Neumarkt

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Neumarkt

Der Neumarkt ist seit seiner Errichtung ein zentraler Platz für Veranstaltungen

Wer in Köln auf eine großangelegte Shoppingtour gehen möchte, wird sich früher oder später auf dem Neumarkt in der Altstadt-Süd wiederfinden. Dieser ist nicht nur einer der zentralsten Plätze Kölns, mit seiner Fläche von rund 28.000 Quadratmetern ist er auch der größte Platz der Stadt(1). Dementsprechend ist er aus dem gesamten Stadtgebiet gut zu erreichen: Sieben unter- und überirdische Stadtbahnen sowie zwei Buslinien machen den Neumarkt zu einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte.

Obwohl sich dem Platz viele Superlative zuschreiben lassen, kann man eines nicht von ihm behaupten: dass er der älteste Platz der Stadt ist, wie man bereits an seinem Namen erkennen kann. Geht man von urkundlichen Zeugnissen aus, ist er 150 Jahre jünger als der Alter Markt, der 922 n.Chr. zum ersten Mal Erwähnung in historischen Dokumenten fand(2).

Dieser kam im Laufe der Zeit jedoch an seine Kapazitätsgrenzen. Um ihn zu entlasten, sollte eine Alternative her. Als solche legte der damalige Erzbischof Hildolf zu Beginn des 11. Jahrhunderts den Bereich des Neumarkts fest. Der „novo mercato“ diente fortan vor allem als Markt für den Viehhandel; Rinder, Schweine, Hühner und Pferde wechselten hier im Mittelalter den Besitzer. Heute kann man auf dem Neumarkt selbstverständlich keine Nutztiere mehr erwerben – in seiner Umgebung findet man aber alles, was auf der Einkaufsliste steht.

Shoppen und bummeln: Der Neumarkt als Fußgängerzone

Neben den zahlreichen Einzelgeschäften befinden sich am Neumarkt gleich zwei kleinere Shoppingcentren. Die Neumarkt Passage wurde 1988 errichtet und beherbergt neben Cafés und Läden die Kreissparkasse Köln und das Käthe-Kollwitz-Museum, in dem Kunstfreunde die weltgrößte Werkssammlung der Malerin und Bildhauerin bestaunen können.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu der Neumarkt Passage befindet sich seit 1998 die größere Neumarkt Galerie, deren Dach ein beliebtes Fotomotiv schmückt: Eine übergroße Eiswaffel ragt mit der Spitze nach oben in den Himmel, die süße Füllung läuft schmelzend an der Glasfassade des Kaufhauses hinab. Das skurrile Kunstwerk mit dem Titel „Dropped Cone (dt.: „fallen gelassenes Eishörnchen“), wurde von den Amerikanischen Künstlern Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen entworfen und ist mittlerweile zum ikonischen Wahrzeichen des Platzes geworden.

Eine weitere Kuriosität findet sich am Richmodis-Haus, aus dessen Turm der Blick des neugierigen Betrachters von zwei Pferdeköpfen erwidert wird. In der nordöstlichen Ecke des Neumarkts liegt der Eingang zur Schildergasse, der zweitältesten Straße Kölns, die heute die wohl am stärksten frequentierte Fußgängerzone und Einkaufsstraße der Stadt ist. Dicht an dicht reihen sich hier die Geschäfte aneinander, Straßenmusiker unterhalten die Café-Gäste, während diese den scheinbar endlosen Strom an Passanten beobachten.

Neonreklamen und Ladenschilder buhlen um die Aufmerksamkeit der Einkaufenden – da liegt der Gedanke nahe, dass die Schildergasse ihren Namen den vielen Reklametafeln verdankt. Tatsächlich aber geht er auf die vergessene Kunst der Wappen- und Schildmalerei zurück. Im Mittelalter hatten hier viele Künstler ihre Werkstätten, die etwa die Schilder von Rittern bemalten, die den Träger nicht nur schützten, sondern auch seine Herkunft und Zugehörigkeit mit kunstvollen Verzierungen ausweisen sollten.

Aus dem frühen Mittelalter stammt auch die romanische Kirche Sankt Aposteln, die in ihrer jetzigen Gestalt mit den beiden Osttürmen seit dem Jahr 1198 existiert. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Neumarkt liegen außerdem die Zentralbibliothek Kölns und das Rautenstrauch-Joest-Museum, das sich mit seinen Ausstellungen der Völkerkunde widmet.

Hexenwahn und Spukgeschichten

Bevor Köln eine Millionenmetropole und der Neumarkt zum Ankerpunkt des Geschäftslebens wurde, ging es auf dem Platz durchaus schaurig zu. Eine legendäre Spukgeschichte rankt sich um das Richmodis-Haus. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als die Pest Verderben über Europa brachte, wurde dieses vom damaligen Kölner Stadtrat und Ritter Mengis von Aducht bewohnt – zusammen mit seiner Frau Richmodis von Lyskirchen. Diese fiel alsbald dem Schwarzen Tod zum Opfer und wurde auf dem kleinen Friedhof von Sankt Aposteln, der heute nicht mehr existiert, beigesetzt.

