Köln-Magazin

Kunibertsviertel in Köln

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Das Kunibertsviertel

Wo das alte und junge Köln aufeinandertreffen

Das Kunibertsviertel in der nördlichen Altstadt ist ein urkölsches Veedel, das nicht zuletzt durch seine zentrale Lage besticht. In direkter Nachbarschaft zum Kölner Hauptbahnhof gelegen, wird das Kunibertsviertel von den Wahrzeichen der Stadt eingerahmt: Südlich vom Veedel ragt das ikonische Spitzenpaar des Doms in die Höhe, im Westen wartet das Eigelsteinviertel mit seiner namensgebenden Torburg auf. Im Norden grenzt das Kunibertsviertel an den grünen Theodor-Heuss-Park und entlang der östlichen Grenze des Veedels schließlich fließt der Rhein in seiner altersweisen Gemächlichkeit in Richtung Rotterdam.

Heute leben rund 3900 Kölnerinnen und Kölner im Kunibertsviertel, in dem das „urbane Leben [geprägt] ist vom Mit- und Nebeneinander der Generationen”, wie es auf der Seite der Interessengemeinschaft Kunibertsviertel heißt1. Durch die hier ansässige Ursulinenschule, die Hochschule für Musik und Tanz sowie den Seniorenwohnsitz St. Vincenz herrscht tatsächlich ein reger Austausch zwischen den Altersklassen. Nicht nur verbindet das Kunibertsviertel jüngere und ältere Generationen, sondern auch das alte und das junge Köln: Aufgrund seiner Historie ist das Kunibertsviertel eng mit der Geschichte der Stadt verbunden. Vor allem die Kirche St. Kunibert, der das Veedel seinen Namen verdankt, ist Gegenstand zahlreicher Legenden und taucht immer wieder in der mittelalterlichen Folklore Kölns auf – und ist dadurch selbst zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden.

St. Kunibert: das sagenumwobene Herz des Veedels

Seit der Weihe St. Kuniberts im frühen 13. Jahrhundert2 prägen die beiden Osttürme und der Westturm der romanischen Kirche, die sich quaderförmig in die Höhe erstrecken, bevor sie in Spitzdächern enden, das Panorama der Stadt maßgeblich mit. Da St. Kunibert erst 1247 geweiht wurde – ein Jahr bevor die Arbeiten am gotischen Kölner Dom begannen – handelt es sich bei der Kirche um die letzte in Köln, die im architektonischen Stil der Romanik errichtet wurde. Zurück geht die Kirche auf den heiligen Kunibert von Köln, der Überlieferungen zufolge vermutlich von 623 bis 663 n.Chr. als Bischof der Domstadt fungierte. Zudem war Kunibert ein enger Vertrauter und Berater des Merowingerkönigs Dagobert I., nach dem die diagonal durch das Kunibertsviertel laufende Dagobertstraße benannt ist.

Am Standort der heutigen Kirche St. Kunibert stiftete der Kölner Bischof ein dem heiligen Clemens gewidmetes Oratorium, das er sich schließlich auch selbst als seine letzte Ruhestätte ausersah. Das Kunibert seine Kirche dem heiligen Clemens widmete, der damals vor allem im Kölner Raum als Wasserheiliger verehrt wurde, ist weniger dem Zufall geschuldet als der Geschichte des Platzes: Am Standort der Kirche hat sich bereits zu vorchristlichen Zeiten ein ‘heidnisches’ Brunnenheiligtum befunden, dessen Existenz noch heute in der Krypta von St. Kunibert erfahrbar ist: Denn tatsächlich existiert dort noch immer ein Brunnen, der sogenannte Kunibertspütz, um den sich spätestens seit dem Mittelalter zahlreiche Mythen und Legenden ranken. Einer solchen volkstümlichen Sage nach sollen etwa die Kinder Kölns aus diesem Brunnen stammen und an dessen Boden bis zu ihrer Geburt von der heiligen Gottesmutter Maria umsorgt werden. Außerdem habe das Wasser des Brunnens eine geradezu magische Wirkung: Trinken Frauen mit einem unerfüllten Kinderwunsch davon, so würden sie mit Fruchtbarkeit beschenkt werden – heute jedoch ist der Brunnenschacht verschlossen.

