Hannelore Hippe

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Hannelore Hippe: Eine rheinische Frohnatur in Irland

Schriftstellerin Hannelore Hippe über Irland, Krimis und ihren neuen Roman

Wenn die Veröffentlichung eines neuen Romans kurz bevorsteht, wächst bei Schriftstellerin Hannelore Hippe die Aufregung. Immerhin, so erzählt sie, sei ein Roman wie ein Baby, das man für eine lange Zeit unter dem Herzen getragen hat: „Dann freue ich mich immer darauf, es der ganzen Welt zu präsentieren – wie jede stolze Mutter oder jeder stolze Vater.“

Bleibt man bei diesem Bild, kann man durchaus sagen, dass Hippe eine regelrechte Großfamilie großgezogen hat: Elf Romane hat die 69-Jährige bis dato veröffentlicht, von denen einer sogar für die Kinoleinwand adaptiert worden ist – inklusive Oscar-Nominierung. Bekannt ist Hippe aber vor allem für ihre in Irland angesiedelten Kriminalromane, die sie seit 2015 unter dem Pseudonym Hannah O'Brien veröffentlicht: In diesen spielt die ehrgeizige Polizistin Grace O’Malley die Hauptrolle, die als Leiterin der Mordkommission im irischen Galway County alle Hände voll zu tun hat.

Hippes neuestes Buch, „Die Geschichte einer unerhörten Frau“, aber ist kein Krimi: In dem zu Teilen autobiographischen Roman schildert Hippe den Lebensweg von Protagonistin Gussy Fink, die in den 50er Jahren ihren Mann verlässt und mit ihren beiden Kindern ein neues Leben aufbauen will – zur damaligen Zeit ein regelrechter Skandal und nicht die einzige Parallele zum eigenen Leben der Autorin.

„Mich zog es in die Kleinstädte“

Hippes Eltern stammen aus Breslau im heutigen Polen, das am Ende des Zweiten Weltkrieges von sowjetischen Truppen eingekesselt und schließlich besetzt wurde. Bereits im Vorfeld der russischen Offensive ließen die deutschen Befehlshaber die Stadt evakuieren – rund drei Viertel der Zivilbevölkerung kehrten Breslau den Rücken, um den bis Kriegsende andauernden Häuserkämpfen zu entkommen. Kurz nach Ende des Krieges flüchtete schließlich auch Hippes Familie aus Breslau in Richtung Frankfurt am Main. Auf dem Weg dorthin verschwindet Hippes Großvater spurlos, ihre Eltern aber können in der hessischen Metropole eine neue Heimat finden. 1951 schließlich kommt ihre Tochter Hannelore zur Welt.

Heute erinnert sich die 69-Jährige daran, dass die Flucht aus Breslau lange Zeit ein Tabuthema in ihrer Familie war: „Der Standardsatz war immer: Das war keine schöne Zeit, da wollen wir nicht drüber reden“, erzählt sie, „heute weiß ich, dass das eine Überlebensstrategie war, nicht andauernd an diese Dinge zu denken und über sie zu sprechen.“

Wenige Jahre nach der Geburt ihrer Tochter lässt sich Hippes Mutter von ihrem Gatten scheiden, um mit Hannelore und ihrem Bruder ein neues Leben zu beginnen – in den 50er Jahren ein „unerhörter Schritt“, wie Hippe sagt: „Das war auch in der Großstadt ein No-Go, das machte man nicht. Man hielt irgendwie durch und den Schein aufrecht.“

Damals war Hippe schon alt genug, um die gesellschaftliche Ächtung ihrer Mutter, mit der ihre Scheidung quittiert wurde, zu bemerken: „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter damals von der Schule und von den Behörden diskriminiert wurde.“

Allen Widrigkeiten zum Trotz setzt Hippes Mutter ihren Wunsch nach einem Leben ohne ihren Mann in die Tat um und zieht 1960 mit ihren beiden Kindern nach Köln. Hier absolviert Hippe das Abitur am Hildegard-von-Bingen-Gymnasium in Sülz, das damals noch eine reine Mädchenschule war.

