Severinsviertel

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Das Severinsviertel: ein urkölsches Veedel

Das Severinsviertel in der südlichen Altstadt verdankt seinen Namen der Kirche St. Severin, die im Jahr 1237 als Friedhofskapelle gegründet wurde (1). Noch heute sollen in ihr die Gebeine des Heiligen Severin von Köln aufgebahrt sein, nach dem die Kirche benannt worden ist.

Viel ist über den Heiligen Severin nicht bekannt, den die Kölner in ihrer Mundart auch „Zinter Vring“ nennen. Faktisch belegt ist sogar noch weniger. Fest steht jedoch, dass er im vierten Jahrhundert der dritte Bischof der Stadt war und noch heute als Schutzpatron Kölns verehrt wird.

Das „Vringsveedel“ gilt als einer der urkölschsten Stadtteile, in dem auch die überregionale Presse das „ursprünglichste Veedel des 2000-jährigen Kölns“ sieht, wie es etwa in der Welt am Sonntag heißt. So sei es „ein Ort für Originale und Originelles – nicht nur zum Karneval, den man hier begeistert feiert“ (2).

In der Tat: Das Severinsviertel hat eine Menge zu bieten, Stadtgeschichte und aktuelle Kölner Kultur liegen hier meist nur wenige Schritte auseinander. Besonders deutlich wird dieses Zusammenspiel von Historie und modernem Großstadtleben auf der Severinstraße, der Haupteinkaufsstraße des Viertels. Heute findet man entlang der „Vringsstroß“ unzählige Geschäfte, die jeglichen Bedarf der Nahversorgung decken, Kneipen sowie auch Relikte des Mittelalters, als die Severinstraße bereits von zentraler Bedeutung für die Stadt war.

Von der „Pfaffengasse“ zur Einkaufsstraße

Nachdem Köln schon im frühen Mittelalter zum Bischofssitz wurde, prägte der christliche Einfluss die Architektur der Stadt über die Jahrhunderte hinweg bedeutsam mit: Immer mehr Kirchen und Klöster wurden errichtet, deren Türme in den Himmel über dem „hilligen“ Köln ragten. Besonders hoch war die Dichte der Gotteshäuser entlang der Severinstraße: St. Severin, St. Johann-Baptist und das „Severinsklösterchen“ sind nur ein paar Beispiele für noch heute existierende Glaubenseinrichtungen des Veedels. Aufgrund der Fülle an Kirchen und Stiften wurde die Severinstraße auch „Pfaffengasse“ genannt. Ist der Begriff des Pfaffen heute meist negativ konnotiert und wird als abwertende Bezeichnung für Mitglieder des Klerus verwendet, war er zu dieser Zeit noch ein respektvoller Terminus, mit dem man Priester der römisch-katholischen Kirche betitelte.

Als Namensgeberin des Vringsveedels ist die Kirche St. Severin in der Nähe des Chlodwigplatzes natürlich von besonderer Bedeutung - noch heute herrscht in ihrer Gemeinde ein reges Gesellschaftsleben. In der Pfarrbibliothek, die rückseitig an die Kirche angeschlossen ist, werden regelmäßig Lesungen veranstaltet, in der Kirche selbst finden öffentliche Konzerte statt. Gegenüber der Bibliothek liegt der „Vringstreff“, eine soziale Einrichtung, in der Menschen in schwierigen Lebenslagen ein offenes Ohr und tatkräftige Unterstützung finden. So können sich hier etwa Menschen beraten lassen, denen der Verlust ihrer Wohnung droht, oder die bereits obdachlos geworden sind. Der Vringstreff unterstützt aber ebenso bei Finanz- und Suchtproblemen, um auch schlechtsituierten Kölnern „Integration und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen“ (3).

Ein Geheimtipp in der unmittelbaren Nähe zu St. Severin ist der Deutsch-Spanische Kulturverein „Antonio Machado“, das kulturelle Zentrum der spanischen Gemeinde in Köln. Mit einem großen Angebot an Tanz- und Sprachkursen kümmert sich der Verein um die Pflege der spanischen Kultur und lädt regelmäßig zu Aufführungen ein, von denen vor allem die Flamenco-Abende einen Besuch mehr als wert sind.