Während das Wasser des Kunibertspütz die Kölner der Sage nach also mit Kinderglück bedachte, war die Kirche selbst nicht sonderlich mit Glück gesegnet. Immer wieder kam es zu schweren Schäden am Kirchenbau, gerade der Westturm von St. Kunibert, der von vornherein zu gewichtig für das Gebäude war, hatte im Laufe der Zeit einiges einstecken müssen. Im Jahr 1376 fiel er einem Brand der Kirche zum Opfer, 1830 stürzte der noch nicht fertiggestellte Nachbau erneut zusammen, als am 28. April ein Unwetter über die Domstadt fegte. So hält Peter Fuchs in seiner Chronik der Stadt Köln fest: „Die Kirche St. Kunibert wird am späten Abend durch einen Frühlingssturm schwer beschädigt, der in Renovierung befindliche Hauptturm und ein großer Teil des Schiffes stürzen ein.“ Dass Baumaßnahmen in der Domstadt aber auch schon im frühen 19. Jahrhundert nur schleppend vorangingen, ist den Chroniken Fuchs’ ebenfalls zu entnehmen. So schreibt er weiter, dass der Wiederaufbau „nach längeren Debatten [...] erst 1836“ begann und schließlich 1847 fertiggestellt wurde3.

Etwas weniger als hundert Jahre nach seinem erneuten Wiederaufbau stürzte der Westturm von St. Kunibert abermals in sich zusammen. Diesmal passierte es jedoch aufgrund eines Sturmes, der nicht nur den Himmel über Köln, sondern den über ganz Europa mit flammenden Blitzen und Donnergrollen erfüllte. Der Zweite Weltkrieg brachte eine abermalige Zerstörung St. Kuniberts mit sich, als der Westturm und das Querhaus der Kirche 1944 von einer Bombe getroffen wurden und den Kirchenraum unter ihren Trümmern begruben. Diesmal begann man mit dem Wiederaufbau des Turms erst in den 70er-Jahren, ihr heutiges Aussehen hat St. Kunibert seit 1993.

Wirtschaft und Bildung im Kunibertsviertel

In der jüngeren Vergangenheit wurde das Kunibertsviertel vor allem als wichtiger Wirtschaftsstandort bekannt, an dem heute milliardenschwere Unternehmen ihre Grundsteine legten. 1864 etwa gründete sich im Veedel die Firma N.A. Otto und Cie, die heute als Deutz AG zur Spitze der Motorentechnik zählt. Damals eröffnete das Unternehmen in der Servasgasse die erste Motorenfabrik der Welt und entwickelte hier den berühmten Otto-Motor. Zu den bekanntesten Mitarbeitern von N.A. Otto und Cie gehörten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach, deren Namen noch heute als Marken das Bild hochwertiger Automobile grundlegend prägen.

1927 schließlich machte im Kunibertsviertel ein weiteres Unternehmen seine ersten Schritte auf dem Weg zum Weltkonzern: Am 1. Januar wurde der Handelsmagnat Rewe in der Domstraße gegründet, in der er noch heute seinen Sitz hat. Ebenfalls hier, in der Hausnummer 20, betreibt das Unternehmen heute ein Firmen-Museum, in dem ein historischer Kaufmannsladen an die Anfänge der Rewe-Group erinnert.