Nach dem Abitur geht es für Hippe zum Studieren zunächst nach Marburg, dann nach Heidelberg: „Mich zog es in die Kleinstädte“, sagt sie mit Blick auf ihre Kindheit und Jugend in Frankfurt am Main und Köln, noch heute zwei der größten Städte Deutschlands. An der Marburger Philipps-Universität und der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg studiert Hippe Germanistik, Politik und Philosophie. Alle drei Studienfächer schließt sie mit dem akademischen Grad der Magistra ab. Zusätzlich studiert Hippe Schauspiel und Theaterregie – zwei Fächer, die ihr später beim Schreiben ihrer Romane zugutekommen werden.

„Die Iren sind so jeck wie ich“

Statt aber nach dem Studium nach Köln zurückzukehren, treibt es Hippe zunächst in die Ferne: „Eine Woche nach meinem Abschluss war ich weg“, erzählt Hippe, die es diesmal nicht nur in die Kleinstädte, sondern gleich über den Ärmelkanal zog: Zehn Jahre lang lebte Hippe in Großbritannien und Irland. Ein Auslandssemester sei damals schließlich untypisch gewesen, genauso, wie nach dem Abitur ein Jahr lang Australien oder Südostasien zu bereisen, wie es heute doch recht üblich ist. Daher holt Hippe diese Erfahrungen im Anschluss an ihr Studium nach.

In England hatte Hippe dabei schon immer gerne leben wollen, woran die britische Rockmusik im Allgemeinen und die Beatles im Besonderen einen gehörigen Anteil hatten: Durch den Klang der Beatmusiker verguckte bzw. verhörte sich Hippe in die britische Insel. In ihrer neuen Wahlheimat lebt sie zunächst in Brighton, einem malerischen Urlaubsort an der südenglischen Küste, später in Sheffield und Leeds in der ehemaligen Grafschaft Yorkshire.

Während des Studiums entdeckt Hippe dann die irische Musik – und England ist für eine längere Zeit abgemeldet, wie sie sagt: „Ich habe mich direkt in Irland verliebt, mir war klar, da muss ich hin“, erzählt sie, „denn die Iren sind so jeck wie ich – ich dachte mir: Ja, hier gehörst du hin.“

In Irland lebt Hippe in Connemara, einer Region im Westen des Landes, die nicht nur für ihren torfigen Whisky, sondern auch für ihre ungezähmten Landschaften berühmt ist: Während sich im Süden der Region Moorgebiete und Heideflächen erstrecken, wird der Norden von den „Twelve Bens“ dominiert, einer Gebirgsformation, von deren Spitzen aus man einen weitschweifenden Panoramablick über das irische Grasland genießt.

Hippe ist aber nicht nur von der Landschaft des Galway County fasziniert, auch die Iren selbst haben es ihr angetan: „Die Briten sind auch freundlich, aber die Iren haben noch einmal eine andere Mentalität, die meiner rheinischen Frohnatur doch sehr entgegenkommt“, erzählt sie lachend.

„Der Traumberuf schlechthin“

Zurück in Deutschland beginnt Hippe 1985 als freie Autorin und Journalistin für die Hörfunksender der ARD zu arbeiten, ihr Stammhaus ist der Westdeutsche Rundfunk. Mehr als 30 Jahre lang ist sie in ihrem „Traumberuf schlechthin“ tätig, der sie als Reisereporterin quer über den gesamten Globus führt: „Das Tolle an meinem Beruf ist, dass ich auf Grund meiner Themen sehr viel gereist bin“, erzählt Hippe heute, „das ist ein großes Privileg, für das ich sehr dankbar bin.“

Für den Rundfunk fertigt Hippe aufwendige Dokumentationen an, besucht die Marquesa Inseln im Pazifik, Polynesien und Spitzbergen: „Ich hab es irgendwie mit Inseln“, sagt sie heute.
Neben ihrem Beruf als Reporterin bildet Hippe selbst journalistischen Nachwuchs für die Deutsche Welle Akademie aus. Für die Akademie ist Hippe weltweit im Einsatz, bringt unter anderem dem journalistischen Nachwuchs in Afghanistan und auf der Krim das Handwerk des Pressewesens bei.

