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Waldorfschulen mit 100-jährigem Jubiläum auf der Didacta in Köln

Bildungsmesse Didacta in Köln noch bis 23. Februar

Freie Waldorfschulen auf der didacta

Der Stand der Freien Waldorfschulen auf der Kölner Bildungsmesse Didacta (Foto: Ertay Hayit)

Es herrscht wieder Hochbetrieb auf dem Gelände der Kölner Messe. Die didacta hat ihre Tore geöffnet und rund 800 Aussteller aus der Bildungs- und Erziehungsbranche zeigen, wie heute und morgen Lerninhalte vermittelt werden und Unterricht gestaltet wird. Die didacta ist die weltweit größte Messe für den Bildungsbereich und findet reihum in den Städten Köln, Stuttgart und Hannover statt.

Ein Verbund freier Träger von Ersatzschulen und Kindergärten, der Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland, präsentiert sich in diesem Jahr mit einem großen und bunten Stand, denn es gibt ein Jubiläum zu feiern: Vor 100 Jahren, im September 1919, eröffnete in Stuttgart die erste Waldorfschule.

Die Gründung
Der Unternehmer Emil Molt, Gründer der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, wollte den Kindern der bei ihm beschäftigten Arbeiter eine gute Ausbildung ermöglichen und bat deshalb Rudolf Steiner (1861-1925), die pädagogische Leitung dieser Schule zu übernehmen.

Die Stuttgarter Waldorfschule, die Molt nach seinem Unternehmen benannte, war die erste koedukative Gesamtschule. Sie ersetzte das Prinzip der Auslese im Schulsystem durch eine Pädagogik der Förderung. Unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung und angestrebtem Beruf, erhielten junge Menschen hier eine gemeinsame Bildung. Weitere Schulen wurden in den folgenden Jahren (mit Unterbrechung und Schließung während der Nazizeit) in Deutschland und weltweit eröffnet, um nach den schnell als „Waldorfpädagogik“ bekannten pädagogischen Leitlinien zu arbeiten. 

Insbesondere seit den 1970er Jahren nehmen die Neugründungen stark  zu, inzwischen gibt es in Deutschland 250 und weltweit über 1.100 Waldorfschulen sowie 1.800 Waldorfkindergärten. An Waldorfschulen werden die Schüler im Klassenverband gemeinsam von der 1. bis zur 13. Klasse unterrichtet – ein hierzulande einzigartiges Schulmodell.

Aktivitäten zum 100-jährigen Bestehen
Das 100-jährige Jubiläum wird mit zahlreichen Aktionen gefeiert – ein Postkartenaustausch aller 1.100 Schulen untereinander fördert dabei die gegenseitige Wahrnehmung und Vernetzung genauso wie der Staffellauf durch Deutschland. Bei diesem werden drei Staffelhölzer auf verschiedenen Wegen von Nord nach Süd per Fuß, Boot, Paddel oder Fahrrad von Waldorfschule zu Waldorfschule transportiert. Es gibt künstlerische und musikalische Projekte, kollegiumsübergreifende Arbeiten an pädagogischen Inhalten sowie den Aufruf, dass an allen Schulen weltweit Projekte mit und für Bienen durchgeführt werden.

Waldorfschulen heute
Vorstandsmitglieder des Bundes der Freien Waldorfschulen informierten bei einem Pressegespräch am Stand auf der Didacta. Presse-Vorstand Henning Kullak-Ublick war selbst 26 Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule, bevor er in den Bundesvorstand wechselte. Er betont, dass man bei den Waldorfschulen verstanden habe, dass es in nächster Zeit viele Aufgaben und Anstrengungen zu bewältigen gebe. „Wie gehen wir mit der Digitalisierung um und was ist die beste Vorbereitung auf die digitale Welt", so Henning Kullak-Ublick, „das sind aktuelle Fragen, die in der Waldorfpädagogik heiß diskutiert werden. Schließlich wollen wir den Menschen als Ganzes betrachten. Erstklässler sollen lernen, mit all ihren Sinnen zu erleben. Sie sollen sich selbst nicht nur mental, sondern auch ihren Körper spüren. Andererseits müssen wir uns den Realitäten unserer Gesellschaft stellen. Deshalb möchten wir zu einer Medienmündigkeit der Kinder und Jugendlichen beitragen."

Dass die Waldorfschulen auch die nächsten 100 Jahre überleben, davon ist Pressesprecher Vincent Schiewe überzeugt: „Wir spüren im Moment eine steigende Nachfrage bei Schulneugründungen. Das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft der Waldorfschulen", meint Schiewe.

In Köln gibt es zwei Waldorfschulen: die Michaeli Schule in der Kölner Südstadt und die Freie Waldorfschule in Chorweiler. Die Geschäftsführerin der Kölner Michaeli-Schule, Nele Auschra, ist gleichzeitig auch Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen. Die studierte Ethnologin freut sich „über die internationale Verbreitung der Waldorfschulen und über die Anstrengungen, diese untereinander zu vernetzen".

Natürlich muss die Waldorfpädagogik auch Kritik aushalten. Das liegt unter anderem an den Vorstellungen ihres Gründers Rudolf Steiner. Von seinen rassistischen Ausführungen hat die heutige Waldorfpädagogik sich erst wage, später dann ausdrücklich distanziert. Aber Kullak-Ublick gibt offen zu, dass „es auch bei uns Sektierer und gar Verschwörungstheoretiker gibt. Doch die gibt es überall. Insgesamt sind wir von den politischen Einstellungen deutlich überwiegend im ökologischem und grünen Spektrum angesiedelt." Und auch das staatliche Schulsystem sei, so Kullak-Ublick, in die Jahre gekommen. Schließlich beruhe dieses auf Werten und Vorstellungen des damaligen preußischen Staates und sei nicht mehr zeitgemäß und somit reformbedürftig.

Auf der Didacta
Auf der Didacta kann man noch bis Samstag, 23. Februar, in Halle 7, Stand D060, in Kontakt mit Waldorflehrern und Schüler, mit Kindergartenvertretern und regionalen Ausbildungsstätten für Waldorflehrer und -erzieher kommen. Neben Mitmach-Aktionen und Aufführungen gibt es Vorträge und Talks zu pädagogischen Themen der Gegenwart und Zukunft.

LehrerInnen gesucht
Übrigens: Die freien Waldorfschulen in Deutschland suchen jedes Jahr über 600 neue LehrerInnen. Auch Nele Auschra von der Kölner Michaeli Schule freut sich über jede Bewerbung.

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