Kwartier Latäng

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Ein Stück Paris in Köln: das Kwartier Latäng

Nächtlicher Streifzug auf einer der beliebtesten Ausgehmeilen Kölns

Für viele Kölner ist das Kwartier Latäng bei Tageslicht ein ungewohnter Anblick. Zwar ist hier auch tagsüber eine Menge los, abends aber steppt hier der sprichwörtliche Bär. Dann nämlich entpuppt sich das Gebiet um den Zülpicher Platz herum als ein Hotspot des Nachtlebens: Bars und Kneipen reihen sich aneinander, Shisha-Cafés und Imbissbuden wechseln sich mit Clubs, Spielotheken und Kiosken ab. Durch die Nähe zur Universität locken die Läden viele Studenten an, aber auch bei Touristen und anderen Freunden ausgelassener Feierlichkeiten ist das Kwartier Latäng beliebt. Und das ganz besonders an Karneval: In der jecken Jahreszeit verwandelt sich die Zülpicher Straße und ihre Nachbarschaft in eine Hochburg des Straßenkarnevals, aberhundert Feiernde in Tierkostümen und rot-weißen Klamotten okkupieren die Bürgersteige.

Seinen Namen hat das Kwartier Latäng nicht ganz unironisch in Anlehnung an das gleichnamige Studentenviertel in Paris, das Quartier Latin, erhalten. Wie auch beim Kwartier Latäng handelt es sich beim Pariser Vorbild nicht um ein Stadtviertel im eigentlichen Sinne. Vielmehr bezeichnet der Name ein Gebiet im fünften Arrondissement, das neben der Pariser Universität zahlreiche weitere Bildungsinstitute beheimatet.

Die Bezeichnung des „lateinischen Viertels” geht auf die Tatsache zurück, dass früher an der im Quartier Latin gelegenen Sorbonne Université, der traditionellsten und bis heute wichtigsten Universität von Paris, ausschließlich in lateinischer Sprache gelehrt und gelernt wurde. Das war in Köln zwar anders, aufgrund der nahegelegenen Universität aber wurde der Name des Pariser Studentenviertels übernommen und „eingekölscht”. So wurde aus dem Quartier Latin das Kwartier Latäng und aus dem Gebiet um den Zülpicher Platz eine der beliebtesten Ausgehmeilen Kölns.

Dabei sind die Grenzen des Kwartier Latängs, wie auch beim Pariser Pendant, nicht klar abgesteckt. Zumeist aber wird mit dem Kwartier Latäng der Bereich zwischen dem Barbarossaplatz und der Luxemburger Straße im Osten, dem Zülpicher Platz im Norden, dem Rathenauplatz im Nordwesten und dem Südbahnhof bezeichnet.

Der Rathenauplatz als Ausgangspunkt des Kwartier Latäng

Die Gemeinsamkeiten der beiden Stadtteile sind also recht offensichtlich, die Unterschiede zwischen ihnen aber machen das Kwartier Latäng zu einem einzigartigen Ort in Köln, der gefüllt ist mit einem Sammelsurium an verrückten Geschichten, mit Tragödien und Komödien gleichermaßen.

Während das Quartier Latin in Paris nämlich auf eine lange und traditionsreiche Historie zurückblicken kann, ist die Geschichte des Kwartier Latängs noch recht jung. Und stark mit dem Rathenauplatz verwoben: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entschloss man sich, die Kölner Stadtgrenzen zu erweitern. Durch die Industrialisierung wurde mehr Bauplatz benötigt, die Stadtmauer, die zu dieser Zeit bis zum Hohenstaufenring reichte, wurde geschliffen. Nun war es auch möglich, das sumpfige Marschland vor den Grenzen Kölns in die Stadterweiterung mit einzubeziehen. So entstand im heutigen Kwartier Latäng der Rathenauplatz, damals noch Königsplatz getauft, der den Kölnern fortan als Veranstaltungsort für Feste und Karnevalsumzüge dienen sollte. 1899 errichtete man gegenüber des Platzes eine Synagoge auf der Roonstraße, die nach den Verwüstungen in der NS-Zeit wiedererrichtet wurde und heute als religiös-kulturelles Zentrum der jüdischen Gemeinde in Köln fungiert.