Trotz ihres anspruchsvollen Jobs findet Hippe dabei auch noch die Zeit, sich ihren eigenen literarischen Ideen zu widmen: Ihr erster Roman „Niedere Frequenzen“ erscheint 1994 im Wiener Frauenverlag, ihr zweiter Kriminalroman folgt drei Jahre später.

Heute konzentriert sich Hippe voll und ganz auf das Schreiben ihrer Bücher – in Gänze konnte sie dem Journalismus aber nicht entsagen: „Ich kann es nicht ganz lassen“, erzählt sie und erklärt, dass die Redaktionen immer noch mit Aufträgen auf sie zukämen. Insbesondere dann, wenn es sich um Dokumentationen über Irland handelt. Schließlich ist Hippe auf dem Gebiet ihrer ehemaligen Wahlheimat eine echte Expertin. So wundert es nicht, dass auch einige ihrer Bücher in der Republik angesiedelt sind – genauer gesagt im Galway County, wo die Schriftstellerin selbst viele Jahre ihres Lebens verbracht hat. „Was mich am Krimi interessiert, ist, dass es immer um ein Rätsel geht, um ein Geheimnis, das entdeckt oder gelöst werden will – und das finde ich faszinierend“, so die Autorin.

„Ich reise bis heute nicht ohne Bücher“

Wie Hippe weiterhin erzählt, hätten Bücher in ihrem Leben immer schon eine große Rolle gespielt. Ihre Mutter arbeitet als Bibliotheksassistentin in der Stadtbücherei, in der ihre Tochter Hannelore während ihrer Kindheit sehr viel Zeit verbringt: „Ich bin dann quasi in der Stadtbücherei groß geworden“, erzählt sie und erinnert sich an ihre literarische Früherziehung: „Ich bin damals auch mit der Haltung aufgewachsen, dass es Literatur gibt und etwas, über das wir die Nase rümpfen. Dazu gehörten in meiner Kindheit zum Beispiel Comic-Hefte. Die waren zwar nicht verboten, aber Fix und Foxi und Mickey Maus haben mich überhaupt nicht interessiert.”

Stattdessen vertieft sich Hippe in die abenteuerlichen Erzählungen von Karl May, später liest sie Schiller, Voltaire und Grass – „obwohl da Schweinkram drin war“, fügt sie mit einem Schmunzeln hinzu.
Während Hippe also die Geschichten über Winnetou und Old Shatterhand sowie die großen Werke der Weltliteratur verschlingt, bleibt ein Genre für sie lange Zeit unberührt: die Kriminalliteratur, die sie damals – wie die Comics eben auch – als trivial empfindet.

Dass sich Hippe als Autorin später selbst dieser zunächst verpönten Gattung zuwendet, ist einem glücklichen Zufall geschuldet: Gemeinsam mit Freunden will Hippe während ihres Studiums ein „lustiges Wochenende“ in der Nähe von Marburg verbringen, Partys feiern und die Natur erkunden. Zum Leidwesen der Beteiligten aber regnet es pausenlos und Hippe hat, entgegen ihrer Gewohnheit, keinen Lesestoff im Gepäck: „Das mache ich sonst nie“, erzählt sie, „ich reise bis heute nicht ohne Bücher.”

In ihrer „absoluten Not“ greift sie „mit ganz spitzen Fingern“ zu einem Roman der Schriftstellerin Agatha Christie. So ist „Mord auf dem Golfplatz“ der erste Kriminalroman, den Hippe liest: „Ab diesem Tag war ich dem Genre der Kriminalliteratur verfallen“, erzählt sie, „seitdem las ich diese Romane obsessiv.“

Während sich Hippe immer weiter in die Welt aus Tätern und Ermittlern einliest, wächst in ihr der Gedanke, selbst einmal einen Kriminalroman zu schreiben – was sie mit Erfolg bis heute tut. Ihre anfängliche Ablehnung dem Genre gegenüber kann sie heute nicht mehr nachvollziehen: „Das war einfach eine Dummheit“, lacht die Autorin, die mittlerweile acht Krimis auf den Markt gebracht hat.

