule, erhält Schemann seine erste Professur: „Ich hatte mich im Laufe der Zeit immer mehr in diese klinisch-angewandte Richtung bewegt, deswegen war ich an der tierärztlichen Hochschule wunderbar aufgehoben.”

„Nach Köln wäre ich immer wieder zurückgegangen”

Seit 2002 ist Michael Schemann nun Inhaber eines Lehrstuhls an der Technischen Universität München, einer der führenden Exzellenzunis Europas. Ein Haus am Lago Maggiore besitzt der 65-Jährige zwar nicht, sein Glück hat er aber dennoch gefunden. Zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter genießt Schemann heute das Landleben Bayerns, welches er der Hektik der großen Städte stets vorgezogen hat: „Wir sind eher so Landpomeranzen”, lacht Schemann, „meine Frau und mich hat es nie in die Innenstädte gezogen. Dafür sind wir einfach viel zu gerne im Grünen und haben Tiere um uns herum.” Neben einem Hund und einer Katze zählt so auch ein Pferd zum tierischen Familienzuwachs – Letzteres vielleicht auch als Reminiszenz an die Denver Broncos, die Schemann mit ihrem Mustang im Mannschaftslogo für die Welt des American Football gewinnen konnten. Tennis spielt Schemann aber heute auch noch, ebenso wie ihm auch seine Kölner Heimat noch sehr nahe ist – in Griffweite sogar: „Ich habe hier endlich einen Getränkehändler gefunden, der mich mit Früh-Kölsch versorgen kann”, erzählt Schemann lachend. Denn trotz seiner Vorliebe für das ländliche Leben ist eines für ihn noch heute ganz klar: „Nach Köln wäre ich immer wieder zurückgegangen.”

Text: Florian Eßer

Das Forschungsgebiet von Michael Schemann ist die Neurogastroenterologie, das Objekt der Neugierde das „Darmhirn“, welches die zweitgrößte Ansammlung von Nerven in unserem Körper darstellt (zumindest bei den meisten von uns, wie er nicht müde wird zu ergänzen). Häufig wird dieses filigrane Nervennetzwerk im Darm auch als zweites Gehirn bezeichnet, obschon das Darmhirn weit vor unserem Kopfhirn existierte. Unser Haupthirn ist nichts anderes als aus dem Darm in den Schädel eingewanderte Nerven (was dem Hirnfurz eine ganz neue Bedeutung gibt, einem weiteren Schemannschen Erkenntnisgewinn).

Schemann hat wesentlich dazu beigetragen, die grundlegenden Funktionen des Darmhirns und seine Kontrollen über Darmaktivitäten zu entschlüsseln. Er hat mit als erster den Code geknackt, der Grundlage für die Kommunikation im Darmhirn ist. Die Arbeitsgruppe von Michael Schemann hat früh damit begonnen, Methoden zu entwickeln, die Untersuchungen an humanen Darmproben erlauben. Dies ist auch heute noch ein Alleinstellungsmerkmal des Schemann-Labors.

Er hat als Erster mit Hilfe bildgebender Verfahren, Aktivität im humanen Darmhirn aufgezeichnet und so den Weg für die transnationale Neurogastroenterologie geebnet, d.h. die Möglichkeit, Forschungsergebnisse direkt auf normale und gestörte Darmfunktionen beim Menschen anzuwenden. So war es ihm möglich, zum ersten Mal direkt nachzuweisen, dass funktionelle Darmstörungen wie Reizdarm keine eingebildeten Erkrankungen sind, sondern organische Ursachen haben. In Verbindung mit Untersuchungen zu Muskel- und Schleimhautaktivität in humanen Darmproben war es möglich, neue Zielstrukturen und Optionen für die Behandlung von Darmkrankheiten aufzuzeigen.

Zum Abschluss seiner aktiven Laufbahn hat er in einer bemerkenswerten Publikation aufgezeigt, dass der Darm ein Gedächtnis hat und sogar lernen kann. Diese faszinierende Fähigkeit bedeutet gleichzeitig ein Paradigmenwechsel, da auch Verlernen, fehlerhaftes Dazulernen und Verlust von Gedächtnis Ursachen für Darmkrankheiten sein können.

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

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