Die Geschichte nimmt eine glückliche Wendung, als der Totengräber zum Grabräuber wurde und den Schmuck der Toten an sich nehmen wollte. Zu seinem Entsetzen fand er Richmodis lebend im Holzsarg vor. Als die Totgeglaubte wieder zu ihrem Mann zurück kam, traute dieser seinen Augen nicht: „Bevor meine Frau aus dem Sarg zurückkehrt, werden eher meine beiden Schimmel oben auf dem Turmspeicher stehen“, sagte er ungläubig. Und so kam es dann auch: Die Reittiere des Ritters galoppierten die Treppen empor und blickten aus den Fenstern des Turmes. Die beiden Pferdeköpfe, die heute noch den Turm des Richmodis-Hauses zieren, gehen auf diese Sage zurück.

Im Mittelalter diente der Neumarkt auch als Richtplatz, auf dem Henker gefällte Todesurteile vollstreckten – so auch zur Zeit der Hexenverfolgung, die im 16. und 17. Jahrhundert ihren dramatischen Zenit erreichte. Nicht nur fanden auf dem Neumarkt Hinrichtungen von Hexen statt. Dieser – so hieß es damals – soll auch den Hexen selbst als Ort für obskure Rituale gedient haben, wie dem Hexensabbat, einer schwarzen Messe, bei der der Teufel selbst zugegen gewesen sein soll.

Die bekannteste Frau, der man unterstellte an diesen Festen auf dem Neumarkt teilgenommen zu haben, war Katharina Henot, eine wohlsituierte Kölner Bürgerin, die 1627 entweder aus Aberglauben oder politischem Kalkül heraus vor den Scharfrichter gebracht wurde. Getötet wurde Henot jedoch nicht auf dem Neumarkt, sondern auf dem Melaten-Friedhof, der zu jener Zeit ebenfalls als Richtstätte diente.

Die Kölner Band „Bläck Fööss“ widmete Katharina Henot ein nach ihr benanntes Lied. 2012 wurden sie und die anderen Opfer der Kölner Hexenprozesse vom Stadtrat rehabilitiert und offiziell vom Vorwurf der schwarzmagischen Tätigkeiten freigesprochen.

Drogenkriminalität: Ein dunkles Kapitel des Platzes

Hexenprozesse finden auf dem Neumarkt nicht mehr statt, heute jedoch ist er der Ausgangspunkt für viele Prozesse anderer Art, die vor den Kölner Gerichten wegen Drogendelikten geführt werden. Auf dem Platz und um ihn herum hat sich eine aktive Szene von Rauschgiftkonsumenten etabliert, die ihrem Konsum teilweise offen nachgehen, was zum Streitpunkt einer langjährigen Debatte zwischen Anwohnern und Stadt geworden ist.

Als im Jahr 2016 ein Vater und sein Sohn von einer Gruppe aus dem Milieu attackiert wurden, sprach etwa der Kölner Stadt-Anzeiger davon, dass „ein neuer Tiefpunkt der Entwicklung“ erreicht worden sei und dass der Neumarkt selbst „seit Jahren immer stärker von einer offenen Drogenszene geprägt wird.“ Im selben Artikel wird deutlich, wie lange die Problematik schon besteht: „Die Drogenszene am Neumarkt ist nicht neu“, heißt es weiter, „seit den 90ern treffen sich hier Junkies und machen Dealer ihre Runden“(3).

Obwohl die Polizei durch stete Präsenz bemüht ist, den Drogenhandel und -konsum einzudämmen, reichen die Maßnahmen der Stadt vielen Anwohnern und Ladeninhabern des Neumarkts nicht aus. Eine finale Lösung für das Drogenproblem am Neumarkt hat man indes noch nicht gefunden, wohl aber eine vorübergehende: Mittlerweile wurden zwei mobile Anlaufstellen in Betrieb genommen – „ein Fahrzeug, in dem Beratungen stattfinden, und ein Fahrzeug, in dem Abhängige unter medizinischer Aufsicht Drogen konsumieren können“, wie es in einer offiziellen Presse-Information der Stadt Köln heißt.

Damit folgt die Verwaltung einem 2019 gefassten Beschluss des Stadtrats, räumt aber gleichzeitig ein, dass es sich bei dem mobilen Angebot um keine endgültige Bewältigung des Problems handelt. Durch den beschränkten Raum der Mobile seien sie „lediglich als Übergangslösung geeignet“, die Verwaltung arbeite aber „weiter an der vom Rat beauftragten Etablierung eines dauerhaften Standorts“(4).

Text / Fotos: Florian Eßer

Quellen:

(1) Landschaftsverband Rheinland (LVR): „Neumarkt in Altstadt-Süd“ (Stand 29.02.2020)
https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-290101

(2) LVR: „Alter Markt in Altstadt-Nord“ (Stand 29.02.2020)
https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-261794

(3) „Überfälle und Prügeleien – Die offene Drogenszene prägt den Kölner Neumarkt“, KStA (Stand 28.02.2020)
https://www.ksta.de/koeln/ueberfaelle-und-pruegeleien-die-offene-drogenszene-praegt-den-koelner-neumarkt-24213730

(4) „Auftakts-Pressekonferenz des Verwaltungsvorstands 2020“ (Stand 28.02.2020)
https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf13/presse/jahresauftakts_pk_2020_presse-hand-out_final.pdf

Zur Richmodis-Sage (je nach Quelle variieren die Wiedergaben im Detail):
Röhrig, Tilman: Sagen und Legenden von Köln, Wienand Verlag Köln.

Zur Geschichte von Sankt Aposteln:
https://gemeinden.erzbistum-koeln.de/st-aposteln/basilika/geschichte.html

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