„Wein lenkt beim Schreiben ab“

Um zu schreiben, erzählt Hippe, brauche man schon eine gewisse Disziplin. Wenn sie an einem neuen Roman arbeitet, schreibt sie pro Tag mindestens sechs Stunden lang, feilt an ihrem Manuskript, korrigiert und verbessert: „Ich habe einen regelmäßigen Schreibrhythmus von drei Stunden am Morgen und noch einmal drei Stunden am Nachmittag – aber es ist ja auch nicht so, dass man dann direkt alles fallen lässt. Ich schreibe das, was ich schreiben will, dann immer auch zu Ende.“

Wenn sie morgens mit dem Tippen beginnt, so erzählt sie, wisse sie stets, womit sie anfangen will – wo ihre Geschichte dann aber endet, das wisse sie nicht: „Manchmal, wenn ich dann abends einpacke oder den Computer ausschalte, dann denke ich mir: `Puh, das ist ja irre, was heute wieder alles passiert ist´. Das macht ja auch das Schreiben aus. Selbst zu schreiben, ist genauso gut, wie eine gute Geschichte zu lesen – oder fast noch besser.”

Besonderen Wert beim Entwickeln ihrer Romane legt die Autorin dabei auf die Figuren ihrer Erzählungen – schließlich habe sie Schauspiel und Theaterregie studiert, wo es ebenfalls stark auf eine schlüssige Konzeption der Charakter ankäme: „Es ist wichtig, dass die Figuren in sich stimmig sind.“

Am allerliebsten schaue sie beim Schreiben in die Natur, erzählt Hippe, die zwar in Köln wohnt, aber auch ein Haus an der Mosel besitzt: „Da gucke ich direkt auf den Fluss und in den Wald, das ist richtig toll“, so die Autorin, „und wenn ich bei meinem Freund in Norwegen bin, gucke ich auf einen Fjord - Wasser ist immer gut.“

Aber nicht nur die Natur sei gut für den Schreibfluss, erklärt Hippe, die eine leidenschaftliche Teetrinkerin ist und auch beim Arbeiten stets eine Tasse in Griffweite hat: „Ich trinke beim Schreiben sehr viel ordinären, ganz schwarzen English oder Irish Breakfast Tea.“

Um alkoholische Getränke mache die Schriftstellerin beim Schreiben aber grundsätzlich einen Bogen: „Auf keinen Fall trinke ich dabei Wein, obwohl ich ihn sehr schätze und weiß, dass das einige Kolleginnen und Kollegen gerne machen.“ Für sie selbst könne sie sich aber nicht vorstellen, den Schreibprozess mit einem Gläschen zu beflügeln: „Das lenkt ab“, erzählt sie lachend, „aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.“

„Ich bin sehr dankbar für alles“

Dass Hannelore Hippe mit ihren Schreibritualen gut fährt, beweist ihr Erfolg als Schriftstellerin: Mittlerweile hat sie elf Romane veröffentlicht, eines ihrer Manuskripte diente sogar als Vorlage für den deutsch-norwegischen Kinofilm „Zwei Leben“, der im Jahr 2012 seine Premiere feierte. Der Film des Regie-Duos Georg Maas und Judith Kaufmann wurde als deutscher Beitrag bei den Oscars eingereicht und für die Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ nominiert. Obwohl das Drama bei der Preisverleihung leer ausging, sieht Hippe allein die Nominierung als große Ehrung ihrer Arbeit: „Stattdessen wurde der Film dann mit der Lola in Bronze ausgezeichnet, was mich auch sehr gefreut hat.“

Eine Tochter, zwei Enkel, elf veröffentlichte Bücher, eine Oscar-Nominierung und ein Reisepass wie ein Stempelkissen: „Was will ich denn noch mehr“, fragt Hannelore Hippe, „ich bin so dankbar für all die guten Dinge in meinem Leben, dass ich mich ab und zu immer noch zwicke, um zu gucken, ob ich träume.“

Einen großen Wunsch hegt die Schriftstellerin dann aber doch noch: „Ich möchte so gerne, dass meine Bücher übersetzt werden“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „In welche Sprache, ist mir egal.“

Text: Florian Eßer

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

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