Der Rest des Veedels um den Rathenauplatz herum blieb im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise verschont: Viele der Gebäude überstanden die Bombenangriffe und konnten nach dem Krieg rasch wieder bewohnbar gemacht werden. Die Priorität der Reparaturarbeiten lag daher auf anderen Stadtvierteln, die schwerer von den Folgen des Krieges getroffen waren. Da diese Vernachlässigung des Rathenauviertels bis weit nach dem Krieg anhielt, verschlechterten sich die Zustände im heutigen Kwartier Latäng zusehends: Die Mieten wurden billiger, die Kneipen wurden mehr. Nachdem dann in den 60er-Jahren die Kölner Universität neu errichtet wurde, war die Transformation des Stadtgebiets in ein Studentenviertel schließlich perfekt.

Und um dieses Studentenviertel mit seinem ausschweifenden Nachtleben zu erleben, werden wir uns nun mitten ins Getümmel des Kwartier Latängs begeben, auf die neonbeleuchtete Kneipenmeile Kölns.

Ein Abend im Kwartier Latäng

Das Nachfolgende bezieht auf die Zeiten vor, bzw. hoffentlich in baldiger Zukunft, nach der Corona-Pandemie. Auch im Kwartier Latäng ist sich an die geltenden Schutzmaßnahmen zu halten. Dieser Artikel soll zu keinen Zuwiderhandlungen anregen.

19:30 Uhr - Vorglühen auf dem Mäuerchen

Wir starten unseren Abend am Südbahnhof, genauer gesagt am legendären „Mäuerchen“, wo sich beinahe täglich das Who’s who der Kölner Langzeitstudenten versammelt. Das Mäuerchen verläuft beidseitig der Zülpicher Straße von der Uni-Mensa bis zur Bahnunterführung, über die die Züge aus Bonn donnern, um weitere Nachtschwärmer ins Kwartier zu bringen. In der Mensa mit der richtigen Grundlage aus Kroketten und Minutenschnitzeln für den Abend gestärkt, warten hier gleich mehrere Kioske mit einem umfassenden Bierangebot auf die jüngeren und älteren Semester. Wir entscheiden uns für den Kiosk König. Der freundliche Besitzer kennt seine Pappenheimer und so verlassen wir  nach einem kleinen Plausch das Büdchen mit mehreren Kaltgetränken und machen es uns auf dem Mäuerchen bequem. Irgendwen kennt man hier immer, ob aus der Uni oder vom letzten Wochenende. Man grüßt sich also, tauscht sich aus: Wer hat welche Klausur in den Sand gesetzt? Wer hat sich von wem getrennt? Auf manchen Pechvogel mag beides zutreffen, aber heute Abend spielt das keine Rolle. Obwohl die Uni quasi in Sichtweite ist, soll sie heute kein Thema sein. Und den oder die Ex trifft man hier wahrscheinlich ohnehin. Klar, man hat sich hier ja schließlich auch kennengelernt.

21:00 Uhr – Hollywoodreif: die Zülpicher Straße

Noch einmal zum Kiosk und dann geht es mit einem Bier für den Weg in den hiesigen Fachkreisen auch „Fußpils” genannt, weiter durch die Bahnunterführung zur Kreuzung Zülpicher Straße/Dasselstraße. Hier beginnt sie, die Kneipenmeile, das Kwartier Latäng, jene Mischung aus Fachschafts-Stammtisch und Tortuga Bay, wo man donnerstags das Wochenende einleitet und sich erst sonntags wieder an die anstehenden Klausuren erinnert.