Das Kunibertsviertel ist aber nicht nur eine Wiege der Kölner Wirtschaft, sondern beherbergt auch historische Institutionen der schulischen und musischen Bildung wie die Ursulinenschule, mit der das Kunibertsviertel das einzige Mädchengymnasium der Stadt beheimatet. Gegründet wurde die Schule im 17. Jahrhundert von der flämischen Ursulinen-Schwester Anne Marie de Heers und befindet sich seit 1676 an ihrem jetzigen Standort in der Machabäerstraße. De Heers Wahl für den Standort ihrer Schule fiel auf Köln, da hier die Patronin des Ursulinen-Ordens, die heilige Ursula, zur Märtyrerin wurde: Auf einer Pilgerfahrt nach Rom, die Ursula zusammen mit elftausend Jungfrauen unternommen haben soll, führte es die Heilige und ihre Gefolgschaft auch nach Köln. Damals jedoch wurde die Stadt von den Hunnen belagert, die den Frauen gegenüber keine Gnade walten ließen: Sie alle – einschließlich Ursula – fanden den Tod durch die Säbel und Pfeile der hunnischen Belagerer.

Die Ursulinenschule aber ist nicht die einzige Verbindung zur Legende der heiligen Ursula im Kunibertsviertel. Der Kreis schließt sich mit einer weiteren Sage, in der wiederum unser altbekannter Kunibert von Köln eine bedeutende Rolle spielt: Nach seiner Weihe soll diesem nämlich eine Taube den Weg zur Grabstätte der heiligen Ursula gezeigt haben, deren Gebeine bis dato als verschollen galten. Zu viel des Zufalls? Das dachten sich wohl auch einige Historiker, die sich eingehend mit der Geschichte der heiligen Ursula befassten. Die historische Existenz der Heiligen wir heute angezweifelt, nur wenige verlässliche Quellen belegen das Leben und Handeln der Kölner Stadtpatronin. Ob Legendenfigur oder historische Persönlichkeit – fest steht, dass die heilige Ursula im Stadtbild Kölns ihre Spuren unwiderruflich hinterlassen hat. So auch auf dem Wappen der Stadt: Die elf Flammen oder Tränen auf dem Blason repräsentieren seit dem 16. Jahrhundert Ursula und ihre Gefährtinnen, die in Köln durch die Hunnen ihr Leben gelassen haben sollen.

Neben der Ursulinenschule stellt die Hochschule für Musik und Tanz eine weitere historische Bildungseinrichtung im Kunibertsviertel dar: Gegründet 1845, ist sie nach der Musikhochschule in Würzburg die älteste ihrer Art in Deutschland. Seit den späten 70er-Jahren hat die Hochschule für Musik und Tanz ihren Sitz im Neubau an der Dagobertstraße, die ihren Namen, wie wir uns erinnern, vom gleichnamigen König der Merowinger erhalten hat. Und wie der Zufall es mal wieder so will, existiert über diesen selbst ein Lied, das aber womöglich nicht auf dem Lehrplan der Hochschule steht: „Le bon roi Dagobert” ( zu dt.: „Der gute König Dagobert“) heißt das französische Kinderlied, in dessen Text der König verspottet wird:

„Der gute König Dagobert,
hatte sich die Hose falsch herum angezogen.“
Da sagte der große heilige Eligius4:
„Oh, mein König!
Eure Majestät ist falsch angezogen!“
„Das ist wahr”, sagte der König,
„dann werde ich meine Hose mal richtig anziehen.”

Text/Fotos: Florian Eßer

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

Quellen und Anmerkungen

1. Daten und Fakten zum Kunibertsviertel (Stand 26.10.2020): https://kunibertsviertel-koeln.de

2. Zur Geschichte St. Kuniberts: Schmelzer, Monika; Schmalstieg, Carsten und Spieler, Wolf Rüdiger: Kirchen in Köln. Verwaltungsverlag München, 2000

3. Fuchs, Peter: Chronik zur Geschichte der Stadt Köln, Band 2: Von 1400 bis zur Gegenwart. Greven Verlag Köln, 1991

4. Eligius von Noyon war Goldschmied und enger Vertrauter von König Dagobert I.

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