Die helfenden Schwestern vom Severinsklösterchen

Die kirchliche Prägung des Veedels geht aber nicht nur von St. Severin aus. Eine wichtige Rolle spielt auch das Krankenhaus der Augustinerinnen oder das „Severinsklösterchen“, wie es im Volksmund liebevoll genannt wird. Das Krankenhaus wurde 1874 von den Schwestern der Cellitinnen-Ordensgemeinschaft gegründet – der Name des Krankenhauses rührt daher, dass sich der Orden auf die Regeln und Werte des heiligen Augustinus beruft.

Im Ersten Weltkrieg versorgten die Schwestern im Hospital nicht nur verwundete Kölner Soldaten, sondern auch Mitglieder ausländischer Einheiten, die von den Ordensschwestern eigenhändig von der Front abgeholt wurden – eine gefährliche Aufgabe, die nicht immer gut ausging. Ein Denkmal im Innenhof des Krankenhauses erinnert noch heute an den Tod von fünf Schwestern, die bei einem Zusammenstoß mit einem Militärzug ums Leben kamen, als sie gerade verletzte Frontsoldaten abtransportieren wollten.

Während des Zweiten Weltkriegs nahmen die Nonnen die Wundversorgung der Kriegsversehrten wieder auf, doch wurde auch das „Severinsklösterchen“ von abgeworfenen Bomben getroffen und zerstört (4).
Überhaupt hinterließen die Bombennächte der Alliierten Trümmer und Schutt im Severinsviertel. Das letzte Haus des Veedels, das im Baustil des Barocks die Jahrhunderte überdauert hat, befindet sich an der Hausnummer 15 der Severinstraße: das Haus Balchem oder „Em Balge“, wie der Kölner sagen würde. Heute befindet sich in dem architektonischen Prachtbau die Stadtteilbibliothek des Veedels, früher beheimatete sie die Bierbrauerei der Familie Balchem, auf die der Beiname des barocken Gebäudes zurückgeht.

Kino und Kultur im Vringsveedel

Mit dem Odeon-Kino auf der Severinstraße findet sich im Vringsveedel eines der traditionsreichsten Kinos im Kölner Raum, das durch sein „Filmkunstprogramm“ und die „nostalgische Filmpalast-Atmosphäre“ besticht(5). Am Standort des heutigen Kinos befand sich lange Zeit die „Vrings-Oper“, bis diese dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel.

In den 50er Jahren, der goldenen Ära der „Lichtspielhäuser“, entstand hier dann das erste Kino, das „Rhenania“. Mit 700 Plätzen war das Rhenania keine kleine Hausnummer, was es allerdings auch nicht vor dem Kino-Sterben der 70er Jahre retten konnte. Da immer mehr Haushalte über einen eigenen Fernsehapparat verfügten, sank die Nachfrage an öffentlichen Filmvorführungen drastisch. Auch das Rhenania litt unter dem Einnahmenverlust und musste seine Pforten letztendlich schließen. 1987 wurde dann schließlich das Odeon-Kino eröffnet, das sich bis heute großer Beliebtheit erfreut.

Bis 1975 war das Severinsviertel darüber hinaus der Sitz der berühmten Schokoladenfabrik Stollwerck. Die Fabrik entwickelte sich aus einer Manufaktur für Hustenbonbons, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Franz Stollwerck in Köln gegründet wurde. Da die Bonbon-Produktion schnell zu einem großen Erfolg wurde, erweiterte Stollwerck sein Repertoire um weitere Süßigkeiten wie Marzipan und eben Schokolade.

Mit den Jahrzehnten mauserte sich das Unternehmen zu einem der weltweit größten Hersteller von Kakaoprodukten und konnte viele seiner Konkurrenten aufkaufen. In der Mitte der 1970er Jahre verlagerte die Familie Stollwerck ihre Produktion vom Severinsviertel nach Köln-Westhoven. Rasch entbrannte ein Streit darüber, wie die ehemaligen Fabrikanlagen nun genutzt werden sollten. Die Stadt wollte den Großteil abreißen, der Rest sollte zu Wohnflächen umgebaut werden. Eine Gruppe von Aktivisten stellte sich diesen Plänen entgegen. Sie forderte, dass auf der gesamten Fläche bezahlbare Wohnungen geschaffen werden sollten, was sie mit einem eigenhändigen Umbau der Anlage zu verwirklichen planten. Im Rahmen der Proteste kam es zu der größten Hausbesetzung der Kölner Stadtgeschichte: Hunderte Menschen bezogen die ehemalige Schokoladenfabrik, um einen Abriss zu verhindern. Ohne Erfolg: Die Stadt setzte ihre anfänglichen Pläne in die Tat um und ließ die Abrisskugeln ihre Arbeit machen. Einen Teil der ehemaligen Fabrikanlagen ließ sie aber tatsächlich in Wohnraum umwandeln.