Wir passieren das Theater in der Filmdose, wo schon in den 80ern Kölner Prominente wie Hella von Sinnen und Dirk Bach auf der Bühne gestanden haben. Einen Besuch ist die Filmdose allemal wert, da wir heute aber noch genug Theater und Drama sehen werden, ziehen wir erst einmal weiter. Nun offenbart sich die Dichte an Imbissen, Kneipen und Cocktailbars auf der Zülpicher Straße in ihrer ganzen Pracht: Neonreklamen und überfüllte Bürgersteige vor Szeneläden, aus denen ein wildes Potpourri musikalischer Geschmacksrichtungen quillt, um sich auf der Straße mit dem Hupen der Autos und dem multilingualen Gejohle der Feiernden zu mischen.

Aus einem Laden namens „Ferkulum“ riecht es nach Fritten und Gyros Pita, vom Namensschild des Imbisses lacht ein fröhliches Schweinchen in makabrer Metzgers-Kluft auf die Hungrigen hinab. Hier wird unser Abend wahrscheinlich enden. Mit einer Pita in der Hand auf einer Treppenstufe des Nachbarhauses, auf der wir schweigend nebeneinander sitzen und mit jedem Bissen dafür sorgen werden, dass unsere Klamotten morgen in die Reinigung müssen. Aber verdammt, was ist das lecker!

Lecker ist es auch ein paar Meter weiter „Bei Oma Kleinmann”, einer Traditionsgaststätte mit rustikaler, kölscher Küche, die vor allem für ihre sagenumwobenen Schnitzel bekannt ist. Während sich Omas Gäste über die Teller mit paniertem Rindfleisch und Schmorzwiebeln hermachen, wechseln wir die Straßenseite und versuchen, einen Platz im „Stiefel“ zu ergattern. In der Kultkneipe gar kein leichtes Unterfangen. Immerhin fand hier auch schon der Dreh der Hollywood-Produktion „Collide“ statt, in dessen Rahmen sich Anthony Hopkins und Ben Kingsley einen actiongeladenen Schusswechsel im Schankraum lieferten1. So bunt, wie die graffitiverzierte Hausfassade des Stiefels ist, so bunt ist es auch im Inneren der Eckkneipe: Bemalte und mit Stickern geschmückte Wände zeugen von der jahrzehntelangen Geschichte des Stiefels, der schon seit den wilden 20er-Jahren die Durstigen bewirtet. Wir spielen eine Runde Kicker, aber verlieren, weil ich ein schlechter Torwart bin. Also zahlen wir unseren Deckel und stolpern aus dem Stiefel wieder nach draußen, in den nächtlichen Trubel des Kwartier Latängs.

22:15 - Auf einen Wodka mit Lenin

Wir lassen uns auf den Zülpicher Platz treiben, wo der hohe Glockenturm der Kirche Herz Jesu mahnend auf die ausgelassene Meute zu seinen Füßen hinunterblickt. Der Bau der gotischen Kirche wurde 1900 abgeschlossen, der Turm aber erst neun Jahre später vollendet. In den Schlussstein der Turmspitze hatte der damalige Pfarrer Wilhelm Kremer eine kleine Urkunde aus Pergament einsetzen lassen, die „den späteren Geschlechtern [das Geschehen] vermitteln soll”2. Mehr als hundert Jahre später scheinen sich jene späteren Geschlechter, die sich heute Abend hier versammelt haben, aber nicht sonderlich für die Architektur des Gotteshauses zu interessieren. Genauso wenig wie du – während ich dir nämlich gerade meinen Vortrag über die Kirche gehalten habe, bist du bereits einige Meter weiter geschlichen und stehst jetzt mit einem Flaschenbier vor dem nächsten Kiosk, dem Späti am Zülpicher Platz. Dieser hat sich im Laufe der letzten Jahre zu einem der Hotspots im Kwartier Latäng entwickelt: Jedes Wochenende stehen hunderte von Menschen vor dem Büdchen, das mit seiner Musik und seinen Außentischen mehr an eine Bar erinnert. Und hier stehst du, ins Gespräch mit deinem sympathischen Gegenüber vertieft, aber – so leid es mir tut – wir sind mit unserer Kneipentour noch nicht fertig. Unter Gezeter folgst du mir noch ein paar Schritte weiter zum „Roten Platz“, der russischsten Kneipe im Kölner Stadtgebiet. Zeitungsausschnitte in kyrillischer Sprache zieren Wände und Tische und tatsächlich – dort steht eine Büste von Wladimir Lenin. Wie die Deko vermuten lässt, geht es auch auf der Speise- und Getränkekarte russisch zu: Blinis und Pelmenis stillen den Hunger, Baltika-Bier und importierter Wodka Durst und Heimweh der oftmals aus Russland stammenden Gäste. Wir schließen uns ihnen an, stürzen einen der osteuropäischen Kartoffelschnäpse hinunter und beißen in die Salzgurke, die zum Wodka gehört wie die Zitrone zum Tequila. Nastrovje!

23:30 Uhr - Karaoke im Kwartier Latäng

Nachdem wir uns so die nötige Portion Mut angeeignet haben, geht es nun ins Museum, das praktischerweise direkt gegenüber liegt. Und nein, keine Sorge. Jetzt geht es nicht um bildende Kunst oder Kultur, sondern um Karaoke. Das „Museum“ ist eine zweistöckige Bar, in der viermal die Woche eine beliebte Karaoke-Party stattfindet: Ob Gesangstalent oder Hobby-Sänger, auf der Bühne des Museums ist jeder willkommen. Aus einem Repertoire an 32.000 Musiktiteln entscheiden wir uns für „Westerland” von den Ärzten:

„Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen, wann werd‘ ich sie wiedersehen?!
Oooh, ich hab solche Sehnsucht, ich verliere den Verstand ...”

Nach endlos scheinenden 3 Minuten und 40 Sekunden nehmen wir ein Bad im Applaus und verziehen uns schleunigst an die Bar.

Irgendwann, zu noch späterer Stunde, wird der Moderator im weißen Anzug „Can You Feel The Love Tonight” anstimmen, den Rausschmeißer, der das Ende der heutigen Karaoke-Party besiegelt. Unser Abend ist aber noch nicht vorbei. Berauscht von unserem Rockstar-Auftritt, zieht es uns nun über die Hochstadenstraße. Wir biegen nach rechts in die Kyffhäuser Straße ein, deren Kneipen genauso gut besucht sind wie die der Zülpicher Straße. Hier wollten wir eigentlich noch auf eine Partie Billard in die „Furchtbar“ oder das „Soylent Green“ gehen, doch gewinnen Bier und Müdigkeit langsam die Oberhand.
Arm in Arm ziehen wir so an den Kneipen vorbei, schmettern noch einmal den Refrain von Westerland und biegen wieder auf die Zülpicher Straße ab.

3:45 Uhr - Absacker

Wir sitzen schweigend auf einer Treppenstufe neben dem Ferkulum und gönnen uns eine Gyros Pita. Mit fettigen Händen und Tsatsiki-Flecken auf der Hose bringe ich dich dann wieder zum Südbahnhof, bevor ich meinen Heimweg über die Zülpicher Straße und den Rathenauplatz antrete.

Klausurrelevant ist dieser Abend sicherlich nicht gewesen. Dafür aber hast du das Kwartier Latäng kennengelernt – und wenn es dir gefallen hat, dann treffen wir uns sicherlich einmal am Mäuerchen.

Text/Fotos: Florian Eßer

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

Quellen und Anmerkungen

(1)  Für seinen Film „Collide“ drehte Regisseur Eran Creevy nicht nur im Stiefel, sondern unter anderem auch auf der Domplatte und im Odonien
https://de.wikipedia.org/wiki/Collide

(2)  Zur Geschichte der Kirche Herz Jesu

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