In einem benachbarten Gebäude, einem ausrangierten Proviantlager der Preußen, wurde das Bürgerhaus Stollwerck eingerichtet, das bis heute das soziale und kulturelle Zentrum des Veedels darstellt: Neben dem Theater 509, einer Bühne für Kleinkunst, gibt es im Bürgerhaus Säle für öffentliche und private Veranstaltungen sowie Proberäume für Musiker, Künstler-Ateliers und ein Café.

An die alte Schokoladenfabrik der Familie Stollwerck erinnert neben dem Bürgerhaus die Skulptur einer Frau auf dem Kirchplatz von St. Severin, die die zumeist weiblichen Angestellten der Manufaktur repräsentieren soll.

Severinstorburg und Ulrepforte: Überbleibsel des Festungsrings

Köln war über Jahrhunderte hinweg eine gut geschützte Festungsstadt: Nachdem die Römer ihre „Colonia“ bereits mit einem Schutzwall versahen, um die Stadt am Rhein vor feindlichen Überfällen zu bewahren, folgten im Mittelalter gleich zwei Erweiterungen der Befestigungen. Auf einer Mauerlänge von fast acht Kilometern errichtete man zahlreiche Pforten, Türme und zwölf speziell befestigte Torburgen. Unter der Herrschaft der Preußen entstand im 19. Jahrhundert ein weiterer Festungsring, der jedoch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gemäß des Versailler-Vertrags geschliffen werden musste.

Insgesamt finden sich auf dem Kölner Stadtgebiet somit Relikte von vier unterschiedlichen Mauerwerken, von denen vor allem einige mittelalterliche Torburgen noch gut erhalten sind. So etwa die Severinstorburg und die Ulrepforte im Vringsveedel. Die Severinstorburg am Chlodwigplatz wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet und gehört somit zu den mittelalterlichen Verteidigungsanlagen der Stadt. Durch den 28 Meter hohen Hauptturm konnten Feinde, die Köln über die südliche Römerstraße angreifen wollten, schnell entdeckt werden. Zusätzliche kleine Türme und Plattformen für Bogenschützen machten die Severinstorburg zu einem regelrechten Bollwerk, an denen sich die Truppen feindlicher Feldherren die Zähne ausbissen.

Legendäre Liebesgeschichte: Jan und Griet
Auch eine berühmte Kölner Legende steht mit der Severinstorburg im Zusammenhang: Die Sage des Reitergenerals Jan von Werth, der für seine zahlreichen Erfolge noch heute gefeiert wird – vor allem im Karneval. Ein Schild an der Severinstorburg gibt die Geschichte wieder, an deren Beginn Jan van Werth  jedoch noch alles andere als ein gefeierter Held war: Der junge Knecht aus einfachen Verhältnissen soll sich unsterblich in eine junge Magd namens Griet verliebt haben, die ihn aufgrund seines niedrigen Standes aber als Liebhaber verschmähte. Der liebeskranke von Wert trat daraufhin der Armee bei und kämpfte sich im Dreißigjährigen Krieg in zahlreichen Schlachten die Dienstleiter empor, bis er es schließlich zum Reitergeneral gebracht hatte.
Nach einer seiner triumphreichen Schlachten zog Jan von Werth mit seinen Truppen durch die Severinstorburg, an der er auf seine ehemalige Liebe Griet traf. Auf ihrer Höhe hielt er an, stieg vom Pferd und sagte: „Jriet, wer et hätt jedonn!“ („Griet, wer hätte es getan?“), woraufhin Griet, die es nun bereute, von Werth abgewiesen zu haben, erwiderte: „Jan, wer et hätt jewoß!“ („Jan, wer hat es gewusst?“). Jan von Werth stieg danach wieder auf sein Pferd und ritt davon, ohne Griet jemals wiederzusehen.
Diese Geschichte um den tapferen Reitergeneral und seine unerwiderte Liebe hat Köln nachhaltig beeinflusst: Die Aussage „Wer et hätt jedonn, wer et hätt jewoß!“, ist heute noch eine Kölsche Redewendung, die eine vertane Chance beschreibt.
Das „Reiterkorps Jan von Werth“ ist zudem eine hoch angesehene Garde des Kölner Karnevals mit einer langen Tradition. Sie organisiert das alljährlich an Weiberfastnacht stattfindende „Spill an der Vringspooz“, eine schauspielerische Aufführung der Geschichte von Jan und Griet.

Die Stadtsoldaten und ihr Ruf

Die Ulrepforte am Sachsenring, auf Kölsch „Ühlepoorz“ genannt, ist die kleinste der Torburgen und diente zur Verteidigung der südwestlichen Stadtgrenzen.
Im 13. Jahrhundert war sie der Schauplatz einer Schlacht zwischen zwei Patrizierfamilien, den Overstolzen und den Weisen. Nachdem die beiden Familien bereits zuvor blutige Fehden ausgetragen hatten, fassten die Weisen einen simplen, aber perfiden Plan: Sie bestachen einen Kölner Bürger dafür, dass er einen Tunnel unter der gut gesicherten Ulrepforte aushob, durch den die Weisen in Armeestärke in die Stadt eindringen konnten. Die überrumpelten Overstolzen waren den Angreifern zahlenmäßig zwar stark unterlegen, durch die herbeieilenden Truppen unterstützender Kölner konnten sie den Angriff jedoch abwehren.

Heute ist die Ulrepforte der Sitz der „Roten Funken“, dem ältesten Korps des Kölner Karnevals. Die Kölner Funken stellen eine Persiflage auf die ehemaligen Stadtsoldaten Kölns dar, erhielten im Laufe ihres Bestehens aber auch Attribute, die die preußischen Streitmächte parodieren. Ursprünglich galten die Soldaten der Stadt Köln als eine gut ausgebildete Elitetruppe, deren Ruf mit der Zeit jedoch immer weiter ins Negative sank. Als etwa die französischen Truppen Napoleons vor den Toren standen, erschienen keine Stadtsoldaten, um Köln vor den zukünftigen Besatzern zu verteidigen. Stattdessen ergab man sich den Franzosen kampflos, die die Stadt daraufhin für knapp vierzehn Jahre beherrschten, bis sie 1814 von den Preußen vertrieben wurden. Unter anderem durch diesen Vorfall standen die Stadtsoldaten bald im Ruf, eine faule und feige Gruppe von Trunkenbolden und Drückebergern zu sein – Zuschreibungen, die die Kölner Funken noch heute auf die Schippe nehmen.
So zeugt auch eine Bronzefigur des Künstlers Willi Neffgen von dem schlechten Image der städtischen Soldaten: In einem Bogen der Mauer lehnt ein solcher Stadtsoldat – auf sein Gewehr gestützt und scheinbar in ein Nickerchen vertieft.

Zum Schluss noch ein kleiner Tipp, der allerdings nicht mehr sehr geheim ist: Mit hunderttausenden Besuchern zählt „Der längste Desch vun Kölle“, das Straßenfest der Severinstraße, zu den größten und meistbesuchten Straßenfesten in ganz Deutschland. Jedes Jahr am dritten September-Wochenende verwandelt sich das gemütlich-kölsche Veedel dabei in eine Partymeile. An der Severinstorburg beginnend erstrecken sich zahlreiche Stände und Verkaufswagen von Händlern, Gastronomen und Vereinen bis hin zur Severinsbrücke. Auch werden Konzertbühnen aufgebaut, um die Besucher mit Auftritten von kölschen Bands zu unterhalten.

Text/Fotos: Florian Eßer

Über den Autor

Florian Eßer ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet er nun als freier Journalist und Autor in seiner Heimatstadt. Besonders schätzt er die Vielfältigkeit Kölns, die über Karneval und lecker Kölsch hinausgeht – wenn man genauer hinsieht.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Das Gründungsjahr der Severins-Kirche wird in den Quellen unterschiedlich angegeben. Die hier genannte Jahreszahl entstammt der offiziellen Webpräsenz von Sankt Severin
 
(2) „Wo die Kölsche Seele wohnt“, Welt am Sonntag (Stand 26.03.2020):
welt.de/print-wams/article106767/Wo-die-koelsche-Seele-wohnt.html

(3) Vringstreff e.V. (Stand 31.03.2020)

(4) „140 Jahre im Herzen der Südstadt“ (Stand 31.03.2020)
severinskloesterchen.de/ueber-uns/historie

(5) Zur Geschichte des Odeon-Kinos:
odeon-koeln.de/inhalt/wir_ueber_uns/geschichte

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